Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Theaterchef und Dämon, Genie und "Unsterbliche Geliebte", aber "Beethoven ohne Musik"?

Theaterchef und Dämon, Genie und "Unsterbliche Geliebte", aber "Beethoven ohne Musik"?

"Faust ohne Worte" war schon, nun also "Beethoven ohne Musik". Folgt als nächstes "Rembrandt ohne Farbe"? "Wagner ohne Stabreim" oder "Bibel ohne Zitate" wären auch lustige Ideen.

Voriger Artikel
Schwimmende Ausstellung zur Stadt der Zukunft startet in Dresden
Nächster Artikel
Berliner Philharmoniker suchen einen neuen Chefdirigenten. Christian Thielemann werden Chancen eingeräumt

Carl Becker, Wagner Moreira, Frank Auerbach und Wolfgang Krause-Zwieback (v.l) verkörpern die unterschiedlichen Beethoven-Egos.

Quelle: HL Böhme

Der Theaterzirkus Dresden hat "Beethoven ohne Musik" aber ganz ernst gemeint. Schließlich litt der große Komponist aus dem kleinen Bonn beizeiten an zunehmender Gehörlosigkeit. Ein taub werdender Musiker, was für ein Schicksal.

Und was für ein Anspruch, dies auf die Bühne zu bringen! Der multitalentierte Schauspieler Tom Quaas ist gemeinsam mit seiner Co-Regisseurin Therese Schmidt diese Herausforderung angegangen und hat sich sehr mutig etwas gewagt. Ludwig van Beethoven wurde vom Sockel der Erhabenheit geholt, seine Musik blieb tatsächlich außen vor, weit mehr als zwei Stunden lang ging es um die Person, ihr Innerstes und ihre Umgebung. Beethoven ist dazu viergeteilt worden, es gab ihn als Kind, als jungen, gereiften und als alten Mann. Oft waren die verschiedenen Zeitalter des Komponisten sogar zeitgleich auf der Bühne und standen sich mitunter auch im Wege. Quaas und Schmidt haben für ihr großes Projekt viele Mitstreiter gesucht und gefunden, nun wurde "Beethoven ohne Musik" im Palais im Großen Garten vor vollem Haus herausgebracht und erntete lautstarken Beifall. Theaterdirektor Quaas schuf eine Magie der Illusionen, ließ Gassen auf die kleine Bühne zaubern, öffnete im Hintergrund einen roten Vorhang für sinnliche Filmeinblendungen. Zum Aufwärmen gab es zwar erst einmal Mitmachtheater und wurde das Publikum in die einzelnen Stimmgruppen des Orchesters eingeteilt, doch gleich darauf drehte sich die Perspektive und Beethoven höchstselbst leitete die Musik. Um einen Hauch davon zu spüren, wie verzweifelt der Meister gewesen sein muss, als er nichts mehr von ihr hörte, blieb auch dem Publikum die Musik vorenthalten. Wie eingebildete Geister schwebten die Filmmusiker ins große Nichts.

Geräuschkulissen aber gab es zuhauf, auf denen sich Jung-Ludwig - mit herrlicher Spielfreude alternierend die Palucca-Schüler Carl Becker und Edgar Diebler sowie Wagner Moreira - austoben konnte und sich wie eine Erscheinung immer wieder in die Rückschau des alten Meisters hineindrängte. Der, mürrisch-nobel von Wolfgang Krause Zwieback gegeben, schien Alter und Abschied nicht wahrhaben zu wollen. Immer wieder öffnete er (nicht vorhandene) Türen und Fenster, um auf die Straße zu sehen, deren Lärm er nicht hörte. Komponist Helmut Oehring, der als Kind gehörloser Eltern eigene Erfahrungen mit diesem Thema besitzt, schrieb dazu ein Hörstück ohne Musik. Tinnitus-Geräusche drängten sich da rein und man konnte sich vorstellen, welch kakofonischer Kampf zwischen den Ohren stattfindet, wenn das Schrille nicht mehr abzustellen ist und das Schöne versiegt.

Auch optisch kam der Leipziger Künstler Beethoven recht nah, dass er hier einmal nur aus dem Off sprach und dabei seltsam unbeteiligt klang, hat überrascht. Das Zusammenspiel von Genie und Wahnsinn deutete bereits Frank Auerbach an, der Beethoven auf der Erfolgsspur zeigte. Ein wenig zu selbstverliebt, applaussüchtig und ohne jede Ahnung, welche Schicksalsschläge das Leben noch bereithalten mag. Denn nicht nur die Musik hat den Wiener Klassiker umgeben - hier sinnbildlich als tanzende Note von Rose Vischer dargestellt -, auch die Frauen waren ihm Lust und Last. Allen voran die "Unsterbliche Geliebte" Josephine von Brundwick, die filmisch schwarzweiß wie Gretchen im Garten und real auf der Bühne begehrenswert von Marie Bretschneider dargestellt wurde. Aber unerreichbar blieb, wie ein immer wieder dazwischenfunkender Dämon klarmachte. Ganz mephistophelisch hat sich dazu Martin Kiefer finster gerötet.

"Beethoven ohne Musik" hatte den Mut zu dramaturgischer Unausgewogenheit, setzte Schwerpunkte mal in der Pantomime, mal im Klang, traute sich letztlich dann doch keinen totalen Verzicht auf Musik. Die Dresdner Sinfoniker unter Michael Helmrath haben - als Einspiel - zuverlässig bei diesem Projekt mitgewirkt, das insgesamt freilich suggestiver als so manche Stadttheaterproduktion wirkte. In der Ausstattung von Tilo Schiemenz bargen sich Zauber und Slapstick-Vorlagen. Eines der eindruckvollsten Bilder ist das wütende Zusammensetzen eines ramponierten Flügels. Vor dem ersten Ton ist atemlos Stille. Und Schweigen danach.

"Beethoven ohne Musik" 9. bis 12. und 17. bis 19. April; Vorstellungsbeginn ist um 20 Uhr; außer am 12. und 19. April um 16 Uhr; Karten können im Societaetstheater, An der Dreikönigskirche 1, an der Abendkasse und Online für 29,90 Euro erworben werden. Bestellungen werden unter Tel.: 803 68 10 oder per Mail an bestellung@societaetstheater.de entgegen genommen.

www.beethoven-ohne-musik.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.04.2015

Michael Ernst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr