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Thomas Jonigk inszenierte „Szenen einer Ehe“ am Staatsschauspiel

Zu wenig spannende Intensität Thomas Jonigk inszenierte „Szenen einer Ehe“ am Staatsschauspiel

Geht es um Beziehungen, Ehen und dergleichen mehr, kann doch bald jeder mitreden, hat sich längst schon selbst durchgehangelt, lebt in Scheinfrieden oder getrennt. Da wissen auch die Besucher der jüngsten Dresdner Staatsschauspiel-Premiere bei „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman (aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu) mehrheitlich, wovon die Rede ist.

Szene(n) einer Ehe: mit Hannelore Koch, Lars Jung, Mathilde Böttger, Paul Terpe, Nele Rosetz und Torsten Ranft im Kleinen Haus.

Quelle: Matthias Horn

Dresden. Geht es um Beziehungen, Ehen und dergleichen mehr, kann doch bald jeder mitreden, hat sich längst schon selbst durchgehangelt, lebt in Scheinfrieden oder getrennt. Da wissen auch die Besucher der jüngsten Dresdner Staatsschauspiel-Premiere bei „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman (aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu) mehrheitlich, wovon die Rede ist. Und es braucht keinen Blick mehr ins Programmheft (die ja sowieso gerade am Einschrumpfen sind), um das „Expertenforum“ im Kleinen Haus aufzuklären. Hinderlich wäre wohl auch ein allzu intensives Erinnern an den Bergman-Film, weil gegen diese Szenen im Kopf mit Liv Ullmann und Erland Josephson nichts so recht ankommen könnte.

Aber da sind diese so treffsicheren Dialoge, diese aufdeckenden Konstellationen von Bergman, die unerbittlich jedes versteckt-brüchige, notsanierte Beziehungsgefüge zu hinterfragen verstehen. Und das mit alltäglicher, fast banaler Grausamkeit. Wo es nicht wirklich Verlierer und Gewinner gibt, jeder mal überlegen oder unterlegen ist. Das spielt sich – nah an den Zuschauern – in der breitgezogenen, quasi flach eingebauten Guckkastenbühne von Lisa Däßler ab, mit diversen Türen als Dreh- und Angelpunkt der ehelichen wie auch unehelichen Verwerfungen. Die nach und nach offengelegt werden. Zunächst erscheint es wie die reine Idylle. Der Mann (Torsten Ranft) sorgt als Schaffender für die Basis der Existenz, will in jeder Weise umhegt und geliebt werden. Und die nicht minder arbeitende Frau (Nele Rosetz) ist allseits damit befasst, dass es ihm und den Kindern gut und alles seinen Gang geht. Bis er ihr offenbart, er habe sich verliebt und werde mit seiner Jüngeren ins Ausland gehen.

Das Kartenhaus bricht zusammen, die Schein-Idylle wankt, Marianne versucht in eigener Demütigung ihn aufzuhalten und umzustimmen. Vergebens. Er geht, wagt sein Glück und scheitert so irgendwie. Sie bleibt, findet auch etwas Passendes, fügt sich in ihr Schicksal. Die Kinder rangieren dabei mehr am Rande. Sie erscheinen (Kostüme: Esther Geremus) wie die Miniaturausgaben ihrer Eltern, lärmen nur hinter geschlossenen Türen, sind stumme Zeugen im Ehealltag, die sich sichtbar-unsichtbar im Raum aufhalten oder beim Öffnen und Schließen von Türen auftauchen. Würde man das Ganze aus ihrer Sicht erzählen, wäre das jeweils nochmal eine andere Geschichte.

Solche Verquickungen, Verquerungen von Zeit und Raum auch als Generationen überspringende Assoziationen sind denkwürdig in ihren Irritationen, sorgen für allerlei Rätsel. Wobei Regisseur Thomas Jonigk dabei zuweilen wie mit filmischen Mitteln arbeitet, Zeitläufe, Spielebenen unterbricht und verschiebt, den Mann auf der einen Seite zur Arbeit, zur Freundin davoneilen und schließlich – gleich einem Zeit- und Ortssprung – auf der anderen wieder auftauchen lässt, offenbar aus dem Schlafzimmer,

Das beschäftigt zwar das Sehen und Verstehen, ist teils auch mit feiner Beobachtung im Detail inszeniert, wie speziell bei einigen Tischszenen. Aber es stellt sich auch die Gefahr ein, dass es ermüdend wird, diesen Gesprächen, diesen Auseinandersetzungen zu folgen. Da mangelt es einfach an spannender Intensität, an der eigenen Lust, sich in diese beiden Unglücklichen einfühlen zu wollen, ihre Probleme zu begreifen. Was mindestens zwei Gründe haben kann. Entweder, die Schauspieler sind zu sehr mit dem eigenen Spiel befasst, bleiben zu schwach in der szenischen Wirkung. Oder der Regisseur hat ihnen zu wenig von dem vermittelt, was es für diese Rollen braucht. Da kann man nun rätseln und natürlich auch noch die eigene Unvollkommenheit als Theaterbesucher mit einbeziehen. Auffällig ist immerhin, dass letztlich das „gereifte Paar“ von den Zuschauern fast mehr Beifall erhalten hat als das jüngere, was gewiss nicht nur an einer gewissen Vor-Liebe der Dresdner für ihre angestammten Schauspieler liegen mag. Nele Rosetz und Torsten Ranft sind nicht minder bekannt und geschätzt.

Vielleicht aber haben Hannelore Koch und Lars Jung einfach nicht mehr den Zwang, es anderen beweisen zu müssen. Sie sind, was sie sind, und sie bekennen sich dazu. Das macht sie unschlagbar. Und so sitzen zum Schluss, nach dem sie schon einige Male durch die Szene geistern durften, Marianne und Johan im vorgerückten Alter friedlich beieinander. Als Eheleute, allerdings von jeweils anderen Partnern, die sie mit ihren Treffen gemeinsam hintergehen. Und sie sprechen weise über das Leben, haben ihren Frieden gemacht mit der Situation, wie sie nun mal ist. Ein reizendes, altverliebtes Pärchen. Eine Szene voller Harmonie und Melancholie. Und wenn sie nicht gestorben sind…? Dann geraten sie letztlich doch noch aneinander, als alte Geheimnisse ausgeplaudert werden, schlagen und vertragen sich. Sie haben ja nichts mehr zu verlieren. Oder?

Es ist schon merkwürdig, dass sich in der Natur des Menschen so wenig verändert. Und man kann selbst noch über hundert Jahre „zurückgehen“ und findet immer wieder Übereinstimmendes. Zum Beispiel dann, wenn die Malerin Paula Modersohn-Becker in ihr Tragebuch schreibt: „Es ist meine Erfahrung, dass die Ehe nicht glücklicher macht. Sie nimmt die Illusion, die vorher das ganze Wesen trug, daß es eine Schwesterseele gäbe. Man fühlt in der Ehe doppelt das Unverstandensein, weil das ganze frühere Leben darauf hinausging, ein Wesen zu finden, das versteht. Und ist es vielleicht nicht doch besser ohne die Illusion, Aug’ in Auge einer großen einsamen Wahrheit? Dies schreibe ich in mein Küchenhaushaltebuch am Ostersonntag 1902, sitze in meiner Küche und koche Kalbsbraten.“

Von Gabriele Gorgas

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