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Thabet Azzawi: „Musik ist meine Medizin“

„Liebethaler GrundTon“ Thabet Azzawi: „Musik ist meine Medizin“

Der Liebethaler Grund, das ist für viele Zeitgenossen vor allem dies: Wagner, dunkel und deutsch. Dass mit dieser auch lieblichen Gegend vor den Toren von Dresden wesentlich mehr verbunden sein kann, beweist seit Jahren eine Initiative namens „Liebethaler GrundTon“, der es natürlich ebenfalls um Musik geht.

Thabet Azzawi auf der Bürgerbühne in "Morgenland"

Quelle: David Baltzer

Dresden. Der Liebethaler Grund, das ist für viele Zeitgenossen vor allem dies: Wagner, dunkel und deutsch. Dass mit dieser auch lieblichen Gegend vor den Toren von Dresden wesentlich mehr verbunden sein kann, beweist seit Jahren eine Initiative namens „Liebethaler GrundTon“, der es natürlich ebenfalls um Musik geht, allerdings verbunden mit der gerade dieser Kunstform innewohnenden Offenheit. So ist es kein Wunder, dass im nächsten Sonderkonzert der Klangkosmos deutlich geweitet wird, um arabische und westliche Musikkultur zusammenzuführen.

„Arabianjazz“ ist der Abend überschrieben, für den Veranstalter Armin Groß die Freiheit des Jazz mit dem Schicksal eines außerordentlich musischen Flüchtlings zusammenführen will. In dieser musikalischen Begegnung trifft der aus Syrien stammende Oud-Spieler Thabet Azzawi auf Tom Götze und Stephan Bormann, die sich an Bass und Gitarre auf dieses spannende Experiment einlassen.

Thabet Azzawi ist Mitte zwanzig und mit seiner Oud, der arabischen Kurzhalslaute, in Dresden schon kein Unbekannter mehr. Erst am Mittwoch spielte er im Verkehrsmuseum zur Vernissage der „Migrations“-Ausstellung. Ein Thema, das dem Syrer nur zu vertraut ist.

Er stammt aus einer Arztfamilie und war von mehreren Seiten bedroht, da er, sein Vater und auch ein älterer Bruder alle Menschen behandelten, unabhängig von deren Religion oder Ideologie. „Man wollte uns töten, weil wir versucht haben, die Leute zu heilen.“ Den IS-Fundamentalisten war Azzawis atheistische Familie ebenso ein Dorn im gläubig verblendeten Auge wie dem syrischen Staat, der sie als Oppositionelle ansah. Heute ist die Familie über Europa verstreut, Thabet floh vor dem Syrien-Krieg nach Jemen, dann vor dem Jemen-Krieg via Türkei und Griechenland nach Deutschland. Sein Instrument, eine einzigartige Oud, überstand zwar die Kriegsgräuel, nicht aber den DHL-Transport von Aden nach Dresden.

Der unglaublich sympathische Musiker sieht sie als „mein Baby“ an. Vor mehr als zwölf Jahren wurde es ihm vom besten Oud-Bauer in Syrien gefertigt. Der war damals 80 und wollte eigentlich längst keine Instrumente mehr bauen. Doch als seine Enkeltochter erkrankte und von Thabets Bruder geheilt wurde, hatte der einen Wunsch frei. So entstand dieses Meisterstück, eine siebensaitige Kurzhalslaute mit dem Namenszug des Herstellers auf dem Korpus. Für Thabet Azzawi ein ganz besonderes Instrument: „Normalerweise haben sie vier oder fünf Saiten. Auf meiner Siebensaiter kann ich Dinge machen, die sonst gar nicht möglich sind.“

Nach dem missglückten DHL-Transport wurde Azzawis „Baby“ in Dresden fachgerecht wiederhergestellt, als Lohn gab es zwei Konzerte. Bezahlen hätte der einstige Medizinstudent die Reparatur damals noch nicht können. Zu gern würde er sein Studium baldmöglichst fortsetzen, doch noch mangelt es an der Anerkennung seiner bisherigen Ausbildung. Seine herausragenden musikalischen Qualitäten fanden aber sofort Respekt. Thabet Azzawi spielt mit der Banda Internationale, wirkt in anderen Formationen mit, wechselt zwischen Jazz, Rock und Folklore. An der Musikhochschule gibt er gerade einen Workshop zu orientalischer Musik. In diesen unsteten Alltag herein erreichte ihn unlängst das Angebot, mit Sting zusammenzuspielen. Dafür sagte er sogar einen Abend mit den neu gefundenen Dresdner Musikfreunden ab. Thabet Azzawi wird also auf dem nächsten Sting-Album vertreten sein, weiß aber bis heute noch nicht, was von seinen bisherigen Medizinstudien in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt wird.

Das ficht ihn anscheinend kaum an. Er hat zwei Kriege hinter sich gelassen und zahllose Menschen sterben sehen. Die Musik hat ihn gerettet. „Sie ist meine Medizin,“ bekennt er. „Schon als Kleinkind bin ich ohne Musik immer sehr traurig gewesen und konnte nicht einschlafen. Aber wenn mein Bruder für mich auf der Oud gespielt hat, dann war ich gleich wieder froh.“ Mitunter musste der Bruder stundenlang spielen.

Das setzt Thabet Azzawi heute gern – und meisterhaft! – fort. Er weiß um seine Ausnahmesituation, die ihm ermöglicht, in diversen Formationen den Ton anzugeben. Da er orientalische und klassische Musik studiert hat, sind ihm gerade diese Grenzgänge besonders vertraut.

Beim „Liebethaler GrundTon“ wird er sie ebenso einsetzen wie bald darauf bei der Bunten Republik Neustadt sowie am 23. Juni im Societaetstheater, dort aber gemeinsam mit der Banda Internationale.

Von Michael Ernst

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