Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Theater im Licht, Kreativwirtschaft im Schatten

Kraftwerk Mitte Theater im Licht, Kreativwirtschaft im Schatten

Mehr als 25 Jahre nach der Deutschen Einheit rücken für die Kulturbürger Dresdens zwei Sehnsuchtstermine in greifbare Nähe. Kurz vor Weihnachten, voraussichtlich am 16.Dezember erwartet die Theaterfreunde bereits ihre Bescherung. Die Staatsoperette und das Theater Junge Generation ziehen von Leuben und Cotta ins Kraftwerk Mitte. Die Kreativwirtschaft hat aber das Nachsehen.

Das die Theaterneubauten umgebende Kraftwerksgelände mit aufgelisteten 13 Gebäudeteilen gehört dem städtischen Energieversorgen DREWAG

Quelle: Jürgen-M. Schulter

Dresden. Mehr als 25 Jahre nach der Deutschen Einheit rücken für die Kulturbürger Dresdens zwei Sehnsuchtstermine in greifbare Nähe. Die Stadt, die gern europäische Kulturhauptstadt werden möchte, schmückt sich endlich nicht nur mit dem, was frühere Generationen hinterlassen haben oder der Freistaat Sachsen investiert. Weitgehend aus eigener Kraft soll im kommenden April der Umbau des Kulturpalastes vollendet werden. Kurz vor Weihnachten, voraussichtlich am 16.Dezember erwartet die Theaterfreunde bereits ihre Bescherung. Die Staatsoperette, die eigentlich Stadtoperette heißen müsste, und das Theater Junge Generation ziehen von Leuben und Cotta ins Kraftwerk Mitte. Wahrscheinlich 93 Millionen Euro lässt sich die Stadt den Doppelneubau am Rande des 1994 stillgelegten Kraftwerks kosten.

Die Intendanten Wolfgang Schaller und Felicitas Loewe lächeln sich bereits ein. Nicht nur die hellen Eckzimmer des Verwaltungsgebäudes Ehrlichstraße stimulieren solche Heiterkeit. Je konkreter man die jahrzehntelang genutzten Provisorien am Stadtrand mit den neuen Möglichkeiten vergleicht, desto größer muss die Begeisterung ausfallen. Selbst dann, wenn der persönliche Geschmack nicht mit dem des Hamburger Architekten Jörg Friedrich übereinstimmt, etwa das dominierende Reinweiß im Inneren oder die Außenverkleidung des Besuchergeschosses mit dem rostigen Corten-Stahl betreffend. Vier Millionen Landesfördermittel fielen aus, an der technischen Ausstattung muss gespart werden, und die Nutzfläche wurde um 2 000 Quadratmeter reduziert. Dennoch verliert man sich fast in der Weite der Seitenbühnen und Lagerflächen, die Probensäle imponieren, die vier Spielstätten ohnehin.

Nicht von ungefähr wirbt seit Ende Juni die Dresden Marketing GmbH im deutschsprachigen Raum vor allem für die beiden Theater. Geschäftsführerin Bettina Bunge will mit der Kampagne für „Dresdens neue Mitte“ nicht nur Theaterliebhaber ansprechen, sondern aus gutem Grund auch Architekturfreunde. Doch diese „Mitte“ ist selbst nicht in der Balance und ein asymmetrisches Gebilde. Vielen ist nicht bewusst, dass das Großprojekt Kulturkraftwerk aus zwei Teilen besteht, zwei Gesichter hat und aus zwei unterschiedlichen Blickrichtungen bewertet wird.

Das die Neubauten umgebende Kraftwerksgelände mit aufgelisteten 13 Gebäudeteilen gehört dem städtischen Energieversorgen DREWAG. Der saniert die Industriedenkmale bis 2020 für 30 bis 50 Millionen Euro zum Zwecke kultureller Nutzung. Genau genommen kommt noch der dritte Aspekt der Stadtentwicklungsfunktion dieser leicht exzentrischen „neuen Mitte“ hinzu. Künstler und Architekten, die sich im Ringen um das Projekt engagierten, hatten diese immer wieder betont. Die Stadt endet eben nicht am Bahnhof Mitte, obschon man angesichts der beängstigenden Gentrifizierungsprozesse in Dresden andererseits froh sein muss, noch erschwingliche und „ungestylte“ Stadtteile wie die Friedrichstadt vorzufinden.

Während die Vorfreude auf die Theater vollauf berechtigt erscheint, hat die anfängliche Euphorie bei potenziellen Mietern der Altbauten einen Dämpfer erhalten. Die Investitionen der DREWAG in die Halbruinen wollen trotz der hier fließenden Städtebaufördermittel refinanziert werden. Dabei ist die ursprüngliche Idee eines Kulturkraftwerks, das im Wortsinne sogar einen kulturwirtschaftlichen Output generiert, zum Teil auf der Strecke geblieben. Dokumente aus den Jahren 2012 und 2013 rufen noch einmal in Erinnerung, mit welchen Hoffnungen der Kraftwerksbeschluss bei Künstlern und Kreativen verbunden war. Jana Betscher, bekannt vom Magazin „dresdner“, und der Filmemacher Ralf Kukula von Balance Film gründeten die IG Kraftwerk Mitte. Sie stellten sich vor, dass das Kraftwerk durch die breite Ansiedlung von Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem „wirtschaftlichen Nukleus für Dresden werden kann“. Über 70 StartUp’s und Kleinfirmen wollten auf das Gelände. Zuvor hatten schon die Bildenden Künstler ähnliche Vorstellungen entwickelt. Die freie Theaterszene nahm im September 2013 mit einem OFF-Theaterfestival das Gelände schon einmal in Beschlag.

