Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Google+
Thomas Thieme gastierte mit Brecht im Schauspielhaus Dresden

Thomas Thieme gastierte mit Brecht im Schauspielhaus Dresden

Für manche ist der Hamlet die Lebensrolle, andere Bühnengrößen pflegen ihren Mephisto in verschiedenen Lebensaltern aufzufrischen. Thomas Thieme, einer der ganz Großen auf den deutschen Theaterbühnen wie auch im Geschichtsstunden-Kino der Bernd-Eichinger-Schule, hat sich dagegen wiederholt mit Bertolt Brechts famos hingerotztem Frühwerk "Baal" (1919) auseinandergesetzt, das das vielgerühmte "begabte Scheusal" (Thomas Mann über Brecht) nie ganz loslassen sollte.

So wie sich Brecht den "Baal" immer wieder vornahm, hat ihn sich auch Thieme zum lebenslangen Pro- jekt gewählt: Mit 40 hat er ihn in Wien gespielt, mit 50 in Weimar inszeniert, und nun (mit 65 Jahren) holt er ihn sich im Rahmen einer musikalisch umrahmten konzertanten Lesung, mit der er im Dresdner Schauspielhaus zu Gast war, "ins emotionale Gedächtnis" zurück.

Die Verflechtung der eigenen Biographie mit der Geschichte jenes facettenreichen "enfant terribles" Baal, das wie Molnárs Liliom jeden, der ihn liebt, erst mit Leben erfüllt ("Da war nie was, wo ich bin.") und dann zerstört, erörtert Thieme in einer kurzen Einführung als "leibhaftiges Programmheft" im Interesse seines Publikums kurzerhand selbst, denn die folgenden anderthalb Stunden erfordern in der Tat von allen Beteiligten volle Konzentration. Gleichwohl ist der erläuternde Prolog eher bessere Koketterie mit dem eigenen angeblichen Lampenfieber, derer der große Mime kaum bedarf: Form und Methode der Inszenierung teilen sich auch ohne Vorrede mit, allein das vorangestellte, emphatische Protestieren gegen die aufgesetzte Stimm-Modulation zum Unterscheiden der gut 20 Sprechrollen, die Thieme im Alleingang meistert ("Das widerspräche meinem Berufsethos!"), sorgt für den größten Lacher des Abends.

Gegen den überwältigenden Sternenhimmel im Hintergrund der Schauspielhausbühne liest, säuselt, singt und brüllt sich Thieme schließlich durch die einzelnen Stationen von Baals (selbst-)zerstörerischem Egotrip, in dem der junge Brecht bereits einige seiner wuchtigsten Sentenzen wie auch seiner betörendsten Verse aus dem Ärmel zu schütteln scheint. Die drastische, expressionistisch anhebende Bildsprache, die das "Aas in den Flüssen" streift und über "absinthene Meere" hinwegfliegt, ist noch klar von François Villon beeinflusst. So mag man sich kurz dem Tagtraum hingeben, ein noch unter den Lebenden weilender Klaus Kinski (ein ganz anderer Villon-Erbe) würde mit über 80 heute zu dieser szenischen Lesung anheben und dabei einen geriatrischen Veitstanz aufführen, doch auch bei Thieme ist dieses Selbstporträt des Künstlers als junger Kotzbrocken in besten Händen. Sein Baal ist ein überlebensgroßer, grober Kerl, den er im Lauf des Abends auf menschliches Maß zurechtstutzt und damit zugleich erhebt, die Liedeinlagen (wie die zeitlos schöne "Erinnerung an die Marie A.") legt er mit brüchiger Stimme in ihrer ganzen Zärtlichkeit frei.

So gern man dem Virtuosen bei der Arbeit zuhört, und so frontal Brechts Verse den Zuschauer noch immer treffen - die Entdeckung des Abends ist die von Thiemes Sohn Arthur an der Bassgitarre vorgetragene Begleitung, die dem Text nicht nur in all seinen Facetten folgt, sondern häufig auch voraus ist. Thiemes Bassläufe, seine rhythmisch präzisen Akkorde, sein hingebungsvolles Streichen und sein unnachgiebiges Klopfen am Instrument umspielen das Material, bauen ein Bühnenbild und schaffen Atmosphäre. Bevor auf Baals trauriges Ende der begeisterte Applaus folgt, hat sich das lyrische Vermächtnis des Textes damit ganz nebenbei mitgeteilt: "Nichts versteht man. Aber manches fühlt man."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.02.2014

Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr