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Tanztheater mit JuWie Dance aus Dresden und La_Trottier Dance aus Mannheim

Süchte Tanztheater mit JuWie Dance aus Dresden und La_Trottier Dance aus Mannheim

Kaum noch ein Krimi aus Deutschland, kaum eine Folge des Deutschen Mord zum Sonntag, in denen nicht Szenen auf dem Klo spielen. Waren es zunächst die Männer bei stehenden Geschäften, so sind im Zuge der gendermäßigen Proportionierungen die sitzenden Frauen hinzugekommen, neuerdings sitzen alle.

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Jule Oeft und Tobias Weikamp in ihrer Tanztheaterproduktion "Addiction to..."

Quelle: Dangerzone

Dresden. In der Tanztheaterproduktion "Addiction to..." von Jule Oeft aus Dresden und Tobias Weikamp aus Mannheim sitzen zunächst auch alle Protagonisten, zu denen auch der Soundkünstler Daniel Williams gehört, auf den bewussten Schüsseln. Um welche Arten von Süchten, nach denen die beiden Extremtänzer, wie der Titel sagt, total süchtig und auf der Suche sind, bleibt dem Vorstellungs- und Fantasievermögen oder auch dem persönlichen Erinnerungsvermögen der Zuschauer überlassen.

Auf jeden Fall sitzen da zunächst zwei so einsame wie bemitleidenswerte Typen, denen im spürbaren Schmerz des Entzuges die Gesichtszüge dermaßen entgleisen und für Sekunden als grausige Fratzen den Expressionismus des Stummfilms beschwören. Wenn sie den Schutz ihrer armseligen Zellen des Rückzuges verlassen, wirken sie zunächst in ihren bodennahen Bewegungen wie hilflos aufs Land gespülte und somit todgeweihte Meereslebewesen.

Aber dann obsiegt immer wieder die geradezu suchtähnliche Kraft des Überlebens, und diese unbesiegbare Lebenskraft setzt die Körper in Bewegung, lässt sie tanzen, impulsiv und expressiv, miteinander, gegeneinander, wenn es sein muss, auch aufeinander. Lebenssucht kennt keine Rücksicht. Solcher Tanz hat eigene Maßgaben der Ästhetik, in der es so etwas wie die Schönheit des Schmutzes geben kann. Gewährsmann ist der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs (1914-1997), dessen brüchige Stimme sich immer wieder in den Sound mischt, das hat mitunter den Klang der versifften Gnade eines Gurus, der teure Thesen spendet.

Immer wieder, selbst wenn sie sich in schmerzhaft scheinende Verrenkungen begeben, obsiegt die Unbändigkeit der Bewegung über den Druck der Süchte. Jule Oeft ist ein nicht zu zähmendes Energiebündel. Tobias Weikamp ist genau jener tanzende Stehaufmann, der zu dieser Frau passen könnte, aber sie können zusammen nicht kommen, die Süchte sind viel zu stark, und letzter Ort der Zuflucht ist die Einsamkeit der eigenen Zelle, in diesem Falle das schäbige Klo. Am Ende des kraftvollen Tanztheaterabends im Labortheater der Kunsthochschule, der seine Protagonisten auch schon mal in die Gesichtslosigkeit jener dienstbaren Kreaturen einer schönen neuen Welt verwandelt, wird es leider doch noch in der Parodie einer TV-Verkaufsshow etwas zu wortreich. Dieses Kriegs der Produkte hätte es gar nicht mehr bedurft, und der optische Widerspruch gekrümmter Körperlichkeit unter dem Diktat der anzupreisenden Produkte will in seiner absoluten Direktheit nicht so gut zur vorausgegangenen Freiheit der Assoziationen passen.

Auf jeden Fall aber ist die hiesige Tanzszene mit dieser Produktion um einen wesentlichen Aspekt reicher geworden, und man hofft, dass die Zusammenarbeit der JuWie Dance Compagnie aus Dresden mit dem La_Trottier Dance Collective aus Mannheim weitergeht. Ist das etwa schon der Anfang einer Sucht?

Boris Gruhl

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