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Theater Plauen-Zwickau zeigt Heiner Müllers "Auftrag"

Theater Plauen-Zwickau zeigt Heiner Müllers "Auftrag"

Wie wenig man Heiner Müller gerecht wird, wenn man ihn auf einen poetisch-brillanten Analytiker von Widersprüchen im real existierenden Sozialismus reduziert, zeigt seine Wiederentdeckung just in diesem Erinnerungsherbst.

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Jens Hollwedel (Debuisson) und Mathias Wagner (Sasportas).

Quelle: Peter Awtukowitsch

Leipzig bringt die "Wolokolamsker Chaussee", Senftenberg wagt sich an sein letztes Stück "Germania 3", und sogar das westdeutsche Osnabrück widmet sich dem kurzen "Gundling", einer bitterbösen Attacke auf den preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Und eben Plauen-Zwickau, wo in der Kleinen Bühne neben dem Plauener Theater "Der Auftrag" von 1979 jetzt Premiere hatte.

Es sei schon eine schlitzohrige Idee gewesen, räumt Intendant und Regisseur Roland May ein, diesen Müller im Jubeljahr 25 nach der Oktoberrevolution der anderen Art wieder auszugraben. Nicht nur, weil er als junger Mann 1981 bei der zweiten DDR-Inszenierung in Karl-Marx-Stadt selber den Galloudec gespielt hatte. Auch 1989 kam ein Auftrag abhanden, der vielen Anhängern und Mitläufern des Ancien Règime Selbstbesinnung und Neuorientierung abverlangte. Und was seither aus dem Auftrag der Gestaltung einer neuen Gesellschaft geworden ist, mag jeder selbst beurteilen.

Denn Heiner Müllers "Erinnerungen an eine Revolution", so der Untertitel, sind eine Parabel auf Revolutionszyklen aller Couleur. Die französische Revolution dient nur als Beispiel, wie Ideen in Person dreier Emissäre die Revolution selbst überleben, sich plötzlich in einem historischen Vakuum wiederfinden. Inspiriert von Anna Seghers und einer eigenen Reise nach Mittelamerika, lässt der große Dramatiker drei völlig verschiedene Männer im Auftrag des Konvents in das karibische Jamaika reisen, wo sie einen Sklavenaufstand anzetteln sollen. Einmal, um die Revolution zu exportieren, zum anderen, um den Briten nebenbei ihre Kolonie abzuluchsen.

Inzwischen aber hat es in Frankreich den 18. Brumaire gegeben, das Jahr 1799 bringt das Ende des Direktoriums und den Aufstieg Napoleons. Die Männer müssen über ihren ursprünglichen Auftrag entscheiden, sich als Individuen positionieren. Das einigende Band der Revolution ist zerrissen. Der Intellektuelle Debuisson, Sohn eines Sklavenhalters, kehrt zurück in die "Welt, die wird was sie war: Eine Heimat für Herren und Sklaven". Der Bauer Galloudec und der Schwarze Sasportas empfinden einen unbefristeten Auftrag zur permanenten Revolution und werden sterben.

Es geht deftig und gefühlt postrevolutionär los auf der Kleinen Bühne. Der Bildschirm fängt ein, wie drei einsame Demonstranten für "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf der Straße von drei leichten Damen weggefangen werden. Unmittelbar darauf sieht man alle sechs Akteure live bei schwülem Licht in einem Etablissement wieder, das mindestens eine GoGo-Bar vorstellt. Erst im Lauf der knapp eineinhalb Stunden wird die Sinnfälligkeit dieses Einstiegs und der immer wiederkehrenden Laszivität der drei Frauengestalten klarer. Seit der paradiesischen Sündenfall-Geschichte gilt das Weib als verhängnisvolle Verführerin, und auch hier steht es synonym für den verlockenden Verrat, für die Abkehr von der Idee, für den Triumph des Gewöhnlichen. Eifersucht auf die "Hure Revolution" beherrscht diese Frauen, die ihrerseits die Männer zu beherrschen suchen.

Heiner Müller hat auf postdramatische Weise komponiert, wie wir heute sagen würden. Collage, Montage, die autobiografisch geprägte "Erste Liebe" eingeschoben und einen Monolog im Fahrstuhl, bei dem der Auftrag einer Vorsprache beim "Chef" ebenfalls abhanden kommt. Roland May folgt dem in seiner Inszenierung und verbindet berichtende, erzählende, konventionelle Spielszenen mit surrealen, symbolträchtigen Einwürfen bei sparsamem Einsatz heute unverzichtbarer Videotechnik. Für die Ausflüge ins Allegorische und Groteske hat Luisa Lange, seit der vorigen Spielzeit Ausstattungsleiterin am Theater, eine Bühne auf die Bühne gebaut, einen einfachen Guckkastenrahmen. Geschickter Lichteinsatz bis hin zu Stroboskop und Schwarzlichteffekten verstärkt die Wirkung.

Die jungen, teils erst mit dieser Spielzeit ins Ensemble gekommenen Spieler müssen sich mit dem "Auftrag" einem heute wenig geläufigen Auftrag stellen. Denn der Intendant lässt sie die Flächentexte Müllers brechtisch, agitatorisch und teils chorisch sprechen. Das Publikum starr fixierend, knattern die Wortsalven von der Rampe: "Der Tod ist die Maske der Revolution. Die Revolution ist die Maske des Todes." Das klappt mit erstaunlich synchroner Sprechkultur. Anja Schreiber, Helene Aderhold und Else Hennig wechseln häufig das Kostüm und die Charaktere zwischen Hosenrollen, dominanten Frauen und allegorischen Figuren. Jens Hollwedel als intellektuell-zynischer Debuisson und Matthias Wagner als der charismatische Schwarze Sasportas steigern sich zu einem Duell der Hauptfiguren, während Timon Schleheck eher in bäuerlicher Einfalt daherkommt. Besonders bei den langen Monologen des Schlussteils sind die Männer allerdings oft zum Zuhören verurteilt und wissen manchmal nicht, wie sie diese Verlegenheit gestisch kompensieren sollen.

In Plauen wird ein plausibler Heiner Müller vermittelt, der fern einer Lehrmeinung Raum für persönliche Asso- ziationen lässt. Roland May hat die Müllerschen Sentenzen, nach denen eigentlich eine Nachdenkpause eingelegt werden müsste, gut herausgearbeitet, so dass man etwas zum Kauen mitnimmt. Die heimliche Sehnsucht nach Unterwerfung, die Erkenntnis "Was die Menschheit eint, sind die Geschäfte" klingen am Schluss heutig und fatalistisch. Aber der zumindest von Galloudec und Sasportas empfundene Auftrag zum immerwährenden Aufstand gegen die Zweiteilung der Welt kommt als finaler Imperativ ebenso unmissverständlich herüber. Völker, überhört ihr die Signale?

Aufführungen in Plauen: 11.10., 7. und 14.11.; in Zwickau: 31.1.2015

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.10.2014

Michael Bartsch

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