Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+
"Theater als Ressource und als Traumfabrik" - Dresdens neuer Opernintendant Serge Dorny im DNN-Interview

"Theater als Ressource und als Traumfabrik" - Dresdens neuer Opernintendant Serge Dorny im DNN-Interview

September 2014 Intendant der Sächsischen Staatsoper Dresden in Nachfolge der 2012 verstorbenen Ulrike Hessler. Sein Vertrag läuft zunächst fünf Jahre.

Voriger Artikel
Behebung einer Amnesie - Ausstellung würdigt den Dresdner Ludwig Meidner
Nächster Artikel
Unterm Alpdruck des Unheils: "Heimgang" ist der Titel des neuen Buches des Dresdner Schriftstellers Klaus Funke

Serge Dorny: Dresdner Semperoper und Staatskapelle waren wirklich Botschafter für die Stadt und zeigten, welche Bedeutung Kultur hier genießt. Die Qualität der Sächsischen Staatskapelle ist dauerhaft, das ist ihr Markenzeichen.

Quelle: Matthias Creutziger

Serge Dorny wird ab 1. Derzeit ist der Belgier noch Intendant der Opéra National de Lyon. Seit 2003 leitet er das renommierte Haus überaus erfolgreich und hat diesem zu internationaler Wahrnehmung über die Grenzen Frankreichs hinaus verholfen. Im DNN-Interview spricht er mit Kerstin Leiße und Michael Ernst über erste Pläne für Dresden.

Frage: Monsieur Dorny, Sie gliedern Ihre Arbeit in Kapitel, offiziell schlagen Sie 2014 ein neues in Dresden auf. De facto sind Sie hier schon jetzt mit Vorbereitungen beschäftigt. Wann haben Sie denn zum ersten Mal von der Semperoper gehört, welche Erinnerungen haben Sie an das Haus?

Serge Dorny: In unserem Beruf ist man natürlich viel unterwegs an anderen Häusern. Zum ersten Mal in Dresden war ich in der Zeit von Intendant Gerd Uecker, damals war ich noch beim London Philharmonic Orchestra und habe mir schon wegen der Verbundenheit mit Bernard Haitink ab und an auch Produktionen der Semperoper angesehen. Sänger wie René Pape, Evelyn Herlitzius und später auch Anja Harteros, die habe ich alle zum ersten Mal in Dresden erlebt. Natürlich war ich auch öfter mal wegen Colin Davis und Giuseppe Sinopoli hier.

Aber beinahe noch mehr und vor allem viel früher habe ich die Semperoper im Ausland wahrgenommen, dort hat sich ja auch ihre Qualität vermittelt. Die Staatskapelle war mehrfach beim Festival van Vlaanderen zu Gast, das ich ab 1987 leitete. Wer hätte damals gedacht, als ich die Kapelle im Palais des Beaux-Arts in Brüssel gehört habe, dass ich einmal hier Intendant werden würde!

Welchen Ruf hatten das Orchester und die Oper im Ausland?

Sie waren wirklich Botschafter für die Stadt und zeigten, welche Bedeutung Kultur hier genießt. Die Staatskapelle wurde international immer als eines der ganz großen Orchester angesehen, sie zählt für mich als Spitzenorchester zu den Göttern. Aber bei vielen Orchestern gibt es da ein Auf und Ab, je nach Programm oder Dirigenten. Aber hier erlebe ich eine Nachhaltigkeit in der Qualität, eine Kontinuität, die etwas ganz Besonderes ist. Die Qualität der Sächsischen Staatskapelle ist dauerhaft, das ist ihr Markenzeichen. Und die Semperoper hat immer schon einen Ruf für große Stimmen gehabt.

Als Staatsopernintendant werden Sie im Verbund der Sächsischen Staatstheater mitwirken. Gibt es schon Absprachen mit Dresdens Schauspielintendant Wilfried Schulz?

Ich kenne ihn schon aus seiner Zeit in Hannover und freue mich auf die gemeinsame Arbeit mit ihm. Denn ich weiß, dass wir viele Überzeugungen vom Theater teilen. Wenn uns gelingt, diese zu vermitteln, ergeben sich schöne Möglichkeiten der Zusammenarbeit, also nicht nur eine juristische und organisatorische Verbundenheit, sondern vor allem inhaltliche Aspekte. Anknüpfungspunkte in thematischen Fragen, zur Regie und zum Wert des Theaters.