Diese Träume sind weitgehend ausgeträumt. „Wenn am 16.Dezember beide Theater mit großem Bahnhof eröffnet werden sollen, wird es rundherum nur Potemkinsche Dörfer geben“, schimpft Ralf Kukula. Fast alle IG-Mitglieder sind inzwischen abgesprungen, als sie von den zu erwartenden Mieten erfuhren. Eine Umfrage unter Künstlern und Interessenten der Film-, Werbe- oder Spielebranche ergab damals eine zumutbare Obergrenze von 6,50 Euro pro Quadratmeter. Kukula selbst resignierte bei einem Angebot von 12,70 Euro. „Wir wollten keinen Alibi-Streichelzoo für Kreative, sondern ein Gesamtkonzept für das Gelände“, erinnert er. Nicht eine einzige Firma habe sich bislang angesiedelt.

DREWAG-Prokurist Frank Neuber hält dagegen. Der unterschiedliche, größtenteils aber hohe Sanierungsaufwand bedinge nun einmal höhere Mieten. Es gebe genügend kommerzielle Interessenten oder Rechtsanwälte, die Marktmieten bis zu 20 Euro zahlen würden. „Wir aber wollen die Kultur- und Kreativwirtschaft hier haben“, bekräftigt Neuber und verweist auf ein gemeinsames Vorhaben mit dem Dresdner Verband der Kultur- und Kreativwirtschaft „Wir gestalten Dresden“. Der soll in der ehemaligen Heizzentrale als Generalmieter für einen Co-Working-Space auftreten. Bei der Untervermietung könnten auch Quadratmetermieten von 7 Euro möglich sein, meint Neuber. Fertig wird die frühere Heizzentrale erst im kommenden Jahr. In der Halle fand in diesem Sommer eine erste Ausstellung mit Fotografien von Günter Starke statt. Generalmieter für die Räume in den oberen Etagen will offenbar das Dresdner Kreativ-Businesscenter „neonworx“ werden. Der Vermieter und Ausstatter für Freiberufler mit Sitz auf der Marienstraße wirbt schon jetzt für 1 700 Quadratmeter Nutzfläche für CoWorking, Büros, Gastronomie und Events.

Auf das daneben liegende so genannte Reaktanzenhaus hatte die IG Kraftwerk ein besonderes Auge geworfen. Vor drei Jahren wollte sie erreichen, dass die Stadtentwicklungsgesellschaft STESAD und nicht der darin unerfahrene Energieversorger DREWAG das gesamte Gelände entwickelt. Die damalige Oberbürgermeisterin Helma Orosz verhinderte das. Exemplarisch wurde aber zur Zeit des OB-Wahlkampfes 2015 das Reaktanzenhaus für 25 000 Euro von der STESAD schon einmal geplant. Auch Theatermann Peter Förster, derzeit im Bärenzwinger spielend, wäre dabei gewesen. Über einen Erbbaupachtvertrag wurde bereits verhandelt, aber die DREWAG zog sich zurück. Jetzt hoffen die Kreativen noch ein bisschen auf OB Dirk Hilbert, aber der schweigt.

Den größten Teil der bereits sanierten Altbauten nutzen nun öffentlich geförderte Träger wie die Musikhochschule, das Schütz-Konservatorium oder der sächsische Ableger „Weiterdenken“ der Heinrich-Böll-Stiftung. Laut Neuber liebäugelt auch das bislang im ehemaligen Pentacon sitzende Medien- und Kulturzentrum mit einem Umzug. Und Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) wirbt bei den Staatlichen Kunstsammlungen dafür, in einem der ehemaligen Schalthäuser die Puppentheatersammlung zu platzieren. Die Kulturbürgermeisterin könnte sich auch vorstellen, in der „Villa“ auf dem Gelände ein Haus interkultureller Zusammenarbeit einzurichten. Also etwas Ähnliches, wie es mit dem „Elixir“-Projekt auf der Königsbrücker gerade an der Verweigerung der SPD zu scheitern droht. Ansonsten ist sie auch nicht nur glücklich mit dem Kraftwerk, das eben kein „Allheilmittel“ sei. „Es ist kulturpolitisch schwierig, Akteure, die dauerhaft einen Mietzuschuss brauchen, hier anzusiedeln“, sagt sie. Reizwort Miete. Der Etat des Geschäftsbereiches Kultur wird zwar aufgestockt, aber diese Erhöhung wird aufgezehrt von den jährlich fünf Millionen Euro Miete, die die Stadt künftig für die Theater und weitere Einrichtungen bei den eigenen Töchtern zahlen muss.

„In Berlin oder in der Leipziger Baumwollspinnerei ist man viel mehr auf die Interessen und Möglichkeiten der Nutzer eingegangen“, vergleicht Ralf Kukula resigniert. Der Traum vieler – noch – geringverdienender Kreativer, mit diesem Kraftwerkszentrum Gentrifizierungsprozessen entgegenzuwirken, hat sich leider zerschlagen. Was bleibt, ist die ungeteilte Freude von Theatermachern und Theaterfreunden über zwei vorbildliche neue Spielstätten.

Von Michael Bartsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr