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Thomas Birmeir inszeniert Nikolaj Erdmans Komödie "Der Selbstmörder" im Dresdner Schauspielhaus

Thomas Birmeir inszeniert Nikolaj Erdmans Komödie "Der Selbstmörder" im Dresdner Schauspielhaus

Bemerkenswert ist es schon, wie viele Menschen von einem einzigen Selbstmord profitieren können. Aufgereiht stehen sie im zweiten Teil von Thomas Birkmeirs Inszenierung von Nikolaj Erdmans Komödie "Der Selbstmörder" beidseitig neben dem hochkant gestellten Sarg mit dem Beweinten Simon Podsek (Ahmad Mesgarha).

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Simon Podsek (Ahmad Mesgarha) auf seiner eigenen Beerdigung.

Quelle: David Baltzer

Passend in Trauerschwarz (Bühne: Christoph Schubiger, Kostüm: Irmgard Kersting) heucheln sie dem Publikum was vor: Simons Frau Maria (Anna-Katharina Muck) und die Schwiegermutter (Hannelore Koch), der weinerlich-ehrgeizige Intellektuelle Dominik Grand-Skubik (Matthias Luckey), der geschäftstüchtige Nachbar Petrowitsch (Holger Hübner) und seine matronenhafte Gespielin Margarita (Cornelia Kempers), zwei Model-Zicken (die Schauspielstudentinnen Pauline Kästner und Nina Gummich), ein Metzger (Schauspielstudent Lukas Mundas), ein junger Dichter (Schauspielstudent Justus Pfankuch), der Leiter einer Ethikkommission (Lars Jung).

Die Trauergäste präsentieren stolz ihre Opferbilanz. Simons Frau und sogar seine Schwiegermutter, mit denen er zuvor im Dauerstress gelebt hat, würdigen ihn als jemanden, der viel zurückgegeben hat (ein arbeitsloser, feiger Nörgler?). Die Intellektuellen beanspruchen ihn für ihre windigen Ziele ("Freiheit statt Schicksal!"), der Nachbar hat aus Simon schon einen neuen Che Guevara erschaffen und T-Shirts drucken lassen. Die aufgetakelten Schönen rühmen sich der körperlichen Aufgeschlossenheit Simons ihnen gegenüber und selbst der Metzger verspricht sich vom Selbstmord einen Impuls für das eigene Gewerbe.

Ganz im modernen Sinne gibt es schon eine App und eine Webseite mit vielen Klicks der Anteilnahme - Regisseur Thomas Birkmeir hat den 1928 entstandenen Text selbst bearbeitet und mit vielen heutigen Bezügen aufgepeppt. Schon der Name der Hauptfigur wurde von Semjon Podsekalnikow in die leichter auf der deutschen Zunge liegende Version Simon Podsek umgewandelt. Die Tuba, mit der Semjon eine Erfolgskarriere starten will, was an der Empfehlung von Klavierbegleitung scheitert, wird für Simon in ein Alpenhorn verwandelt - der Karriereversuch schei- tert hier am missglückten "Austönen".

An das frühstalinistische Russland erinnert hier wenig. Dieses Russland hat ja auch den Autor Nikolaj Erdman (Sprössling einer russifizierten deutsch-baltischen Familie) weder eine Aufführung des Stücks noch Anerkennung erleben lassen. Ganz im Gegenteil: Erdman, der für seinen bissigen Humor von Zeitgenossen schon als der "neue Gogol" gefeiert wurde, kassierte dafür vom Stalin-Regime ein Jahrzehnt Straflager. Bis in die 70er Jahre geriet er in Vergessenheit, dann erlebte "Der Selbstmörder" einen regelrechten Boom im Westen: zunächst in Göteborg zur Uraufführung, dann in Deutschland, England, Israel. Die groteske Selbstreflektion eines erfolglosen Individuums vor ausbeuterischer medialer Kulisse passte offenbar zum Zeitgeist der aufgewühlten 70er. Immer mal wieder ist das Stück auf deutschen Bühnen zu sehen: am Berliner Ensemble etwa 1989, in Dimiter Gotscheffs Inszenierung 2007 an der Volksbühne mit Samuel Finzi in der Hauptrolle. Und das Frankfurter Theater am Turm (TAT), das vor kurzem abgewickelt wurde, verabschiedete sich in tragikomischer Manier mit Erdmans "Selbstmörder".

Die schräge Situationskomik, die dem Stück innewohnt, beginnt recht banal im Ehebett von Simon und Maria. Ein Ehestreit entbrennt, in dem es um die Wurst geht - um die Leberwurst, auf die Simon Appetit hat, aber auch um Existenzielles wie der Umstand, dass sich Maria abrackert und Simon seit ewiger Zeit arbeitslos ist und nichts Richtiges zustande bringt. Die Reibung mit der omnipräsenten Schwiegermutter lässt die Situation auf den einzig logisch erscheinenden Ausweg zusteuern - Selbstmord. Dabei wird Simon von einem schnell anwachsenden Trupp von "Gönnern" befeuert, die Simons Selbstmord zu einem Ereignis mit eigenem Vorteil ausschlachten wollen. Der irre Wettstreit um den Unentschlossenen beginnt, bei dem sich Simon zu einem Papiertiger der Eitelkeit aufbläst und gar Gott telefonisch auf seine, Simons, Bedeutsamkeit, aufmerksam macht. Punkt 12 soll Schluss sein, peng und weg, aber Simon besäuft sich lieber, wird aufgegriffen und aufgebahrt, wodurch er eher versehentlich auf seinem eigenen Begräbnis landet. Simons Auferstehung gerät zur Enttäuschung aller Trauergäste, er wird allein gelassen, in seinem Scheitern nutzt er niemandem.

Ein wahrlich tragikomischer Charakter, dieser Simon, dem Ahmad Mesgarha in vielen komödiantischen Facetten Würde und Schwäche verleiht - er beherrscht das Aufschwingen der Figur vom Spießer zum herumkrakeelenden Möchtegern-Wichtigmann genauso wie das Zurückdrehen auf das Handtuchformat eines Versagers. Umrahmt wird er von der naiv-robusten Maria, gespielt von Anna-Katharina Muck, und von Hannelore Koch, die als Schwiegermutter alle Register der pointierten Komik zieht und zu Recht am Ende starken Beifall bekam. Durch Freude an der Übertreibung glänzt auch Matthias Luckey als Intellektueller - hier offenbart sich jedoch gleichzeitig eine Schwäche der bunten kollektiven Heuchlerei in dieser Inszenierung, die nie unter die Gürtellinie fällt, aber gelegentlich eher lärmt als beißt. Die Komik ist in der Tat komisch und hält das Publikum bei Laune, wie an den Reaktionen des zahlreichen, offenbar fußballresistenten Premierenpublikums zu entnehmen war. Aber sie ist selten abgründig. Zu plakativ kommt die Jagd auf den einfältigen Selbstmörder daher, um wirklich weh zu tun. Das (gläserne, vernetzte, gnadenlos belauschte und von Banken hinters Licht geführte) Individuum von heute als Hamster im Hamsterrad - diese Tragikomik wird trotz zahlreicher Gegenwartshinweise von Thomas Birkmeir nicht so spürbar, dass es einen aufwühlt.

nächste Aufführungen: 25.6., 2. & 12.7.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.06.2014

Bistra Klunker

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