Welchen Wert hat Theater denn für Sie?

Das hat mit der Funktion zu tun, die das Theater in unserem Leben, also auch innerhalb der Stadt einnehmen soll. Laut Platon hat Musik kosmische Kraft und bietet die Möglichkeit, die Welt zu verändern. Von solchen Worten sind wir heutzutage weit entfernt, Kunst und Kultur sollen nicht stören, werden oftmals an die Peripherie verbannt. Stattdessen gehören sie ins Zentrum einer Stadt, müssen spürbar anwesend sein, um die Leute zusammenzubringen.

Ich finde, Kunst und Kultur können das Leben vielleicht nicht ändern, ihm aber einen Sinn geben, indem sie berühren und Menschen befragen. Daraus sollte sich - gerade in Repertoiretheatern - ein Bedürfnis für den Alltag ergeben, um wirklich teilzunehmen und nicht nur billiges Entertainment zu suchen. Theater sehe ich als Ressource und als Traumfabrik.

Sie haben Kunst und Kultur mal als erneuerbare Energien bezeichnet?

Ja, denn Kunst und Kultur sind kein Konsumgut, man kann sie zwar konsumieren, aber sie haben eine viel größere Bedeutung. Wenn man sie teilt, nimmt man niemandem was weg, im Gegenteil, es wird mehr und ist eine Bereicherung. Daraus erwächst Energie. Vorausgesetzt, es geschieht nicht isoliert und im Elfenbeinturm.

Ein solcher Dialog bereichert zuerst natürlich das Publikum, genauso aber auch die jeweiligen Institutionen, denn daraus erwächst ja deren Relevanz. Sonst wären wir nur Türhüter der Vergangenheit. Doch wenn wir uns fragen, warum wir das tun, was wir tun, wie und für wen wir das tun, was ist die Bedeutung von Kunst und Kultur heute? Das macht dieses Kapitel Dresden für mich von Anfang an so wichtig - ich bin keine Institution, ich stehe im Dienst einer Institution und will ein Ermöglicher sein. Wenn man irgendwo neu anfängt, gibt es die Chance zum Kennenlernen. Da kann man nichts kopieren, denn der Ort ist anders, die Menschen sind anders, die Kultur, die Traditionen sind anders.

Diese Überzeugungen teile ich mit Wilfried Schulz, meinem Eindruck zufolge, aber wir werden sie hoffentlich unterschiedlich artikulieren. Schon wegen der Unterschiede zwischen Sprechtheater und Oper.

Wie konkret waren die ersten Begegnungen mit Christian Thielemann, dem Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden?

Das waren zwar lange Gespräche, aber es war ein erstes Kennenlernen. Bislang kannte ich ihn nur als Künstler, den ich sehr schätze. Ich habe ihn an der Deutschen Oper Berlin erlebt, als Gastdirigent in London, New York; unvergessen bleibt mir sein "Palestrina" von Hans Pfitzner in der Regie von Nikolaus Lehnhoff an der Royal Opera London. Aber wir haben noch nie zusammengearbeitet.

Jetzt haben wir über erste Ansätze gesprochen, beispielsweise die Idee, dass Gastdirigenten mit mehr Kontinuität sowohl Konzerte auf der Bühne als auch Opern im Graben leiten sollten. Was die Bühne betrifft, werde ich mich in Zukunft aktiv mit einbringen, denn ich finde, man kann die Identität und Handschrift eines Hauses nicht durch Dritte vermitteln. Ich arbeite nicht mit Fernbedienung, wenn ich mich ums Repertoire, um Neuproduktionen, um das Ensemble oder um die Namen von Gästen kümmere.

In Lyon hatten Sie ein Stagionesystem, Dresden ist ein Repertoiretheater. Wo sehen Sie Vor- und Nachteile?

