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Tanzwoche Dresden: Gundula Peuthert hat als Uraufführung das Tanz-Schauspiel "Via Valeska" herausgebracht

Tanzwoche Dresden: Gundula Peuthert hat als Uraufführung das Tanz-Schauspiel "Via Valeska" herausgebracht

Sich szenisch mit einer Frau zu befassen, die in der deutschen Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts eine solche Ausnahmeerscheinung ist, dass keiner sie wahrhaft in Worte zu fassen weiß, scheint schon ein ziemliches Wagnis zu sein.

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"Viva Valeska - Leichen spiele ich besonders gern" von Gundula Peuthert mit Ingrid Borchardt (l.) und Milena Gürtler .

Quelle: Lutz Lippmann

Und dennoch gibt es immer mal wieder den Versuch, die so eigenwillige Persönlichkeit von Valeska Gert (geboren 1892 als Gertrud Valesca Samosch in Berlin, gestorben 1978 auf Sylt) auf die Bühne zu bringen. Gundula Peuthert hat zur Tanzwoche Dresden das Stück "Viva Valeska - Leichen spiele ich besonders gern" im Theaterhaus Rudi herausgebracht. Und wagt dabei reichlich viel. Aber sie schafft es auch, die Zuschauer neugierig zu machen auf diese wunderbar verrückte Valeska Gert.

Die jetzt in Leipzig lebende Choreografin versteigt sich erfreulicherweise nicht in das aussichtslose Unterfangen, das Wirken der zunächst sehr bekannten, im nationalsozialistischen Deutschland als "entartet" vertriebenen, vergessenen und erst spät wieder entdeckten Tänzerin, Schauspielerin und Kabarettistin umfassend beleuchten zu wollen. Sie setzt auf ein spezielles Thema, das charakteristisch ist für diese Frau, auf ihr sehr eigenes Verhältnis zum Tod, auf Faszination und Furcht, den langen, langen Abschied vom Leben. Und macht die Frage. ob die Ungebändigte jemals im Jenseits Ruhe finden kann, quasi zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens.

Dafür hat sie zwei Darstellerinnen gewonnen, die sich in Alter, Profession und auch Temperament unterscheiden, in ihren Eigenheiten, ihrem Spiel aber spürbar gut zusammenfinden. Die Tänzerin und langjährige Tanzpädagogin Ingrid Borchardt hätte sich wohl kaum an ein solches Projekt herangewagt, wenn da nicht ihre einstige Schülerin Gundula Peuthert gewesen wäre, die es bekanntermaßen immer wieder schafft, andere zu motivieren und Qualitäten herauszufinden. Das spürt man deutlich an diesem Abend, zumal Ingrid Borchardt entgegen ihrer eigenen Natur diese Rastlose, Auftrumpfende, Auffällige bis hin zur Erschöpfung eindringlich darstellt. Und schließlich im ziello-sen "Herumirren" dem Tod wahrhaft im Sinne des Wortes "widerstehend" anheimfällt. Nun endlich kann sie der in dieser Inszenierung junge, an der Widerborstigkeit der Frau längst verzweifelnde, ganz und gar menschlich wirkende "Gevatter" behutsam in die Arme nehmen und auf Koffern zur Ruhe betten.

Manchmal ist es gut, Besetzungsangaben im Programm erst nach der Vorstellung zu lesen. Weil Valeska Gert eben nicht Valeska Gert und auch der Tod nicht zwingend der Tod sein muss. Die junge Schauspielerin Milena Gürtler spielt kraftvoll und nuanciert, liest und blättert in der Lebensgeschichte von Valeska, hat ihre liebe Not damit, den unruhigen Geist vor dem steten Wiederaufleben zu bewahren. Die Äußerung von Valeska Gert "Ich will leben, auch wenn ich tot bin" bekommt da besonderes Gewicht. Und es ist eine irre Szene, wenn die Dahingegangene, in die letzte "Position" Gebrachte permanent aus der Form fällt, ihr in Rage geratender Widerpart das stets zu korrigieren sucht.

Muss die Schauspielerin nun aber zwangsläufig der Tod sein? Sie ist so vieles in diesem Stück, sie braucht keine Zuordnung. Und wir nehmen sie einfach so, wie sie ist - in ihrem Verhältnis zu der Älteren, Widerborstigen. Und damit auch in der Eigenart des Ordnens und Zurechtrückens. Schon allein dadurch ist sie eine Gegenspielerin. Ingrid Borchardt assoziiert das Erscheinungsbild, den Widerspruchsgeist von Valeska Gert. Und bezieht auch Originalchoreografien ein. Wie zum Beispiel ihre Sicht auf den "Tod", womit die Gert einst viel Aufsehen erregte. Diese Choreografie spielte als Filmaufnahme auch bei der Uraufführung vom "Lehrstück" (Brecht/Hindemith) 1929 in Baden-Baden eine Rolle, dem späteren Badener Lehrstück vom Einverständnis.

Natürlich kann Ingrid Borchardt nicht Valeska Gert sein. Das ahnt man auch, wenn die Gert mit markanten Originalaufnahmen ihrer Stimme zu hören ist. Aber Ingrid Borchardt versteht es, für sich und andere die Erinnerung an sie zu wecken, vermag wie diese von Ängsten, Freuden, Erschöpfungen zu erzählen. Und nutzt dafür die Körpersprache - das verbindet sie mit Valeska Gert. Zudem kann man ihr, die in Weimar und Leipzig Tänzerin war, bald drei Jahrzehnte in Leipzig und Dresden als Tanzpädagogin arbeitete, getrost glauben, dass sie nicht so leicht aufgibt und auch neugierig bleibt. Und es ist absolut bemerkenswert, dass sie den Mut aufgebracht hat, wieder auf die Bühne zu gehen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.04.2013

Gabriele Gorgas

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