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Thomas Natzschka veranstaltet Dresdens 1. Philosophie-Festival

Thomas Natzschka veranstaltet Dresdens 1. Philosophie-Festival

Thomas Natzschka ist 29 Jahre alt und Philosoph. Zumindest darf er sich so nennen, denn er hat die Weisheitsliebe acht Jahre lang studiert. Gerade ist er fast rund um die Uhr in der Scheune anzutreffen, denn in deren Garten organisiert er am Wochenende ein Festival, das die philosophische Lehre aus den Köpfen in die Herzen treiben soll.

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Thomas Natzschka (29) hat einen abenteuerlichen Weg hinter sich. Vom jugendlichen Skateboarder mit kleinen Verhaltensauffälligkeiten wandelte sich der Saulus zum Paulus, studierte Philosophie und richtet ab Freitag das erste Dresdner Philosophiefestival in der Scheune aus.

Quelle: Amac Garbe

Als Sprachfetischist, Musiker und Weltreisender setzt er dabei vor allem auf die Erfahrungen, die er neben der akademischen Spur gesammelt hat. Irgendwo zwischen Laubegast und Gambia.

Endlich mal einer, der auf alles eine Antwort haben muss. Also, lieber Thomas Natzschka, warum zur Hölle schießen Bubble-Tea-Läden aus jedem freien Quadratmeter der Neustadt? "Weil die Leute immer für Neues zu haben sind, es ist so hip und unbekannt, dass es alle ausprobieren wollen. Aber ich denke, zumindest in der Neustadt regt sich schnell der ökologische Widerstand." Nun gut, die Frage war eigentlich als Eisbrecher gedacht, die mit einem Lächeln hätte abgetan werden können. Dass er sie dennoch versucht zu beantworten, spricht für seinen guten Willen. Natzschka wirkt sportlich, er ist groß, schlank und trägt seine Gesichtsbehaarung verkehrt herum. Oben auf dem Kopf ist nichts und unterm Kinn ganz viel. Auf der Nase trägt er eine schwarze Brille, T-Shirt und Hose sitzen locker, aber nicht unförmig. Wenn man will, erkennt man noch den Skateboarder in ihm.

Zwischen Skateboard und Dante

Auf Rollen entdeckt er als Jugendlicher die Stadt, die jenseits von seiner Kindheit in Laubegast liegt. Er nimmt Dresden allerdings eher in Form von Geländern und Kanten wahr. Er liebt den Skaterpark auf dem Robotron-Gelände, die Neustadt mit ihrem Kopfsteinpflaster bleibt vorerst unentdeckt. Nach vier Wochen als Jungpionier verlängert die Wende seine Welt auf einmal ins Unendliche. "Für mich waren die darauf folgenden Reisen mit meinen Eltern prägend. Wir unternahmen erst klassische Busreisen nach Spanien, dann flogen wir nach Tunesien oder auf die Kanarischen Inseln. In Gambia war ich das erste Mal mit 12 oder 13 Jahren, das war ungemein beeindruckend. Die Leute dort machten auf mich den Eindruck von Zufriedenheit. Mir gab das zu denken, und das ist bis heute drin, die Einsicht, dass es nicht der materielle Wohlstand ist, der zur inneren Glückseligkeit führt."

Vor der eigenen Glückseligkeit kämpft er sich erst einmal durchs Schulsystem. Wegen einer schlechten Note in Betragen darf er nicht aufs Gymnasium, das gelingt erst nach einem Jahr Mittelschule. Bei der Nachhilfe für den Abi-Grundkurs entsteht seine erste Band, denn sein Lehrer ist Musiker und bringt ihm bald mehr bei als nur die Kurvendiskussion. Die Naturwissenschaften haben es Natzschka nicht angetan, dafür Bücher, die es sicher nicht häufig auf andere Jugendzimmer-Nachttische schafften. Dantes "Göttliche Komödie" hat er bis heute dreimal gelesen, in verschiedenen deutschen Übersetzungen versteht sich. Den letzten Vers daraus, Nummer 14233, wiederholt er mehrmals, er gehört zu seinen liebsten: "Und die Liebe die beweget Sonn' und Sterne".

Die Beziehung zum Wort ist ihm bis heute eine der wichtigsten. Lieder schrieb er schon mit 14 Jahren, mit 18 hatte er dann seine ersten Auftritte als Rapper. Er wetterte gegen den Egoismus in der Welt. Mittlerweile sind seine Texte subtiler, die Themen sind universell: Liebe, Trennung, Hoffnung, der Mensch, wie er sich rumscheucht, das Thema Leidenschaften, das Höher-schneller-weiter-Denken unserer Gesellschaft. "Maßhalten wäre viel wichtiger, innehalten, manchmal einfach die Klappe halten und sich im richtigen Moment beeindrucken lassen. Die Welt ist groß, und wir haben die Möglichkeit von A nach B zu fliegen, im Urwald zu liegen oder auf den Cook-Inseln zu landen. Das ist großartig, das müssen wir uns bewusst machen."