Das Repertoire ist ein interessantes Modell, es hat eine eigene Bedeutung in der Stadt, denn es ist täglich anwesend und sollte eine enge Verbindung mit ihr entwickeln. Repertoiretheater könnte auch die Grundlage sein, Stimmen richtig zu pflegen und zu entwickeln, den Künstlern also erst Wurzeln zu geben, damit sie dann Flügel bekommen. Der große Nachteil ist die Gefahr der Routine, dass die Frage nach dem Warum und auch die Energie verloren gehen.

Beim Stagionebetrieb kann ein Stück wachsen wie guter Wein. Wichtig ist viel Zeit für die Proben, um wie in einem Laboratorium zu arbeiten. Die Semperoper sollte ein Produktionszentrum sein.

Für mich ist es interessant, beides geschickt miteinander zu mischen, das ist eine spannende Herausforderung für das Haus. Manche Ideen werden sich erst noch entwickeln. Aber das Ziel ist klar, ich möchte gern, dass wir wieder über die Grenzen hinweg interessant werden, um mit unseren Produktionen ins Ausland zu gehen. Als Botschafter, um den Ruf Dresdens international zu vermitteln! Mit Sydney, dem Teatro Real Madrid, der English National Opera London und der Met in New York bin ich da schon im Gespräch.

Wird das eine Einbahnstraße sein oder soll es Austausch geben?

Gerne auch Austausch, wenn es sich anbietet. Aber zumindest innerhalb Europas sollte Dresden eine Exklusivität haben, finde ich. Damit es sich auf dem Kontinent herumspricht und die Semperoper eine magnetische Kraft wegen ihres Angebots bekommt.

Momentan scheint mir da vieles zu fehlen. Wenn man von Wagner und Strauss einmal absieht, ist das Repertoire ziemlich beschränkt, da ist die Operngeschichte spärlich vertreten. Kaum Mozart, kein Tschaikowski, kein Janácek, keine Opern von Prokofjew, Rimski-Korsakow, Schostakowitsch -

Das heißt, wir müssen ein Repertoire aufbauen, das diesem Haus gerecht wird. Wenn es nach meinen Ambitionen ginge, würden wir pro Saison gerne sechs große Produktionen herausbringen. Aber das kann ich heute noch nicht versprechen, viele Überlegungen brauchen einfach noch Zeit.

Dresdens Oper hatte mal einen besonderen Ruf als Uraufführungsstätte!

Richtig, die Neue Musik war ein Grundsatz in der Geschichte dieses Hauses. Wenn wir an Strauss denken, an Hindemith, an Busoni - da hat die Semperoper Musikgeschichte geschrieben. Ich denke, wir müssen das Opernrepertoire weiter bereichern, denn es ist keine Bibliothek der Vergangenheit, die man ohne jede Verpflichtung einfach benutzen kann.

Sowohl in London als auch in Lyon habe ich jedes Jahr ein neues Stück in Auftrag gegeben, allerdings nicht aus Verpflichtung und wegen der guten Tat, sondern um die Stücke dann auch zu begleiten, ihnen eine Bedeutung zu geben und damit eine Begeisterung zu wecken. Glauben Sie mir, das war auch nicht immer einfach, aber die Lebendigkeit wuchs durch dieses Vertrauen und war stimulierend für alle Publikumsgruppen.

Denn nur ein exklusives Publikum ist nicht interessant. Nicht für die Zuschauer selbst, nicht für die Institution. Erst ein gemischtes Publikum macht die Sache spannend für alle, denn plötzlich hört man den anderen zu und kann etwas erfahren. Den Blick von außen, wie ich ihn jetzt auch auf Dresden habe, sehe ich als Privileg.

Den werden Sie auch noch eine Weile pflegen müssen, da Sie ja noch in Lyon tätig sind. Wie geht es dort weiter?

Ich werde bis zum letzten Tag arbeiten, ich kann gar nicht aufhören. Aufhören ist für mich sowieso schwerer als Anfangen. Jetzt sucht man in Lyon einen Nachfolger, der spätestens im Januar 2015 dort anfangen kann. Bis dahin werde ich das Haus noch begleiten und meine Verantwortung wahrnehmen. Es gibt mir jetzt die Möglichkeit, Dresden gut vorzubereiten, dann wird es für eine kleine Weile umgekehrt sein. Aber ich bin kein Mann des Zurückblickens, ich liebe Aktion.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.10.2013

Kerstin Leiße

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr