Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Tibets Geister - Current 93 spielt ein seltenes Konzert in der Reithalle Dresden

Tibets Geister - Current 93 spielt ein seltenes Konzert in der Reithalle Dresden

Selbst mit anthrazitfarbenen Sachen war man am Mittwochabend in der Reithalle eindeutig zu hell gekleidet. Schwarz regierte die Straße E, blass geschminkte Gesichter allerorten, "The Cure"-Beutel, rote Lippen.

Voriger Artikel
Mini-Festival "Dresdner Anatomie" vereint Sachsens Kunsthochschulen zur langen Theaternacht
Nächster Artikel
Schalen und Suppenterrine - „Dinge des Lebens“-Schau in Dresden

David Tibet

Quelle: Dietrich Flechtner

Eine erste Frage war also schon geklärt, da war noch kein Ton zu hören. Das heißt, Töne gab es schon. Statt Vorband und Konservenmusik erklangen eine Stunde lang Glocken und -schellen mutmaßlich tibetischen Ursprungs aus den Lautsprechern.

Current 93, die als Projekt nie einer speziellen Abteilung der Populärmusik zuzuordnen waren, zogen in Dresden im weitesten Sinne den Gothic-Pulk an. "A Gothic Love Song", ein Current-Song, war also indirektes Motto einer Gemeinde, deren Fortbewegungsmittel in den Höfen des Industriegeländes zudem von längeren Fahrten kündeten. Motorräder aus Jena, Transporter aus Berlin: Man reist David Tibet gern hinterher, wenn es sein muss, quer durch Europa. Denn Konzerte sind rar, und manchmal werden Bemühungen kundiger Veranstalter nicht einmal belohnt. Die Live-Produktion des Sextetts ist mit "Geiz ist geil"-Mentalität nicht zu stemmen, und jeder, der Current 93 nicht kennt, kennen will, Real(-itäten) im TV einem Konzertbesuch vorzieht oder ganz einfach nur zu faul ist, seiner eigentlich vorhandenen Liebe zu experimenteller Rockmusik zu frönen, fehlt am Ende als Ticketkäufer. Bitter, aber wahr: Es wird der erste und einzige Auftritt von Current 93 in der Stadt gewesen sein, bevor nächste Generationen wechseln.

Der Wachsame wird keine Minute des Abends missen wollen. Hinter so vielen Offensichtlichkeiten lauerten permanent zweite, dritte Ebenen. Aus der Exaltiertheit des kleinen, drahtigen Sängers im zerbeulten Anzug wuchs künstlerische Meisterschaft. Die nur äußerliche Teilnahmslosigkeit der fünf Musiker neben Tibet verwies auf höchste Konzentration. Der Sound war zerklüftet wie kompakt, verwittert wie strahlend klar, der Kopf hatte zu tun, der Bauch nicht minder. Hochinteressant ist, wie David Tibet die Kollegen "gebraucht", sie zum Teil in neue Gewänder steckt, sie herausfordert: James Blackshaw, eigentlich ein begnadeter Akustikgitarrist, spielt hier E-Bass, Andrew Liles, Hexer in Sachen Electronics und Glockenspiel, wird zur Säule für Einfärbungen und Brücken, der Holländer Reinier Van Houdt entpuppt sich in dieser Konstellation als klassischer wie improvisationsaffiner Pianist am Flügel, der famose 70-jährige Blueser Tony McPhee macht sich mit akustischer und E-Gitarre völlig frei, Drummer Carl Stokes besitzt mit seinem Metal-Hintergrund nicht nur den nötigen Druck, sondern auch großartiges Gehör und Feinsinn für Nuancen. David Tibet selbst kann sich in dieser Klasse, nach der Kopfarbeit des Dichtens seiner Fließtexte, betten, kann sich auf Laut-Leise-Anweisungen beschränken, Songabfolgen spontan ändern, kann sich seiner Weinflasche widmen, dem Publikum, kann sich einfach an den Rampenrand setzen und zuhören. Er ist sicher. Wie das Amen in der Kirche.

Apropos: Man muss nicht nur im Fluss der englischen Sprache Freischwimmer sein, man muss auch Metaphern erfassen, Allegorien deuten, muss den Sinn hinter Bildern erspüren können, um in einem Current-93-Konzert alle Zeichen wahrzunehmen. Und wenn es nur Fetzen sind, Worte wie Jesus, Judas, Garten, Geist (von Gary Glitter), Tod, Atem und Schönheit, bleibt vor allem die Art, wie David Tibet mit seiner Stimme spielt, theatralisch, manchmal pathetisch, in jedem Falle expressiv sein Organ als Instrument zwischen Rezitation, Schrei und Gesang einsetzt. Für Schönheit waren auf der jüngsten CD " I Am The Last Of All The Field That Fell", die im Programm fast vollständig erklang, Sänger wie Antony Hegarty und Nick Cave zuständig. Dennoch: Gerade "I Could Not Shift The Shadow", das sich Cave beherzt zur Brust nahm, bekam live, von Tibet als klare Pianoballade bei vollem Saallicht bewahrt, eigenen Schimmer.

Die zumeist zehnminütigen Songs büßen im Vergleich zur Studioversion nichts ein, da ihre Substanz durchaus die Reduktion auf Sechser-, Dreier-, Zweierbesetzung verkraftet. Weil sie wie im Falle von "The Invisible Church" von kehligen Sprengseln der Gitarre leben, für "Those Flowers Grew" einfach der Grundbeat straffer wird, weil die Band sich packend auszuspielen vermag. Wenngleich John Zorns galliges Sax oder John Seagroatts nebelige Bassklarinette wunderbare Essenzen sind. Doch die Platte ist für daheim und gute Boxen.

Was man ahnen konnte, ist nun gewiss: Current 93 umweht auch auf der Bühne der inspirative Geist von Throbbing Gristle, Pere Ubu, von den Residents und Beefheart. Es sind die Geister, die David Tibet einst rief. Andreas Körner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.04.2014

Andreas Körner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr