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Thees Uhlmann präsentierte im Alten Schlachthof sein Album "#2", auf dem er die Republik vermisst

Thees Uhlmann präsentierte im Alten Schlachthof sein Album "#2", auf dem er die Republik vermisst

Die Blätter von den Bäumen sind weg, die Tage verdammt kurz geworden, das Gemüt eingetrübt. Der Mensch seufzt, schöner Mist, so geht das jetzt bis März. Am liebsten würde man sich in die innere Emigration verziehen.

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Diesmal (nur) der Zeigefinger Thees Uhlmanns. Er kann aber auch anders.

Quelle: Dietrich Flechtner

Oder wenigstens den Zugvögeln hinterher gen Süden. "Der Herbst ist die schöne junge Frau, die vom hässlichen alten Winter kaputtgeküsst wird" - besser kann man das kaum formulieren als Thees Uhlmann, der den Herbst erklärtermaßen liebt und am Freitag im Alten Schlachthof mit seiner Begleitband ein Konzert gab.

Uhlmann ist gut drauf. Als Teile des Publikums jubeln, als er sich nach dem zweiten Lied die Jacke auszieht (es ist in der Tat heiß im Saal), quittiert der Norddeutsche das Gejohle mit "Einen (Hemd-)Knopf kriegt ihr noch." Als dann aber von einem Proll auch noch "Ausziehen" gefordert wird, entdeckt er den Steinbrück in sich und streckt den Mittelfinger entgegen. Wieder und wieder. Und setzt noch einen drauf, in- dem er die Geste des Halsabschneidens macht. Man ist unter sich, feixt, käme nicht mal ansatzweise auf die krude Idee, sich moralisch entrüsten zu müssen.

Man könnte das Nordlicht Uhlmann der Hamburger Schule (Kante oder Die Sterne) zurechnen, die im Gegensatz zur Frankfurter Schule nicht im Elfenbeinturmzimmer des Unibetriebs sitzt und damit breitere Schichten erreicht, aber letztlich nur bedingt. Definitiv gab Uhlmann mit Tomte lange den emotionalen Schrammler, mit seinem zweiten Soloalbum "#2" versucht sich Uhlmann nun an einer Vermessung der Republik. Er weist die Schönheit in den Dingen hin, die direkt vor uns liegen. "Der Fluss und das Meer" ist ein emotional unglaublich packender Abgesang auf aus der Zeit gefallene Orte Deutschlands. Kreuze säumen die Straßen. Keiner verirrt sich hierher. Die Pensionen bleiben leer. Ein Schild von 1972 zeigt noch die Richtung zum verwaisten Minigolfplatz, und auf das Kurtaxenhäuschen wurde von den letzten Jugendlichen der vergreisten Region "The End Is Near" gesprüht. Ein Denkmal rostet langsam in der salzigen Luft vor sich her. Es gibt diese Orte, wo sich die Zeit ins Unendliche dehnt. In Niedersachsen, wo Uhlmann herkommt, in Mecklenburg-Vorpommern, Oberfranken, Sachsen... Salz liegt nur hier und da in der Luft, aber gemeinsam ist den Orten, dass in ihnen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, was traurig ist, aber irgendwie auch berührend und damit wunderschön.

Die Landschafts- und Städtebilder, die Uhlmann in kaminwarmem Moll zeichnet, legen sich aufs Gemüt. Aber beileibe nicht deprimierend, dafür erfüllen sie viel zu sehr den Willen zur Idylle. In den Liedern des Niedersachsen wird keine Postkarten-Idylle, keine heile Welt beschworen, beileibe nicht, sondern aufgefordert, einfach mal die Schönheit im Unspektakulären zu entdecken. Es gibt eine Stelle auf einem Deich in Niedersachsen, da blickt man gleichzeitig auf drei Atomkraftwerke. Sie sind Teil von Uhlmanns Kindheit, er wird sie auf irrationale Weise ebenso vermissen wie viele ältere Leute im Pott die rauchenden Schlote, die aus dem Stadtbild von Gelsenkirchen oder Castrop-Rauxel verschwunden sind. Wenn Selbstreflexion ein Kriterium der Moderne ist, dann hat Uhlmann mit "#2" diese Stufe erreicht.

Auch das Ruhrgebiet steht für etwas, das es so gar nicht mehr gibt, das schon lange gestorben ist und als polaroidhafte Erinnerung doch weiter lebt. Hier könnte er stehen, der von Uhlmann im Lied "Weiße Knöchel" beschworene wackere Wahlkämpfer, der seit 30 Jahren bei Regen, Wind und Schnee Wahlkampf für die SPD macht. "Der Irre der Stadt redet auf ihn ein/ Und das wird heute der einzige sein/ Später klappt er dann den roten Schirm zusammen/ Verstaut Broschüren im Kofferraum und zieht von dannen." Auch der Song "Am 7. März" ist ein erzählerisches Kleinod. Denn es war ein 7. März, als in einem Krankenhaus in Berlin Uhlmanns Mutter geboren wurde - und nur ein paar Stunden später Rudi Dutschke. Und auch Bret Easton Ellis erblickte am 7. März das Licht der Welt (anderes Jahr allerdings), ebenso der Rallye-Fahrer Walter Röhrl. Die ersten Cornflakes sollen angeblich auch an diesem Tag serviert worden sein. Und die FDJ gegründet, wie bei dieser unorthodoxen Geschichtsreflexion vermittelt wird. Naja, es ist wie mit dem 9. November. Da hat sich in der deutschen Geschichte auch viel getan.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.11.2013

Christian Ruf

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