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Thomas Pynchon, Autor und Phantom, wird 75

Thomas Pynchon, Autor und Phantom, wird 75

Fans der Animationsserie "Die Simpsons" staunten nicht schlecht, als im Januar 2004 in der Folge "Fantasien einer durchgeknallten Hausfrau" plötzlich eine Figur auftauchte, die den mysteriösen Schriftsteller Thomas Pynchon verkörperte.

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Geheimnisvoller Auftritt: Thomas Pynchon in einer Simpson-Folge.

Den Kopf der Gestalt sah man allerdings nicht, sondern nur eine darüber gestülpte Tüte mit einem Fragezeichen, die das Rätsel um seine Person symbolisierte. Die Stimme war authentisch: Pynchon sprach sich selbst, immerhin. Fünf Jahre später durfte die Welt sein Timbre noch einmal genießen, als er beim Internetanbieter Amazon mit einem Spot für sein Opus "Natürliche Mängel" warb.

Jenseits davon verlieren sich alle Spuren zu ihm, denn er ist der B. Traven der modernen amerikanischen Literatur: ein unfassbares Phantom. Die einzigen bekannten Fotos stammen aus den 50er Jahren und zeigen einen schlaksigen jungen Mann mit Hasenzähnen und spöttischem Blick. Wo er sich aufhält, ahnt keiner: Die einen munkeln, er wohne in New York, andere behaupten, er lebe an der Westküste.

Bereits nach dem Erscheinen seines Debüts "V." 1963 tauchte Pynchon ab und verweigerte sich der Öffentlichkeit. Die Legendenbildung über ihn reißt nicht ab. 2001 versuchten die Filmemacher Fasco und Donatello Dubini in ihrer Doku "A Journey Into The Mind Of P." die Geheimnisse zu lüften, jedoch ohne Erfolg. Wer den Autor demaskieren will, riskiert es, vorgeführt zu werden. Das erfuhren jene Juroren, die ihm 1974 den "National Book Award" verliehen. Der Geehrte beauftragte einen Komiker damit, den Preis in Empfang zu nehmen. Der Humorist trat als Pynchon auf und verblüffte mit einer skurrilen Rede, von der niemand weiß, wer sie wirklich zu Papier brachte.

Die wenigen greifbaren Eckdaten von Pynchons Biografie beschränken sich auf seine frühen Jahre. Heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1937 in Glen Clove auf Long Island geboren, absolvierte er ab 1954 zunächst mehrere Semester Physik an der Cornell Universität in Ithaca, ehe er nach seinem Militärdienst bei der Marine zum Fach Literatur wechselte, wo Vladimir Nabokov zu seinen Lehrern gehörte. Mit dem Abschluss in der Tasche arbeitete er für die Flugzeugfirma Boeing in Seattle und betreute bis 1962 als Redakteur technische Manuskripte.

Ab diesem Punkt reißen die gesicherten Informationen über ihn ab. Überraschenderweise gibt es hierzulande Menschen, die Pynchon schon direkt begegneten: der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann und der einstige Rowohlt-Cheflektor Hans-Georg Heepe. Einen heißen Draht zu ihm pflegte vor allem der Übersetzer Dirk van Gunsteren. Gemeinsam mit seinem Kollegen Nikolaus Stingl kontaktierte er den Künstler wegen spezieller Probleme mit dessen Stil: "Wir hatten eine Reihe von Fragen. Die haben wir ihm per E-Mail gestellt, und auf demselben Weg kamen dann die Antworten, manchmal auch per Fax."

Diesen Pynchons ins Deutsche zu übertragen, erfordert Höchstleistung, denn seine Texte sind alles andere als leichte Kost. Es wimmelt von Fingerzeigen auf alle möglichen Fachgebiete. Pynchon benutzt Ideen aus der Astronomie, der Mathematik und der Philosophie, aber auch aus Alchemie, Okkultismus und Science-Fiction. Seine Bücher sind eine enzyklopädische Fundgrube von höchst komplexer Struktur. In Sachen Verdaulichkeit rangieren sie auf einer Stufe mit den Werken mit James Joyce oder Marcel Proust. Wer das "rasende Feuerrad von Thomas Pynchons Prosa" (so Fritz J. Raddatz) bändigen will, muss Lust am Avantgardistischen entfalten. Vor allem aber sollte er über die Bereitschaft verfügen, Abenteuer des Geistes zu bewältigen, denn der Versteckspieler liebt nichts so sehr wie Verschwörungstheorien.

Solch ein Übermaß an Verrücktheit und Extravaganz fasziniert. Nicht wenige Prominente sind ihm daher verfallen. Elfriede Jelinek etwa erklärt: "Es ist ein Witz, dass er den Nobelpreis nicht hat, und ich habe ihn. Ich halte Pynchon für einen der bedeutendsten lebenden Schriftsteller, weit vor Philip Roth übrigens. Ich kann doch den Nobelpreis nicht kriegen, wenn Pynchon ihn nicht hat. Das ist gegen die Naturgesetze."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.05.2012

Ulf Heise

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