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Tanzen, tanzen, tanzen: Die Dresdnerin Eva Hennig hat an vielen Orten gearbeitet

Tanzen, tanzen, tanzen: Die Dresdnerin Eva Hennig hat an vielen Orten gearbeitet

Seit 76 Jahren begleitet Eva Hennig eine Leidenschaft: das Tanzen. Als Solistin und später als Choreografin stand sie auf und neben zahlreichen Bühnen dieses Landes.

Der Start ins Leben verlief allerdings nicht ganz so glamourös. Als Eva Hennig geboren wurde, feierten die Nationalsozialisten gerade ihren ersten Feiertag. Es war der 1. Mai 1933. "Die Leute liefen auf die Straße und riefen 'Heil Hitler'. Um meine Mutter, die in den Wehen lag, hat sich kaum einer gekümmert", erzählt sie von ihrer Geburt in Chemnitz.

Lange hat es allerdings nicht gedauert, bis die heute 80-Jährige ihren Fuß erstmals über die Schwelle einer Tanzschule setzte. Gerade einmal vier Jahre alt war sie, als sie mit dem Tanzen begonnen hatte. Nur zwei Jahre später war es erst einmal wieder vorbei mit dieser kindlichen Aktivität. "Es folgte der Krieg und die Theater gingen kaputt. Männliche Tänzer gab es ohnehin kaum, denn die waren ja an der Front", erinnert sich die rüstige Dame. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sie ihr Tänzerstudium in Chemnitz fortsetzen.

Wenn auch mit Schwierigkeiten. "Ich war zwölf Jahre alt, als der Krieg zu Ende war. Wir haben unsere Schulranzen geopfert. Aus dem Leder hat der Schuhmacher am Theater die Kappen und Sohlen für unsere Spitzenschuhe gebaut. Und diese Schuhe mussten dann halten, auch wenn unsere Füße gewachsen sind - eine Tortur für die Füße. Und dennoch war das eine Zeit des Aufbruchs. Wir hatten unser Leben behalten, uns stand die Zukunft offen", blickte sie damals optimistisch nach vorn.

Die Zukunft bedeutete für Eva Hennig 1949 ihr erstes Engagement als Tänzerin am Theater in Brandenburg. "Die Theater waren rammelvoll. Es gab ja schließlich keinen Fernseher." Sieben Jahre stand sie dort auf der Bühne, bevor sie bemerkte, dass sie die Choreografie mehr reizt. "Schon in meinen letzten Jahren als Tänzerin habe ich Trainingsstunden gegeben. Meine Meisterin hat mich dazu gedrängt, weil sie sah, dass mir das lag", so die 80-Jährige.

Am Ernst-Barlach-Theater in Güstrow erhielt sie 1956 ihre erste Anstellung als Ballettmeisterin, das heißt als Chefchoreografin. Mit ihren 23 Jahren war sie die Jüngste der DDR. Nebenbei begann für alle Ballettmeister ein neunjähriges Studium bei russischen Pädagogen - eine einschneidende Zeit für Eva Hennig. "Dort haben wir von der Pike auf gelernt, was klassisches Ballett überhaupt bedeutet. Ich weiß gar nicht, wie wir vorher getanzt haben." Trotz des langen Studiums ist sich Eva Hennig sicher: "Choreografie kann man nicht lernen. Natürlich muss man einige Standards, zum Beispiel die Raumaufteilung, kennen. Aber alles andere ist Kopfarbeit. Jeder Tanz muss von innen kommen. Und bei jedem Choreografen wird das anders aussehen."

Neben des Studiums lief die Arbeit am Theater ganz normal weiter, 12- bis 14-Stunden-Tage waren keine Seltenheit. "Früher gab es ja auch noch keine Assistenten. Wir haben alles selbst gemacht." Bis 1962 blieb Eva Hennig in Güstrow, dann kehrte sie nach Brandenburg zurück. Ein Jahr zuvor sorgte der Mauerbau erneut für eine schwierige Zeit an den Theatern. "Das war für die Theaterarbeit katastrophal. Plötzlich fehlten wichtige Leute, etwa Bühnenbildner oder Beleuchter, die noch schnell über die innerdeutsche Grenze geflüchtet waren. Das ging auch anderen Theatern so. Als es die Runde machte, dass in Ost-Berlin Plätze frei sind, sind viele auch dorthin gegangen. 1961 war ein verrücktes Jahr", resümiert die Seniorin.

