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„Terror“ am Staatsschauspiel Dresden

Theater „Terror“ am Staatsschauspiel Dresden

Ferdinand von Schirachs „Terror“ ist das Stück zur Zeit. In Dresden feierte es nun auch Premiere. Am Ende der Bühnen-Gerichtsverhandlung steht ein Urteil – durch das Publikum.

Die Bühne ist ein kühl und funktional ausgestatteter Gerichtssaal.

Quelle: David Baltzer

Dresden. Im Jahre 1999 hätte ein Konflikt um die moralische Berechtigung des Elser-Attentats auf Hitler vom November 1938 dem Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung beinahe seine internationale Reputation gekostet. Mitarbeiter Lothar Fritze hatte in einem Beitrag für die „Frankfurter Rundschau“ die Frage nach dem Tyrannenmord neu gestellt. Durfte der Schreiner Elser im Münchener Bürgerbräukeller einen Mordversuch begehen, um ungezählte weitere Morde zu verhindern? Fritze kam zu dem Schluss, dass „der Täter seine politische Beurteilungskompetenz überschritten hat“ und dass die Ausführung mit der Gefährdung Dritter nicht zu rechtfertigen sei. Ein Sturm der Entrüstung brach los.

Genau die damals gestellte Frage nach dem „Kleineren Übel“ taucht im Gerichtsdrama „Terror“ des Strafverteidigers und Erfolgsautors Ferdinand von Schirach erneut auf. Und weitere zugespitzte Beispiele von Entscheidungssituationen zwischen Prinzip und Pragmatismus wie etwa die Trennung Siamesischer Zwillinge auf Kosten eines Kindes. Töten, um Leben zu retten?

Das erste Theaterstück von Schirachs erlebte im Mai des Vorjahres in Berlin und Frankfurt seine Uraufführung und ist mittlerweile schon von 19 deutschen Bühnen aufgegriffen worden. Nun auch von Dresden im vollbesetzten und doch ziemlich atemlos lauschenden Schauspielhaus. Die wohl fesselndste Hauptverhandlung, die sich sogar ein erfahrener Gerichtsreporter vorstellen kann.

Ein 30-jähriger Major der Luftwaffe steht wegen 164-fachen Mordes vor Gericht, weil er in einer solchen Entscheidungssituation nicht nach Recht, Prinzip und Befehl, sondern nach eigenem Kalkül gehandelt hat. Der Autor und Jurist lässt dieses Geschehen durch Zeugenaussagen und Einlassungen des Angeklagten lebendig und wirklichkeitsnah erstehen. Die fatale Situation des Piloten wirkt dabei nicht einmal konstruiert, sondern angesichts verstärkter Terroraktivitäten plausibel. Er muss nämlich eine auf dem Flug von Berlin nach München entführte Passagiermaschine eskortieren und nach Möglichkeit abdrängen, damit der Terrorist sie nicht auf die 70 000 Zuschauer eines Fußball-Länderspiels in der Münchener Allianz-Arena lenken kann. Als diese Absicht trotz eines Warnschusses misslingt, entschließt sich der junge Pilot eigenmächtig zum Abschuss der Linienmaschine und nimmt den Tod aller Insassen in Kauf.

Er verstößt damit nicht nur gegen einen mit Unterstützung der Bundesverteidigungsministerin gefassten Beschluss des „Nationalen Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum“, sondern auch gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. Leben dürfe nicht gegen Leben aufgewogen werden, lautet ein immer wieder und schließlich auch in der Urteilsbegründung zitierter Satz. Es könne nicht um eine Art Markt der Zahl gehen. Der angeklagte Major Lars Koch, von Jonas Friedrich Leonhardi mit militärischer Festigkeit und dem gebotenen Ernst präsentiert, sieht sich hingegen als ein Kämpfer gegen den Terrorismus. Terroristen würden immer Unschuldige benutzen, und die strikte Anwendung von Verfassungsgrundsätzen wie der viel zitierten Würde des Menschen im Artikel 1 mache uns wehrlos.

