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Sven Regener las im Dresdner Theater Wechselbad und brachte Karl Schmidt mit

Sven Regener las im Dresdner Theater Wechselbad und brachte Karl Schmidt mit

Nur er wisse, wie die Figuren klingen, hat er mal gesagt. Also ist es logisch, dass der bühnenerprobte Autor selbst kommt, wenn es ums öffentliche Aufführen seiner Texte geht.

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Sven Regener

Quelle: Frank May

Schließlich liest er die Bücher auch, wenn sie parallel zur Printausgabe als Hörbuch erscheinen. Sven Regener zählt zu den wenigen Schriftstellern in diesem Land, die aus Schreiben und Lesen eine eigene Unterhaltungskunst geformt haben. Wiglaf Droste, Axel Hacke, Max Goldt - in diese Reihe gehört Regener hinein.

Einige Zungen sagen ja, dass er das mit dem Lesen sowieso mal lieber selbst machen müsse. Schachtelsätze über 15 Druckzeilen ohne Punkt - viel Spaß! Aber Regener kann das brillant. "Eigentlich ist man ja nur dafür zuständig, ein vernünftiges Buch zu schreiben", resümiert der Sänger und Texter der Rockband Element Of Crime. "Dass man es auch noch gut vortragen kann, ergibt sich rein aus der Sache nicht." Bei ihm schon. Die Reste seines Bremer Dialekts feiert der 53-Jährige dabei genauso wie das Kauzige in der Sprache.

Für sein fünftes Buch ließ er Karl Schmidt zurückkehren. Karl, der Künstlerfreund aus Herr Lehmanns Berlin-Universum, im denkwürdigen Jahr 1989 an seinen Installationen aus Statik und Mechanik gescheitert, durch fehlenden Schlaf, Pillen und Alkohol zusammengebrochen und fünf Jahre lang in Hamburg in Psychiatrie und Entzugs-WG zur Wiedereingliederung gebracht. Schmidt fühlt sich jetzt stark genug, um als Fahrer und Kassenwart mit alten Bekannten aus der neuen Hauptstadt auf BummBumm-Techno-Fahrt zu gehen. Über das Buch wurde auch an dieser Stelle schon ausführlich berichtet. Wie gut es ist, wie wenig erfunden, dafür schwer dem Leben abgelauscht, wie wärmend, skurril, traurig und witzig zugleich. Jetzt war Sven Regener wieder da, im vollen Wechselbad, ohne wehenden Parka wie einst zur "Neue Vahr Süd"-Lesung, dafür schlicht im schwarzen Shirt. Auch ohne große Vorrede. Nur ein paar Sätze gab es: Er würde diesmal im Anschluss signieren, falls es erwünscht sei. Schließlich habe er mit Schmidt einen Typen kreiert, der wirklich einen Riss in der Schüssel hat, da "werde ich wohl mit meiner Soziophobie und einem kleinen Menschenauflauf am Büchertisch zurechtkommen." Und es gäbe keine Pause, keine Chance also fürs Abschlaffen und womöglich Abhauen.

Regener hat die Kapitelauswahl effektiv getroffen. Er beginnt mit 1 von 79, bringt am Ende eine reichliche Handvoll in 80 Minuten, skizziert seinen Helden in komischen wie ernsten Momenten, also unterwegs zur "Magical Mystery Tour" in Hotels, Clubs und Kneipen, aber eben auch morgens im Bett, wenn das dunkle Gefühl des Entzugs, die "alte Sau", von Karl Schmidt Besitz ergreift.

Der Eindruck vom Lesen stellt sich schnell wieder ein: Regeners Charakteren und deren Welt kommt man in ungeheuerlicher Geschwindigkeit nahe. Es ergeben sich nicht einmal riesige Lücken zwischen den "Szenen", denn wie schon in den Büchern zuvor, weiß man nie mehr als die Figur selbst. Regener muss also kein Was-bislang-Geschah einfügen, wenn er in den Kapiteln springt (Herrlich: Einmal sagt er "Paragraph" statt "Kapitel"). Man ist auf Zeit- und Ortshöhe mit dem Ich-Erzähler.

Sven Regener steht am Pult wie Joe Cocker singt. Windmühlenartig fuchtelt er mit den Armen, wuchtet sich die Hornbrille zurecht, wenn sie von der Nase rutscht, kratzt sich an Körperstellen, die eigentlich zum Sitzen sind, nuckelt zwischendurch an der Bierflasche - und hat wirklich selbst Spaß an dem, was er da vorträgt.

"Warum sollte einer, der Rockmusiker ist, nicht ein literarisches Werk verfassen können? Bei Lehrern, Juristen oder Tischlern hat ja auch keiner was dagegen." Ein weiteres Regener-Zitat. Da er vergleichsweise spät zur Prosa kam, könnte man ihn noch immer in einem Atemzug mit schreibenden Musikern wie Nick Cave oder Henry Rollins nennen. Inzwischen aber hat er wohl eher - auch durch den massiven kommerziellen Erfolg der Bücher - einen festen Wohnsitz in zwei Welten. Und das mit Karl Schmidt ist längst nicht auserzählt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.01.2014

Andreas Körner

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