Bis 1971 arbeitete Eva Hennig in Brandenburg, dann ging sie ans Gerhart-Hauptmann-Theater nach Görlitz. Von dieser Zeit schwärmt sie noch immer: "Ein wunderbares Theater, ein wunderbarer Ballettsaal." Schließlich zog es sie 1979 aber nach Dresden. "Meine eigentliche Heimatstadt", wie sie sagt. Sowohl ihre Eltern als auch ihre Großeltern stammen aus Elbflorenz. In Chemnitz ist sie geboren, weil es den Vater als Architekt beruflich dorthin verschlagen hatte. Als ihre Mutter, die inzwischen wieder in Dresden lebte, älter wurde, kehrte sie zurück und arbeitete schließlich bis 1996 an den Landesbühnen in Radebeul als Choreografin.

Privat verlief ihr Leben nicht ganz so geradlinig. Ihre 1957 geschlossene Ehe ging nach sechs Jahren in die Brüche. Mangelnde Zeit nennt Eva Hennig als Grund. Während sie in Güstrow ihrem Beruf nachging, war ihr Mann - ein Beleuchtungs- und Tonmeister - in Rostock angestellt. "Für unseren Beruf gab es ja immer nur einen Posten am Theater. Dieses Getrenntsein hält die stärkste Ehe nicht aus", sagt sie rückblickend.

Zu ihrer zeitaufwendigen Anstellung am Theater gesellte sich also zusätzlich das Dasein als alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Für Eva Hennig allerdings kein Problem: "Das habe ich immer alles unter einen Hut bekommen", sagt sie. In Brandenburg hat sie direkt neben dem Theater gewohnt, da konnte sie also schnell mal rüberflitzen, wenn Not am Mann war. "Es kam schon mal vor, dass ich den Kochlöffel noch in der Hand hatte", schmunzelt sie. Außerdem hätten ihre Kinder ihr immer die Freude gemacht, ausschließlich im Urlaub krank zu werden.

Auf eines ist Eva Hennig besonders stolz: "Ich habe nie, nicht mal nur einen halben Tag gefehlt. Meine Kinder habe ich fast auf der Bühne bekommen." Als die Wehen bei der Geburt ihrer Tochter einsetzten, stand sie gerade im Ballettsaal in Güstrow, drei Wochen später hat sie wieder gearbeitet. Noch hochschwanger musste Eva Hennig schuhplattlern. "Meine Tochter kann Jodeln noch heute nicht ausstehen", lacht sie. Auch bei der Geburt ihres Sohnes war sie bis zum letzten Tag aktiv. "Ich habe zwei wunderbare Kinder und Schwiegerkinder, und inzwischen auch zwei Enkelkinder und zwei Urenkel."

Tauschen möchte sie mit ihren jungen Kollegen von heute nicht mehr. "Die brauchen stabile Schuhe und einen Rucksack, damit sie auf Wan- derschaft gehen können, um ein Engagement zu finden." Verglichen mit ihrer Zeit seien jetzt vor allem Ellenbogen gefragt. "Dass, was es damals zu wenig gab, gibt es heute in Hülle und Fülle. In der DDR hatten wir so viele Theater, aber wenig Tänzer. Heute kommen die Tänzer aus der ganzen Welt nach Deutschland. Wenn man den Beruf ausüben möchte, muss man enorm gut sein, um sich durchsetzen zu können", findet sie. Auch hätte sich der Tanz in der Zwischenzeit verändert, ist artistischer, nahezu akrobatisch geworden.

Ans Aufhören denkt Eva Hennig indes noch lange nicht. "Ich mache so lange weiter, wie es noch geht", kündigt sie an. Davon profitieren sowohl das Tanzstudio Dance Art in Dresden, wo sie drei Mal pro Woche einen Tanzkurs für Senioren anbietet, als auch die jungen Schüler des Tanzstudios von Jiri Novak, wo sie zwei Mal in der Woche aktiv ist. "Die wollen natürlich auch, dass ich weiter mache. Und das werde ich auch, solange der Körper noch mitmacht. Manchmal sind meine Schüler schneller außer Puste als ich."

Das glaubt man ihr gern, wenn man die Seniorin durch den Trainingssaal schwofen sieht. Bewegung spielt für sie noch immer eine wichtige Rolle. "Natürlich hilft Sport nicht gegen Krebs. Aber er hilft, die Gelenke zu ölen, die Muskeln zu straffen und die Knochen in Bewegung zu halten. Und ganz wichtig: Er regt die grauen Zellen an." Dafür ist Eva Hennig selbst der beste Beweis.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.07.2013

Grödel, Christin

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