Ferdinand von Schirach lässt diese ethisch-verfassungsrechtliche Grundsatzdiskussion in den natürlichen Rollen entstehen, die unsere Strafprozessordnung bietet. Er vertraut auf die dramatische Wirkung einer realen Hauptverhandlung mit ihren verbalen Zuspitzungen und verzichtet auf jegliche theatralische Überhöhung oder Illustration. Regisseur Burghart Klaußner folgt ihm in dieser Intention und spielt selbst das Muster eines Richters in seinen patriarchalischen, belehrenden und gütigen Facetten. Seitenhiebe auf die Marotten der Juristenkaste halten sich in Grenzen. Ben Daniel Jöhnk muss als Verteidiger einfach den eitlen und gerissenen Advokaten geben, beherrscht aber in seinem Plädoyer ebenso den ernsthaften und nachdenklichen Tonfall. Christine Hoppe als seine Kontrahentin auf der Anklageseite muss gar keinen Typ spielen, sondern kann sich von Anfang an auf den geschliffenen Diskurs konzentrieren. In Stereotype verfällt auch keinesfalls Tom Quaas als Zeuge und Oberstleutnant Lauterbach, sondern zeichnet den knappen, um Präzision bemühten Stil eines Offiziers nur treffend nach. Ina Piontek bringt als Witwe eines Abschussopfers die menschelnde, nicht anonymisierbare Komponente der Betroffenen ein.

Bühnenbildner Bernhard Siegl verzichtet ebenfalls auf alle Accessoires und baut nur einen metallglänzenden modernen Sitzungssaal. Mehr braucht das Auge auch nicht, es ist mit der authentischen, genauen Spielweise der Akteure vollauf beschäftigt. Auch der übrige Kopf kann aus der Disputation, um die es sich letztlich handelt, nicht aussteigen. 100 Minuten vergehen nach bewusst gerichtsalltäglich gehaltenem Routinebeginn in anstrengenden Mitdenkversuchen als Schöffe. In dieser Rolle wird das Publikum nämlich als Mitentscheider angesprochen. Am Ende wird nach dem parlamentarischen Prinzip des Hammelsprungs tatsächlich gezählt, wer Major Koch verurteilen würde und wer nicht. Anders als bei einem fast paritätischen Ergebnis bei der Voraufführung entschieden sich zur Premiere am Donnerstagabend 385 zu 284 „Schöffen“ für eine Mordschuld.

Was die meisten von ihnen nicht gewusst haben dürften: Der im Dezember auch als Buch erschienene Text sieht keine andere Urteilsbegründung als die für einen Schuldspruch vor. Von Schirach erweist sich als strikter Verteidiger des Rechtsstaats. Zweitrangig bleiben dabei die Fragen nach den 52 Minuten, die für die Evakuierung des Stadions geblieben wären, oder die nach den offensichtlichen Aktivitäten der Passagiere zur Überwältigung des Attentäters. Also die nach einer letzten Rettungschance, die theoretisch immer bleibt. Sowohl in der Urteilsbegründung als auch in Kontexten des Programmheftes verdeutlichen Autor, Regisseur und Dramaturgin Beret Evensen noch einmal, worum es ihnen sehr aktuell geht. „Nur wir selbst können unsere Werte ernsthaft gefährden“, nicht die Terroristen, schreibt von Schirach. Das geschieht staatlicherseits durch den Sicherheitswahn oder durch Drohneneinsätze. Das geschieht in der von der Flüchtlingsphobie angeheizten Atmosphäre noch mehr durch die Selbstermächtigung „besorgter Bürger“ bei Brandanschlägen und körperlicher Gewalt, bei der Selbstjustiz durch Bürgerwehren. „Terror“ wirft nicht nur eine alte Frage moralischen Verhaltens neu auf, sondern warnt unüberhörbar.

nächste Aufführungen: 1., 8. und 22.2.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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