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Thorleifur Örn Anarsson inszenierte Shakespeares „Othello“ im Dresdner Schauspielhaus

Premiere Thorleifur Örn Anarsson inszenierte Shakespeares „Othello“ im Dresdner Schauspielhaus

An die erst vor acht Jahren herausgekommene Dresdner Staatsschauspiel-Inszenierung von Shakespeares „Othello“ scheint sich kaum jemand zu erinnern. Was nun, in einer scheinbar veränderten allgemeinen Lage, der Isländer Thorleifur Örn Anarsson auf die Bühne stellen, werfen, schütten ließ, könnte sich schon eher im Gedächtnis festhaken.

„Othello“ mit Lucie Emons (Emilia), Katharina Lütten (Desdemona), Ahmad Mesgarha (Othello), Daniel Sträßer (Jago) und Paula Skorupa (Bianca)

Quelle: Krafft Angerer

Dresden. An die erst vor acht Jahren herausgekommene Dresdner Staatsschauspiel-Inszenierung von Shakespeares „Othello“ scheint sich kaum jemand zu erinnern. Was nun, in einer scheinbar veränderten allgemeinen Lage, der Isländer Thorleifur Örn Anarsson auf die Bühne stellen, werfen, schütten ließ, könnte sich schon eher im Gedächtnis festhaken, freilich auf Grund äußerlicher Umstände. Wenn denn die Menschen hingehen, um sich das anzusehen.

Dass Arnarsson nicht der prädestinierteste Stadttheater-Regisseur für Dresden und seine komplizierte politische Gemengelage sein kann, ist ihm ebensowenig vorzuwerfen wie sein Selbstverständnis als Weltbürger. Schon eher, dass er es beweisen will, indem er sich so überaus freizügig am Arsenal der vermeintlichen Theaterneuerungen des letzten Vierteljahrhunderts bedient, dass er den Zugriff auf die eigentlich plausibel und reduziert erzählte Geschichte am Ende verliert. So ehrbar der Ansatz, so verwischt, konterkariert, um nicht zu sagen vermüllt erscheint schließlich das Anliegen, die Tragödie als einen Appell zur Toleranz zu begreifen. Dabei ist der Gestus der Inszenierung nicht intellektuell arrogant, sondern eher ein bisschen naiv, gerade im Bemühen, durch musikalische Einlagen und allerlei unterhaltsamen Schnickschnack insbesondere auf ein jüngeres Publikum zuzugehen. Und so gab es am Ende etwas wohl nicht nur für Dresden ziemlich Einzigartiges, nämlich neben einem differenziert anerkennenden Beifall für die Darsteller beinahe gutmütig klingende Buhrufe für das Inszenierungsteam. Denn schließlich ist Arnarsson Ausländer, und daran kann und darf es nicht gelegen haben.

Ahmad Mesgarha ist kein Ausländer, sondern war gebürtiger DDR-Bürger mit zur Hälfte iranischen Wurzeln. Für ihn begann die Ausgrenzung, als man ihm bescheinigte, er spreche sehr gut Deutsch, was man ja übrigens nicht so vielen Deutschen nachsagen kann – eine Sprachkultur wie die seine zum Maßstab genommen. Im gutbürgerlichen Anzug und mit dem Bekenntnis, er fühle sich in seiner Heimat jeden Tag fremder, trat er in seine Rolle als Othello ein: „Mein Name ist meine Maske“. Die Fülle der übrigen Masken und Kostüme (Sunneva Ása Weishappel), phantastisch, erotisch bis leicht obszön, illustriert einen eher düsteren venezianischen Karneval, der als alkohol- und blutgetränkte Party auf der Urlaubsinsel Zypern stattfindet.

Doch erst einmal erscheint die Personage sehr übersichtlich, hat auf sechs Stühlen Platz. Der schön klassisch deklamierende Brabantino (Lars Jung), im blassgrünen Gehrock, scheitert mit seinem Hass-Plädoyer gegen den als Schwiegersohn äußerst unerwünschten Othello, den er doch als Mann von Wert durchaus schätzte. Der Richterspruch des ganzkörpervergoldeten Dogen (Thomas Schumacher), der sich hernach noch als ganz passabler (aber völlig unverständlicher) Rapper erweist, ist vollkommen pragmatisch. Der Feldherr erhält unverzüglich die Einsatzorder und die Erlaubnis, seine Desdemona (Katharina Lütten) mitzunehmen.

