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Thomas Rosenlöchers neuer Gedichtband "Hirngefunkel"

Thomas Rosenlöchers neuer Gedichtband "Hirngefunkel"

Thomas Rosenlöcher, im Juli 65 Jahre alt geworden, legt einen neuen Gedichtband vor. Zur Premiere - einer vorfristigen, offiziell soll das Inselbändchen laut Verlag am 17. September auf die Ladentische kommen - war die Buchhandlung Ungelenk bis in den letzten Winkel gefüllt.

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Bei seinen Lesungen in Dresden kann er stets auf treues Fanpublikum zählen.

"Neu" muss in diesem Fall relativiert und differenziert werden. Wirklich neu, zuvor unveröffentlicht also, ist nur ein Drittel dieser 60 Gedichte. Selbst das titelgebende, "Hirngefunkel", konnten wir bereits 1996 im Band "Die Dresdner Kunstausübung" finden. Wer möchte, kann vergleichen. Er wird Veränderungen entdecken, manchmal nur winzige, Bedeutungsnuancen, die für Rosenlöcher jedoch von Belang sind. Lyriker sind die Uhrmacher unter den Literaten. Auch die Großen haben die Feinmechanik ihrer Verse immer wieder korrigiert. Gefeilt wird, weil es letztlich um die Haltbarkeit von Gedichten geht. Bleibendes gegen die Vergänglichkeit stiften - dies ist auch eines der in diesem Band variierten Themen.

Das kann er so wunderbar selbstironisch und witzig behandeln wie in "Goethes Locke in Maxen". Schon weil jeder, der sich in punkto Ruhm mit dem Weimarer Titanen messen wollte, nur scheitern kann. Woran aber messen wir Nachwirkung? Ein bescheideneres Gegenbild gegen den Reliquienkult um den Klassiker bietet uns Rosenlöcher an: Aus seinem abgeschnittenen grauen Lockenhaar baut sich eine Schwanzmeise ein Nest.

Immer wieder begegnet uns der Tod in diesen Gedichten. Und der Sinn von Kunst, sagen sie uns, besteht darin: "Dem Tod die Arbeit schwer zu machen". Verwandt mit dem Tod zeigt sich der Expansionsfuror der modernen Zivilisation, die anarchische Natur gewinnträchtig verbaut und normiert. Allenthalben finden wir alarmierende apokalyptische Erscheinungen: Seien es Bäche, in Rohre gezwängt, Straßen, durch Wälder geschlagen, die Verarmung der Arten.

So hat er auch dem jüngsten "Störfall", dem in Fukushima, ein Gedicht gewidmet - "Der Atomunfall". In überraschende Sprachbilder fasst er hier das diffuse Gefühl des ungreifbar Bedrohlichen. Mitten hinein setzt er als härtesten Kontrast den Anblick eines von Aussatz befallenen Kirschbaums in "Schreckensblüte": "Als habe / der Herrgott ihn vorm Abgang noch mit links / als Weltformel an den Abhang gekrakelt".

Auf grandiose Wendungen wie diese stößt man häufig. Dafür lohnt die eingehende Lektüre, besser noch das Sprechen dieser Verse, die gelegentlich von Reimen getragen werden, stets aber von einem sehr bewusst eingesetzten Rhythmus. "Sie handeln auch davon, wie man in diesen Zeiten Utopie, wie man an seiner Hoffnung festhält", sagte Rosenlöcher über diese Gedichte. Hoffnung konzentriert sich für ihn in der Fähigkeit zur Erfahrung von Schönheit. Die lässt dieser Wanderer, der den Spuren der Romantiker folgt, uns auf seinen Gängen durch Gärten und die Wälder am Rande der Metropolen entdecken. Auf faszinierende Weise gelingt es ihm, die Waage zwischen Lachen und Entsetzen auszubalancieren. Tomas Gärtner

Thomas Rosenlöcher: Hirngefunkel. Insel. 125 S., 13,95 Euro. Erscheint am 17. September.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.09.2012

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