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Theaterfestival "Fremd" zog 10 000 Besucher an

Theaterfestival "Fremd" zog 10 000 Besucher an

Die schon beinahe irritierende Publikumsmehrheit sehr junger Besucher hinterlässt den prägenden Eindruck vom achten Festival "Politik im Freien Theater". Schwatzend und schlürfend bevölkerten sie die Foyers in Hellerau und im Kleinen Haus, eingestandenermaßen auch neugierig auf Entertainment, aber offen für das Generalthema dieser zehn Tage, für die Auseinandersetzung mit dem Fremdartigen.

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Einer der beklemmendsten Beiträge - und in Dresden ausgezeichnet: "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" des Ungarn Kornél Mundruczó.

Quelle: Márton Agh

Und wo ein Vorstellungsbesuch einigen Schülern als hörbar lästige Pflichterfüllung auferlegt war, endete er in Standing Ovations wie bei "ArabQueen". Mehr als 10 000 Besucher haben die 16 Inszenierungen gesehen, dazu ein zahlenmäßig gar nicht erfassbares umfangreiches Beiprogramm an Vorträgen, Diskussionen, Filmen, Kunstprojekten und Parties.

Nun sagen Zahlen allein noch wenig über Inhalte, aber auch in dieser Hinsicht kann das Festival als ein Erfolg gelten. Wen die Sorge um eine Eventisierung und Komplettverspaßung des Theaters umtreibt, der konstatiert erfreut, dass auch das gesellschaftlich zupackende, Empathie heischende, durchaus auf Wirkung angelegte Theater lebt. Erinnerungen an das zweite Festival dieser Art, mit dem die Bundeszentrale für Politische Bildung 1993 schon einmal nach Dresden kam, fordern allerdings den Vergleich heraus, dass seither viel häufiger Mittel der Unterhaltung und der Show eingesetzt werden, um Stoffe zu transportieren. Am liebenswürdigsten und berührendsten vielleicht in dem bejubelten Bühnenfest der Kulturen, im Bollyland der Hamburger Gruppe Hajusom zum Abschluss am Sonnabend. Hans-Werner Kroesinger mit seinem nüchtern-alarmierenden dokumentarischen Theater "Darfur-Mission incomplete" über das Versagen der Welt in der Sudan-Tragödie muss da fast schon als ein Anachronismus gelten.

Was ist eigentlich politisches Theater? Eine Bühne jenseits der Politeia, des Gemeinwesens, kann es gar nicht geben. So hinken Vergleiche zum verflossenen Agitprop-Theater. Aber auch solche zu jener subtil-renitenten Form des politischen Theaters in der DDR, die gerade im Dresdner Kleinen Haus in den Achtzigern eine Blüte erlebte. Mit den Kooperationspartnern Staatsschauspiel und Hellerau haben sich in diesem Jahr Grenzziehungen zwischen staatlichen und freien Bühnen, die einst eine Politisierung des Theaters bewirkten, erst recht erübrigt. Einzig die Frage nach der Einbeziehung freier Dresdner Bühnen grummelte kurzzeitig einmal. Aber Andreas Nattermann vom Societaetstheater wies jeden Frustverdacht von sich. Die Belegung der Spielstätte durch die jiddische Theaterwoche und die Jazztage hätten gar keine freien Termine gelassen.

Das klare Motto "Fremd" hat dem Festival gut getan und eine Orientierungslinie markiert, auch wenn manche Vorstellungen in einiger Distanz zu dieser Linie spielten. Die Spiegelung unserer Sicherheitsneurosen durch Turbo Pascal in Hellerau etwa war dennoch zumindest eminent politisch. Nicht nur das Vorschriften- und Versicherungswesen lebt von unseren Ängsten, auch die Innenpolitik ist mehr und mehr bereit, dem tatsächlichen oder unterstellten Sicherheitsbedürfnis auch andere Grundrechte zu opfern.

Das "Fremde" kommt vor allem aus Afrika und von den Muslimen, und allein seine Vitalität, angesichts derer das Abendland meistens schlecht abschneidet, ist eine Herausforderung. In "ArabQueen", der schauspielerisch wohl grandiosesten Leistung des Festivals, wird der Konflikt der Kulturen noch vom Konflikt der Generationen innerhalb der eingewanderten Muslime überlagert. "Made in Paradise" im Japanischen Palais ließ in einem der fünf Fragmente die Zuschauer spontan über den Islam diskutieren. Wie überhaupt häufiger die ungeschriebenen Spiel-Verabredungen zugunsten eines interaktiven Mitmachtheaters aufgekündigt wurden. Am krassesten während der inquisitorischen Performance der Amerikanerin Ann Liv Yong, offenbar wegen ihrer Befremdlichkeit für das Festival nominiert. Zwangstherapie des Publikums für suggerierte Probleme, die nur die Therapiebedürftigkeit von "Cinderella" selbst offenbarten. Weder originelles Entertainment noch gekonnte Provokation. Statt dessen ein Mix aus skrupelloser Ausübung von Bühnenmacht, Selbstmitleid, amerikanischem Helfersyndrom und Exhibitionismus.

Die beiden Preise des Festivals gingen schließlich an die unmittelbarsten und politisch brisantesten Beiträge. Die hier schon beschriebene Lecture-Performance "Money - It Came From Outer Space" zum Gebaren der Finanzwelt bekam den Preis des Goethe-Instituts. !5 000 Euro erhielten das Stück des Ungarn Kornél Mundruczó "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" und seine mit äußersten Körpereinsatz agierenden Schauspieler auf zwei Trucks im Flughafen-Terminal. Eine an Drastik kaum zu überbietende, aber genau recherchierte Attacke auf den Frauenhandel und seine perversen Akteure, deren Opfer um ihre Menschenwürde ringen. Das Shakespeare'sche Gemetzel am Schluss konnte auch in der Kälte des Terminals niemanden kalt lassen.

Mit der Beschädigung von Großplakaten "Alles Ägypter" und islamfeindlichen Beschimpfungen im Internet fiel allerdings auch ein Schatten zumindest auf das Beiprogramm des Festivals. Kurator Dietmar Lupfert räumte ein, dass das Projekt "Urban Mutations" am Gomondai-Platz von möglichen Interessenten viel Zeiteinsatz erforderte und nicht die erhoffte Resonanz fand. Michael Bartsch

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.11.2011

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