Jago (Daniel Sträßer), sich doppelt hintangestellt fühlend (von Othello und bei Desdemona), investiert, um beiden die Tour zu vermasseln. „Tu Geld in deinen Beutel“, sagt er immer wieder zu Rodrigo, seinem unterwürfigen Clown (Simon Käser), der daraufhin auch die letzte Unterhose verkauft. Da bleibt dem einfältigen Haudrauf nachher nichts andres übrig, als sich als dramaturgische Stolperfalle „gut getarnt“ am zyprischen FKK-Strand einzubuddeln, in dem Sand, den er als Belastungsprobe für die neue Drehbühne herbeigekarrt hat. Rodrigos Kostüm hat sich unterdessen Jago übergezogen. Der nette Junge sucht sich beliebt zu machen, jedenfalls beim Publikum, gibt einer jungen Frau ein Tüchlein zur getreuen Aufbewahrung. Spinnt spielerisch an einer Intrige, die seinen Herrn und Nebenbuhler zu Fall bringen soll, dem er doch eigentlich gar nicht gewachsen scheint. Ganz zu schweigen von der jämmerlichen Figur, die Leutnant Cassio (Alexander Angeletta), der dem Trunk verfallene Prügelknabe, als vorgeblicher Verführer abgibt, und abgesehen von etlichen Pannen, die im Zusammen- bzw. Gegenspiel mit Cassios Geliebter (Paula Skorupa) und Jagos Ehefrau Emilia (Lucie Emons) eintreten, zumal sich der Regisseur nicht nur hier und da textgetreu der Übersetzung von Erich Fried widmet, sondern auch eigene Fäden spinnt. Die wirken wohl absichtlich nicht gerade fein, und bis hierher scheint Othello auch durchaus der Mann, das alles zu durchschauen. Nur, dass Desdemona so entschieden für die Begnadigung des aus der Rolle gefallenen Leutnants eintritt, nervt sein Autoritätsbewusstsein. Bis hierher hat man Mesgarha kaum verinnerlichter spielen sehen.

Doch dann schreibt ihm der vorgegebene Gang der Dinge vor, an die eigentlich offensichtliche Verleumdungen seiner vermeintlichen Freunde zu glauben, und er folgt manisch unbeirrbar einer fixen Idee. Zwischen um sich greifendem Chaos und Hysterie setzt sich Jago an den auf die Bühne geschobenen Flügel, singt etwas, was sich anhört, als wäre Sympathie eben das, was wir gerade brauchen. Die nebenbei entstandenen mehr oder weniger freundlich-bunten Sprüche auf dem Hintergrund der Bühne von Julia Hansen werden schwarz übertüncht, Desdemona erscheint als Skulptur der Unschuld, Bilder über Bilder in einer vage philosophierenden poppigen Ästhetik, die aber buchstäblich versumpft, wenn sich Rodrigo und Cassio, nun endlich beide nackt, mit roter Farbe und Sand besudeln, bis Jago gnädig beide erschießt.

Othello dagegen zelebriert seinen Mord, ohne jeden Blutstropfen, wie ein inniges Liebesritual, als hätte er keine andere Wahl, um seine Ehre und die der vermeintlichen Hure zu retten. Der Fremde, hyperempfindlich aus steter unterschwelliger oder unbewusster Angst zwanghaft bemüht, in Sachen Beruf wie Ehre und Moral besser zu sein als die „echten“, pardon, Venezianer? Warum aber nun wieder Mesgarha im biederen Anzug statt Othello in seiner prächtigen Uniform? Arnarsson erspart uns die weitschweifige Aufklärung des Falles und tut sicherlich in mehrerlei Hinsicht gut daran. Othello verschwindet in der Versenkung, und Jago wird nun nichts mehr sagen. Das erinnert schon irgendwie an Shakespeare. Ist alles auch nur ein Missverständnis, so hat es doch Methode. Man sieht die Absicht nicht erfüllt – und ist erst recht verstimmt.

Aufführungen: 9., 18.1, 25.11.; 1.12., Schauspielhaus

Von Tomas Petzold

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Ahmad Mesgarha (Othello)

Ahmad Mesgarha ist kein Ausländer. Er ist gebürtiger Berliner, Muttersprache deutsch, aber er hat zur Hälfte iranische Wurzeln. Und daher befand schon früh eine Theaterkritik, er spreche sehr gut Deutsch. Nun spielt Mesgarha am Dresdner Schauspielhaus den Othello und sagt gleich zu Beginn: „Ich fühle mich fremd, jeden Tag fremder.“

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