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The Ministry of Wolves geisterte in der Scheune Dresden

The Ministry of Wolves geisterte in der Scheune Dresden

In der Scheune ist der Teufel los. Also im übertragenen Sinne. Denn Grimms Märchen sind ja schon durch den Wolf der Moral gedreht und schön gekämmt, wenn man sich mal einen Blick auf die ursprünglichen Fassungen gönnt.

Vier erfahrene Musiker haben sich in einer durchaus ungestümen Song-Collage, geschaffen für eine schräge Inszenierung am Theater Dortmund und dort live gespielt, mit dem Grimm'schen Motivreigen beschäftigt. Aber so eine Aufregung? Nun - die Chemie ist eine noch viel außergewöhnlichere: Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten), Mick Harvey (Bad Seeds), Paul Wallfisch (Firewater und: Musikalischer Direktor am Dortmunder Theater) sowie Danielle de Picciotto (Crime & The City Solution und Mitbegründerin der deutschen Love Parade) bilden ein Ministerium von Wölfen, The Ministry of Wolves, und touren, nachdem nun bei Mute justament eine Auswahl an Songs als Album erschienen ist, ohne Theater durchs Land. Sie geben dabei, wie zum Tourstart in Dresden zu erleben war, dem Kopfkino reichlich Raum.

Natürlich ist das nichts für Kinder, die Grausamkeit erfährt eine poetisch-rabiate Verschleppung in die Moderne, natürlich vor dem Hintergrund herzhaft-morbider Klanggestaltung. Denn man fragt sich, ob sich die Leute am Theater in Dortmund der Dimension bewusst sind, die sie da allein mit Hacke und Harvey aufreißen: Letzterer als rhythmischer Grundbaustein und Leihgabe der Bad Seeds, Nick Caves Brennholzsammler im Wald der Murder Ballads. Ersterer leidenschaftlicher Neubauteneinreißer und schlaksiger U-Bahn-Poet der Republik auf den dicken Saiten. Beide Bands haben jeweils auf ihre unverwechselbare Art Theatralik auf der populärmusikalisch-avantgardistischen Bühne neu definiert.

Nun rumpelt Hacke als elegantes Stilzchen, und de Picciotto rührt gerührt mit rotem Käppchen als halb schlafendes Schneewittchen an der Klampfe und Leier, als wäre man Musikant und Protagonist des jeweiligen Märchens zugleich. Da vergisst man zwischen wohligem Schauder und dunklem, auch selbstironischem Amüsement glatt das Brotkrumenstreuen. Nur Mick Harvey tut als elder statesman nicht dergleichen und trommelt sich mit gewohnter fein austarierter Gewalt durch den Wald, dem Eisenhans hinterher oder Hänsel und Gretel. "Put the oven up to ten", raunen und skandieren die Wölfe. Ein großer, schauriger Spaß, der dennoch nie ins Alberne kippt. Wallfisch guckt bei dem Niveau gelegentlich knapp über die Tischkante und ist zweifelsohne mit Herzblut am Orgeln. Die Songs offenbaren verspielte Tiefe, Abgründe und übernehmen sich nicht mit der Schwere, dem krummen Märchen sei Dank.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.03.2014

Niklas Sommer

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