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Tief berührend: Eleonora Hummel stellt ihren Roman "In guten Händen, in einem schönen Land" in Dresden vor

Tief berührend: Eleonora Hummel stellt ihren Roman "In guten Händen, in einem schönen Land" in Dresden vor

Es sind die alten, immer wieder neuen Fragen: "Woran ein Mensch zerbricht, und ob man ihn danach im Innersten wieder zusammenfügen kann. Warum es die Mütter sind, die den Verstand verlieren, wenn man ihnen die Kinder nimmt, selten die Väter.

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Eleonora Hummel wurde als Kind russlanddeutscher Eltern in Kasachstan geboren und lebt seit 1982 in Dresden.

Quelle: get-shot.de

" Dieses Buch stellt sie, indem es eine ungewöhnliche Geschichte aus den Fünfziger-, Sechzigerjahren in der Sowjetunion erzählt: von einem Mädchen mit zwei Müttern. Von den Spuren, die eine Diktatur hinterlässt, von zerstörten Beziehungen, geschundenen Seelen.

Es ist eines jener seltenen Bücher, welche die Kraft besitzen, einen als Leser zu verändern. Weil sie einen aufs Tiefste berühren, ohne je rührselig zu sein. Die erschüttern, ohne sich irgendwelcher Effekte zu bedienen. Sein Titel "In guten Händen, in einem schönen Land" mutet harmonisch an, bekommt aber bald schon einen bitteren Klang. Geschrieben hat dieses Buch Eleonora Hummel, 1970 als Kind russlanddeutscher Eltern in Kasachstan geboren, 1982 mit ihnen nach Dresden ausgewandert. Es ist ihr dritter Roman. Und er weist sie als eine großartige Erzählerin aus. Schon weil sie die Gabe besitzt, mit frappierender Genauigkeit über eine Zeit zu erzählen, die sie nicht erlebt hat.

Auf die Begebenheit stieß sie 2007 in Kiew in einer russischsprachigen Zeitung, wie sie bei ihrer Lesung in der Bibliothek Laubegast berichtete. Eine Schauspielerin, die ins Arbeitslager gesperrt und von ihrer Tochter getrennt wurde. Ein authentischer Kern also. Die Fakten hat sie in öffentlich zugänglichen Quellen recherchiert. Zu einem beeindruckenden Kunstwerk geformt jedoch hat diesen Stoff allein ihre Imaginationskraft.

Sie zeichnet das Bild dreier miteinander verbundener Frauen. Viktoria, das Kind, von Heim zu Heim geschickt. Dem erzählt wird, dass seine Mutter lebe, aber eine Kriminelle sei. Das einen anderen Familiennamen bekommt, um es unauffindbar zu machen. Das sich die abwesende Mutter in der Phantasie erschafft. Ein Bild, vor dem die harte Realität versagt.

Denn ihre Mutter, Olessia Pawlowna Lepanto, ist nach 17 Jahren Arbeitslager nicht mehr dieselbe. Eine künstlerisch begabte Tochter aus bürgerlichem Hause in St. Petersburg. Der Vater 1921 auf der Krim als "Verräter" erschossen. Sie allein wegen des Besitzes von Dantes "Göttlicher Komödie" im italienischen Original und ihres ungewöhnlichen Familiennamens der Spionage beschuldigt. Dann, bereits in die Verbannung entlassen, wegen "antisowjetischer Propaganda" erneut inhaftiert. Weil man ihr das Kind wegnimmt, psychisch angegriffen. Vom Schleppen 20 Kilo schwerer Lehmziegel und der Arbeit als Schwangere im Kohleschacht vorzeitig gealtert.

Die dritte: Nina Petrowna Belikowa, vom eigenen Mann denunziert. Die bei der Verhaftung ihre Tochter zurücklassen muss. Der Säugling stirbt, noch nicht ein halbes Jahr alt. Nach Stalins Tod 1953 vorzeitig entlassen, macht sie auf Bitten von Olessia deren Tochter ausfindig. Die muss sich später, als das Heim aufgelöst wird, für eine der beiden Frauen entscheiden. "Wie teilt man ein Kind durch zwei Mütter?" Eine große alte Geschichte, wie sie in der Bibel, im 3. Kapitel des 1. Buches der Könige übermittelt ist und Bertolt Brecht sie im "Kaukasischen Kreidekreis" gestaltete. Hier neu erzählt in der Zeit politischer Willkür und Repression.

Mit einem Gespür noch für flüchtigste Gesten, die psychische Regungen verraten. Ob es eine Nebenfigur ist, wie der poltrige, doch liebenswürdig-witzige Bruder Ninas, oder ein Gesicht - stets erweist sich diese Autorin als eine äußerst präzise Feinzeichnerin. Selbst die Pflanzen am Wegesrand, mit denen die Häftlingsfrauen im Lager ihren Hunger stillten, benennt sie. Alles hat Farbe, Kontur, Lebendigkeit, Tiefenschärfe. Nichts wird behauptet, alles in Einzelheiten und prägnanten Bildern benannt und erzählt. In einer Sprache, die sich ganz zurücknimmt, die einfach, fast karg ist und dennoch von leuchtender Klarheit. In einer zentralen Szene betrachtet die Tochter Ilja Repins Gemälde "Die Wolgatreidler". "Der Lehrer erzählt uns von Willkür und Grausamkeit, von Leibeigenschaft, Rechtlosigkeit, miserablen Arbeitsbedingungen und Armut - alles Dinge, die heute in unserem Land glücklicherweise überwunden sind", vernimmt man als Leser - und es klingt höhnisch. Dann nur die knappe Bemerkung: "Ich freue mich, in unserem Land zu leben."

Wie klug die Autorin Erzählperspektiven wechselt, ihren Stoff voll innerer Spannung, Dramatik organisiert, das kommt unauffällig daher, entfaltet aber umso größere Wirkung. Wieder und wieder erlebt man Lektüremomente, wo einen die Wucht der Ereignisse trifft. Da schießt die ganze Tragik eines Lebens zusammen in Sätzen, die wie Granitblöcke dastehen. Etwa, wenn Olessia angesichts ihrer zerbrochenen Existenz resümiert: "Was dich angeht, hast du dich stets bemüht, die Scherben in Ordnung zu halten." Man steht und staunt: So also kann Literatur sein. Lest.

Eleonora Hummel: In guten Händen, in einem schönen Land. Steidl. 366 S., 22 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2014

Tomas Gärtner

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