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Tanzwoche Dresden II: "More More More Future"

Tanzwoche Dresden II: "More More More Future"

Vom Format her erscheint "More More More Future" zunächst eher als gängiges Popkonzert im mittleren Format: mit einer kleinen Band und zwei Sängern, denen drei Backgroundtänzer assistieren.

Doch die Perfomance von Faustin Linyekula, eine Gemeinschaftsproduktion des Studios Kabako im kongolesischen Kinsangani, hat nicht nur die gefällige, relativ leicht konsumierbare Form, mit der man auf westeuropäischen Festivals erfolgreich gastieren kann, sie thematisiert und hinterfragt auch diese Synthese - am Ende mit überraschender philosophischer Tiefe. Freilich kaum mit der angekündigten brachialen Wut und schon gar nicht mit der unerträglichen Lautstärke, für deren Kompensation am Eingang zum Großen Saal des Festspielhauses Hellerau Ohrstöpsel ausgereicht wurden.

Während sich die Musiker fast lautlos beginnend, an ihren Sound herantasten, erscheinen drei Tänzer im Hintergrund wie lebendige sich archaisch bewegende Bronzefiguren, legen dann ihre folkloristischen, Rock über Rock getürmten, aber mit europäischen Stoffmustern verfertigten Kostüme an. Die meist französisch, teilweise englisch gesungenen Texte sind wichtig und werden entsprechend untertitelt. Sie schildern die Zustände in einem Land, das von Korruption und Vetternschaft von Scheinheiligkeit und Lüge, von der Oberflächlichkeit einer fremden Kultur bestimmt und regiert wird - und kündigen die Apokalypse, die Demontage der herrschenden Idole, den Aufbruch zu einer selbstbestimmten Zukunft an. Was die Musiker trotz des Schweigegebots tatsächlich einmal mit punkigem Zorn, aber meist mit eher rockigen, an Jimi Hendrix erinnnernden Passagen quittieren. Denn in Wahrheit leben sie - wir - alle längst in einer Synthese kultureller Einflüsse.

Aber Afrika hat noch etwas anderes. Die Urgründe der alten Mythen, die afrikanischen Tänze, Gesänge und Rhythmen sind noch lebendig, man kann sich illustrativ damit einbringen, wie es die Tänzer über weite Strecken tun, aber auch etwas Neues daraus kreieren, wie es Linyekula meist im Hintergrund, aber trotzdem eindrucksvoll vorführt, als plausible, aber noch sehr weit entfernte Vision. Genau die ist aber offenbar das Thema der "Dance Dialogues Afrika 2012-2014", bei denen das Europäische Zentrum der Künste Hellerau als Hauptpartner auftritt und in deren Verlauf noch weitere Gastspiele afrikanischer Companys zu erwarten sind.

Als Alternative zur Offenheit gegenüber allen real existierenden Einflüssen scheint es gelegentlich verlockender, sich ganz auf die alte Überlieferung zu versteifen. Das heißt, die falschen Kostüme abzulegen und zurückzukehren zum alten Reigentanz. Doch so beeindruckend diese absolute Unplugged-Kultur auch für den Moment erscheint, die archaische Nischenharmonie hat keinen Bestand und mündet schon bald in einer ganz gewöhnlichen Fete. Eine selbstbestimmte Zukunft ist also nicht durch völlige Absage an den Ist-Zustand zu gewinnen. Doch was muss erst noch geschehen, bis es soweit ist? Ist die Hoffnung auf Zukunft nicht überhaupt eine Sackgasse? Droht nicht eine Wiederholung des Immergleichen? Also sang Zarathustra, auf die dritte Verwandlung anspielend, zitiert von Ebotany: Ein wirklicher Neubeginn setzt die Zerschlagung der alten Strukturen voraus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2012

Tomas Petzold

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