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Sven Väth lockte die Ausgehgesellschaft ins Dresdner Kraftwerk Mitte

Sven Väth lockte die Ausgehgesellschaft ins Dresdner Kraftwerk Mitte

Es ist weit nach Mitternacht. Über der tanzenden Masse bewegt sich Sven Väth auf einer üppigen Kanzel. Hin und wieder greift er hinter sich, zieht eine Schallplatte hervor, lässt sie zwischen den Fingern kreisen und legt sie auf einen der vor ihm stehenden Plattenspieler.

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Sven Väth reagiert wie wenige ganz sensibel darauf, was die Menschen vor ihm gerade erwarten.

Quelle: Patrick Johannsen

Der DJ reißt die Arme in die Höhe, feuert die Menschen an und erntet für fast jede kleine Geste einen speziellen Applaus. Vor ihm wippt sich eine eingeschworene Gemeinde langsam ein, denn die Party hat gerade erst begonnen.

Sven Väth war einer derjenigen, der in Deutschland elektronische Musik einer breiten Öffentlichkeit erst zuführte, er hat die dicken Bässe, die anstrengenden Klanggebilde aufwendig entschlackt, ihnen die schmerzhaften Kanten geschliffen und das Vergnügen begründet, das vor mittlerweile mehr als 20 Jahren hierzulande Raum griff. Jede einzelne Kapriole hat Väth exzessiv ausgelebt, Techno etabliert und Housemusik aufbereitet, damit seine Gäste genau das vorgesetzt bekommen, was sie bei Laune hält. Als Produzent mischte er sich selbst konzeptionell einige Platten auf den Leib und pferchte sie in die Räumlichkeiten seiner Clubs von Frankfurt und Ibiza. Sehr zur Freude des Ausgehpublikums, das auf den Wellen der sphärischen Klänge abfeiern konnte. Doch den weitaus größeren Erfolg hat Väth mit seinen Musik-Club-Konzepten. Sein Verdienst ist weniger die Innovation, das Neue zu entdecken; er präsentiert Musik und hat die entsprechenden Partys kreiert.

In Dresden gibt es einen Rahmen, in dem das Nachtleben aufwendig inszeniert werden kann, im Kraftwerk Mitte. Hier ist in Ansätzen zumindest noch das zu finden, was die Partys der 90er Jahre ausmachte. Immer wieder wurde versucht, eine Örtlichkeit zu finden, in der durchgestylte Klanggebilde kontrastreich in verfallenen Industriebauten erstellt werden konnten. Nun sind diese Orte häufig geschliffen und ihres Charmes beraubt worden. Gerade in Innenstadtnähe hat Dresden mit dem Klinkerbau tatsächlich ein Partyeldorado, in dem zumindest die passende Silhouette gefunden wird, urban und spröde. Hier hinein passte Sven Väth, der DJ Superstar, der Trendexperte und Unterhaltungskünstler, einer der DJs, die Charterfolge platziert und vor allem überlebt haben, und es war schön, sich die Nacht mit ihm um die Ohren zu schlagen.

Im weißen Schlabberpullover schlenderte er an den Reglern auf und ab, grüßte die Fans vor sich, verteilte Küsschen hier, Küsschen da an diejenigen, die den Weg auf seine Empore fanden, trank immer mal ein Schlückchen und ließ nie den Anschein aufkommen, dass er sich übermäßig anstrengen müsste. Nur sein Kopfhörer fesselte ihn an das Pult und hielt den Kontakt zur Musik, die ähnlich daherkam wie sein Auftreten, arschcool. Die ersten zwei Stunden hat Väth wenig von dem gucken lassen, was ihm den Zuspruch der Techno- und Houseszene einbrachte. Allein der Rückblick lässt deutlich werden, dass es hier doch darum ging, bei der Crowd zunächst den Elektrodurst zu wecken, sie wenig befriedigt zappeln zu lassen, bis dann der Overload für Entspannung sorgte. Nur wenige haben dieses spitze Fingerchen, das sich neben die Plattenrille gräbt und ganz sensibel darauf reagiert, was die Menschen vor ihm gerade erwarten, wann ein Loop im dicken Hall den Sekundenschlaf beenden muss, welcher Designerbass gebraucht wird, um tief in die Magengrube zu fahren und die Longdrinks aufmischt und ab wann es keine Kontrolle mehr gibt, weil die musikalische Reise derartig an Fahrt aufgenommen hat, dass eine Vollbremsung die Karre in den Sand katapultieren würde.

Einzig der Roboman auf Stelzen, ausstaffiert mit Laserpointern, behielt ganz gut den Überblick, der Rest des Publikums war schnell entwaffnet, noch bevor der Altmeister Väth richtig zur Sache kam. Er ist der gute Beweis, dass die Bewegung ihre Vitalfunktionen nicht gänzlich aufgegeben hat, er lebt zumindest ansatzweise eine ganz besondere Kultur, von der keiner gedacht hätte, dass auch deren Idole altern können, und sie tun es mit viel Würde. Den fehlenden Hüftschwung kompensierte Väth mit Erfahrung, und damit beeindruckte er die Veteranen genauso wie die Frischlinge, die sich Wochenende für Wochenende die Nächte um die Ohren schlagen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.04.2012

Stephan Wiegand

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