Ein bisschen mehr Demut, so wie sie Thomas D. als "Reflektor Falke" beschwört. Ein emotionales Album, das Natzschka jahrelang beschäftigt und das seine späteren Texte stark beeinflussen wird. In seinem aktuellen Musikprojekt I Sweat Blood rappt er, entfernt sich aber immer weiter vom konventionellen Strophenmuster und sucht nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. "Innere Zustände durch Sprache in die Welt zu tragen ist eine spannende Aufgabe. Mich interessiert vor allem das Zusammenspiel zwischen verbalen und nonverbalen Kanälen. In diesem Zusammenhang ist die Poesie ein verzweifelter und eben deshalb schöner Versuch, den inneren Zuständen auf sprachlichem Wege Ausdruck zu verleihen. So betrachtet wird auch Philosophie zu Poesie." Wie sich Menschen verständigen oder eben auch wie sie es nicht tun, das interessiert ihn schon lange. Seine Magisterarbeit hat er 2011 in Sprachphilosophie geschrieben, über das Kommunizieren mit Instant Messengers, also übers Chatten.

"Die Bandbreite dessen, was der eine sagt und was der andere versteht, ist riesengroß." Sein Interesse an den Dingen basiert auf einer grundlegenden Skepsis. "Es gibt ja keine objektive Wahrheit. Wenn es etwas Dynamisches gibt, dann die Entwicklung der Welt. Philosophen haben das Problem, dass sie ein Gedankenkonstrukt entwerfen, das für die gesamte Menschheit Gültigkeit besitzen soll, dabei verlieren sie den lebenden Menschen aus dem Auge. Hegel hat sich jahrzehntelang mit dem Idealismus beschäftigt, aber ich weiß nicht inwieweit so ein Theoretiker eine Richtschnur geben kann. Aristoteles dagegen war ein greifbarer Pragmatiker. Zum Thema Freundschaft sagte er zum Beispiel, dass man nicht 30 beste Freunde haben kann. Nicht nur, weil die Zeit nicht reicht, sondern auch, weil das Herz nicht reicht."

Kein Gelehrtenfach aus dem Elfenbeinturm

Natzschka glaubt auch nicht an einen Weltgeist, der sich in allem Handeln manifestiert und die Weltgeschichte vor sich hertreibt, so wie Marx oder Hegel das annahmen. "Das ist für mich fast schon esoterisch. Ich mag Strömungen, die den Menschen ihre Verantwortung nicht abnehmen. Man muss anpacken und nicht nur für sich alleine denken." Das könnte auch das Motto für das Philosophiefestival sein, um das er sich gerade kümmert. In drei Tagen voller Diskussionen, Vorträgen, Musik und Literatur will er einen alltäglichen Zugang zur Philosophie schaffen und Laien ans Diskutieren heranführen. "Wir wollen brisante Themen, die aktuell sind und zugleich große Teile der Gesellschaft tangieren, in spannender Form aufs Podium bringen und so zeigen, dass Philosophie eine Diskussionstradition und kein abstraktes Gelehrtenfach aus dem Elfenbeinturm ist."

Das dürfte kein leichtes Unternehmen werden, denn so ein Denkfestival darf weder zu banal noch zu komplex daherkommen, damit die Menschen mitreden wollen. Mitunter fällt selbst einem studierten Philosophen das Diskutieren schwer. "Wenn es mir zu vernünftig, rein und logisch wird, fehlen mir das Menschliche und die Glaubwürdigkeit. Oder wenn ich merke, dass mein Gegenüber keine Argumente hat, sondern bloße Prinzipien und keine eigene Meinung vertritt. Da würde ich eher dazu motivieren, auf das eigene Gefühl zu hören. Auch auf die Gefahr hin, damit anzuecken und Blessuren davonzutragen. Narben in Maßen machen schließlich markant."

Seine Narben hat er allerdings vom Skaten. Mittlerweile allerdings züchtet er lieber Pflanzen oder sammelt antike Möbel. Nachts spaziert er immer noch gern durch die Stadt und hört dabei Musik. Oder sitzt mit Bier und Zigarette am "Assi-Eck" (Louisen-/Ecke Görlitzer Straße) und beobachtet Menschen, die andere Menschen beobachten. Das passt dann doch noch ganz gut in das Bild eines über die Welt sinnierenden Philosophen. Juliane Hanka

Vom 3. Bis 5. August findet das erste Philosophie-Festival "Denkfiguren" zum Thema "Werte" im Scheune-Garten statt. Im Zentrum des Festivals stehen die Unterhaltung und das Ziel, Philosophie dahin zurückzuführen, wo sie einst entstanden ist: in die Mitte der Gesellschaft.

Zu Gast sind Doktoren und Professoren deutscher Unis und sogar ein General. Sie referieren zu Themen wie der Kritischen Theorie, dem Utilitarismus, Platon, Kant oder Aristoteles. Ergänzt wird das Programm um ein Literaturzelt, Konzerte, Film, Kunst, Diskussionsrunden und Infostände auf dem gesamten Gelände.

Über 2000 Euro wurden über "Start Next" im Internet gesammelt, aber auch die Sächsische Kulturstiftung, die Stadt Dresden und einige Magazine und Institutionen unterstützen die Veranstaltung. Das komplette Programm gibt's unter www.scheune.org oder unter: www.philosophie-festival.de.

Tickets gibt es an der Abendkasse. Tagesticket: Freitag oder Sonntag 12 Euro, Samstag 15 Euro. Festivalticket für 3 Tage: 25 Euro samt DENKFIGUREN-Beutel.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.08.2012

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