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„The Hot 100 Choreographers“ beim „Projeto Brasil“ in Hellerau

200 Jahre Tanz in einer Stunde „The Hot 100 Choreographers“ beim „Projeto Brasil“ in Hellerau

Gänzlich unbeschwert beginnt der brasilianische Tänzer und Choreograf Cristian Duarte seine Performance „The Hot 100 Choreographers“ in Hellerau. In knapp 60 Minuten bewegt sich der Künstler durch die Geschichte des Balletts und des Tanzes der vergangenen gut 200 Jahre.

„The Hot 100 Choreographers“ beim „Projeto Brasil“ in Hellerau

Quelle: Stephan Floß

Dresden. . Gänzlich unbeschwert beginnt der brasilianische Tänzer und Choreograf Cristian Duarte seine Performance „The Hot 100 Choreographers“. In knapp 60 Minuten bewegt sich der Künstler durch die Geschichte des Balletts und des Tanzes der vergangenen gut 200 Jahre. Oder bewegen ihn die Erinnerungen an jene 100 Choreografen, Tänzer, Choreografien, was er von ihnen gehört oder gesehen haben mag, das was er sich beim Nennen ihrer Namen und Kretaionen vorstellt, die sich beim Anklicken in den farbigen Feldern der konzentrischen Kreise des Text-Gemäldes des schottischen Malers und Objektkünstlers Peter Davis zeigen?

Manchmal, wie am Beginn seines Tanzes, kann der Eindruck entstehen, dass eine ins Gedächtnis gebrannte, choreografische Erinnerung der Natürlichkeit des fast kindhaften, unbeschwerten, hüpfenden Bewegungsdranges aus Körperlichkeit eine Schranke setzt. Etwa wenn so etwas wie der durch Anne Teresa De Keersmaeker etablierte Wiederholungszwang der lustvollen Freiheit des fröhlichen Sprunges Einhalt gebietet.

Ganz anders dann eine erinnernde Sequenz beim Zitat einer Kreation wie „Trio A“ von Yvonne Rainer, wenn der Tänzer bei hin und her drehendem Oberkörper die Arme frei ausschwingen lässt. Und je höher die Arme mit den Händen sich in den Raum bewegen, desto klarer will sich jeweils eine der Hände zu jener typischen Geste des Fauns von Vaclaw Nijinsky in seiner einstmals skandalös empfundenen Choreografie zu Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ verwandeln.

Irgendwann im Verlauf der Zauberstunde erklingen auch wie Fetzen ferner Erinnerungen Motive bekannter Musik und lenken die Gedanken zu bestimmten Choreografen und deren Kreationen, etwa mag man an Kenneth MacMillan denken bei der berührenden Klage der Dido aus Purcells „Dido and Aeneas“, oder ganz deutlich, tänzerisch zwar verfremdet, wenn es nach Tschaikowskis „Schwanensee“ klingt, an Marius Petipa, direkter sind dann die Assoziationen bei Ravels „Bolero“, die zu Maurice Béjart führen.

Dann wieder werden die Klänge überlagert von Collagen verschiedener Sounds, dazu minimalistische Tanzanklänge einer Twyla Tharp, Trisha Brown oder eines Merce Cunningham. Manches ist klarer erkennbar, mache Zitate sind direkt, etwa die kauernde Hexe der Mary Wigman oder die wunderbare Bewegung der Arme in einer anmutigen Korrespondenz zu Michael Fokines „Der sterbende Schwan“. Die Tanzreise geht um die Welt, eben noch Anklänge an die Charakteristika eines Kurt Joss, dann in Klang und Bewegung folkloristische Miniaturen aus der brasilianischen Heimat des Tänzers, mit Jerome Robbins kommt der Broadway ins Spiel und im Gedenken an das früh verstorbene Genie Michael Jackson Sequenzen seines Moonwalk.

Das Ganze aber gerät nie in die Nähe eines Ratespiels, bei dem es darum gehen könnte, Punkte zu sammeln beim Erkennen von Melodien oder Choreografien. Es ist wie ein Tanz gegen alle Klischees, es ist wie eine Verführung, darauf zu vertrauen, dass alles im Leben eigentlich im Fluss der Bewegungen liegt, dass alle Festlegungen eigentlich Momentaufnahmen dessen sind, was sowieso im choreografischen Gedächtnis der Menschheit gespeichert ist und was sich wie in den konzentrischen Kreisen des Kunstwerkes von Peter Davies um die Erkenntnis fügt, dass all das, was der Künstler in der besten Zeit seines Lebens erfahren durfte, er dem Tanz verdankt.

Und so fügt Cristian Duarte zum Ende seiner Reise einmal um die Welt des Tanzes wieder zu sich selbst diese Worte mit der eigenen Stimme zu einer sich wiederholenden Klangcollage. Er schüttet dann einen kleinen Hügel grün glitzernden Pulvers vorn rechts in der Ecke auf die große, weiße Bühnenfläche des Festspielhauses und stellt einen Miniventilator davor. Die Kristalle verteilen sich neu, es entsteht ein neues Bild, aber es geht nichts verloren. Und hatte man nicht gerade genau das erlebt, was den Tanz in seiner wohl doch nur scheinbaren Vergänglichkeit ausmacht, dass sich durch den Tanz genau das offenbart, was letztlich sein Geheimnis bleibt, so sagt es Walter Sorell. Dass es so ist, hat Cristian Duarte, für den der Tanz bedeutet, Menschen davor zu bewahren, an Klischees zugrunde zu gehen, gerade sehr behutsam nahe gebracht.

Projeto Brasil, Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste, noch bis zum 5.6.

www.hellerau.org

Von Boris Gruhl

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