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Sven Helbigs neues Projekt mit den Pet Shop Boys - Uraufführung in London

Sven Helbigs neues Projekt mit den Pet Shop Boys - Uraufführung in London

Sven Helbig und die Pet Shop Boys, das ist eine immer wieder spannende Zusammenarbeit des Dresdners mit dem britischen Popduo von Chris Lowe und Neil Tennant.

Die bisherigen Erfolge wie z.B. die Hochhaussinfonie haben weitere Projekte geradezu nahegelegt, am 23. Juli ist es so weit, dann wird in der Londoner Royal Albert Hall das Bühnenwerk "A Man from the Future" über Alan Turing uraufgeführt. Der Komponist Sven Helbig, 1968 geboren, erzählt vorab im Gespräch über dieses achtteilige Werk für Electronics, Orchester, Chor und Sprecher, das zu den BBC Proms herauskommt - aber auch über die deutsche Hymne, chinesische Unterhosen und eine verhinderte Atombombe.

Wie halten Sie es mit der Logik?

Sven Helbig: Mich interessiert vor allem der Zusammenhang zwischen Logik und Unlogik. Alan Turings Erfindung, der Computer, bringt die Logik heute in höchster Vollendung in jedermanns Hosentasche. Paradoxerweise treibt diese Technik uns zu gänzlich irrationalem Verhalten, z.B. mit aufgeblasenen Freundeskreisen in sozialen Netzwerken. Viele Logiker behaupten, dass selbst Unlogik in größerem Maßstab logisch wäre, und folgen damit dem Fatalisten Nietzsche. Ich kann dem Gedanken etwas abgewinnen, aber er ist im Alltag nicht anwendbar. Hier sollten 1 und 1 gleich 2 sein, sonst ist der Ärger vorprogrammiert. Ein Ausweg aus diesem Dilemma existiert in der Kunst. Hier gibt es ein beständiges Tauziehen zwischen Logik und intuitiver Brechung der Gesetze. Da steht hinter 1 und 1 auch mal eine 3. Wunderbar!

In "A Man from the Future" geht es um Alan Mathison Turing - inwiefern war der vor 60 Jahren gestorbene Wissenschaftler ein "Mann aus der Zukunft"?

Alan Turing hat sich bereits in den 40er Jahren eine Maschine vorgestellt, die alles kann, die extrem wandelbar ist. Dass ein Computer heute gleichzeitig Fernseher, Schreibmaschine und Tonstudio ist, kommt uns nicht sonderlich spektakulär vor. Aber in Turings Zeit war das undenkbar. In seiner Biografie beschreibt Andrew Hodges, wie Turing hinter die Verschlüsselung der Enigma kam. Es ist atemberaubend. Bis heute staunen Wissenschaftler und halten es für eins der genialsten Gedankenexperimente der theoretischen Informatik. Seine Logik hat Turing auch auf lebende Systeme angewendet und damit die Grundlagen für moderne Robotik geschaffen. Hier war ihm Einstein logisch überlegen, denn der hat seine Erkenntnisse im Wissen um ihren menschlichen Missbrauch verbrannt. Genützt hat es allerdings auch nichts. Wenn ich an die emsige Entwicklung autarker Kampfroboter denke, wird mir etwas mulmig.

Turing hat im Zweiten Weltkrieg die Enigma-Verschlüsselungen der Nazis geknackt, gilt als wichtiger Vorläufer der Informatik, sorgte aber auch durch seine Homosexualität für Aufsehen. Was davon sind die Kernthemen in "A Man from the Future"?

All diese Dinge kommen in dem Stück vor. Als Musikdrama interessiert uns natürlich im Kern die Ungeheuerlichkeit, dass jemand der Menschheit viele Jahre Krieg und sicherlich auch eine deutsche Atombombe erspart hat, aber aufgrund seiner Homosexualität eingesperrt wird. Im Gefängnis hat sich Turing dann das Leben genommen. Tragischer geht es kaum. Es wäre sicherlich ein toller Opernstoff. Auch Turings Selbstmord war bühnenreif: Er tauchte einen Apfel in Zyankali und aß ihn.

Die Musik dazu stammt von den Pet Shop Boys, Sie haben das achtteilige Werk, das die diesjährigen Proms eröffnet, arrangiert und orchestriert?

Neil Tennant und Chris Lowe liefern mir ihre elektronische Musik und einige Melodien. Es gibt große Freiflächen, die vom Orchester ausgefüllt werden sollen. Ich verarbeite dabei das melodische Material, lasse es auch leitmoti- visch immer wieder auftauchen, um die Geschichte zu dramatisieren. Dabei entstehen Arrangements für Sinfonieorchester und Chor. Ich habe viele Freiräume, aber die letztliche Entschei- dung liegt immer bei Neil und Chris. Da es innerhalb der letzten zehn Jahre bereits unser drittes größeres Projekt ist, kann ich mich ganz gut auf sie einstellen. Im Feinschliff habe ich dann große Unterstützung von Dietrich Zöllner, der auch noch einige Falten ausbügelt.

Eine Uraufführung zu den BBC Proms in London, macht das stolz?

Die Royal Albert Hall ist mit ihren 7000 Sitzplätzen plus 2500 Stehplätzen imposant, und die Proms sind das größte klassische Musikfestival der Welt. Es ist vielleicht eher als riesige Freude zu beschreiben. An dem Projekt stimmt einfach bis hin zur Geschichte alles. Juliet Stevenson ist die Sprecherin, sogar Gordon Brown wird die Rehabilitation Turings verlesen. Die BBC Singers, das BBC Concert Orchestra - das sind alles Superlative. Sogar geprobt wurde im Abbey Road Studio! In der gigantischen Royal Albert Hall aus dem Jahre 1871 zu stehen, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Kaum zu glauben, dass sie aus der gleichen Zeit wie unsere Semperoper stammt.

Ist die Uraufführung ausgerechnet in der Royal Albert Hall angesichts der Zwangskastration Turings 1952, der erst 2011 eine "Königliche Begnadigung" erfuhr, nicht reichlich pikant?

"Pikant" ist doch heutzutage alles, ob Sie morgens in Ihre Unterhose aus China steigen oder zur Fußball-WM Heinrich von Fallerslebens Nationalhymne singen. Der war einer der aggressivsten Antisemiten des 19. Jahrhunderts! Es existieren unzählige Hetzgedichte aus seiner Feder. Und was die chinesischen Nähereien angeht, sind wir auch nicht ganz unwissend. Man kann heute keine einzige Minute leben, ohne in eine gewisse "Pikantheit" zu geraten. Ein humanistischer Akt von Versöhnung ist immer begrüßenswert, auch wenn er sicher 60 Jahre zu spät kommt. Ich kann die Engländer zu ihrer Entscheidung, "A Man from the Future" ins Festival aufzunehmen, nur beglückwünschen.

Wird "A Man from the Future" nur in London zu sehen sein, und wie planen Sie Ihre weitere Zusammenarbeit mit Chris Lowe und Neil Tennant, den "Jungs aus der Zoohandlung"?

Es gibt bereits mehrere intensive Be- mühungen aus Deutschland, das Stück im nächsten Jahr aufzuführen. Das wäre toll, denn es ist ja zu einem guten Teil auch eine deutsche Geschichte. Die Zusammenarbeit mit Neil und Chris macht große Freude. Sie sind intelligente Künstler mit einer starken, aber unbemühten Haltung. Es gibt im Moment keine weiteren Pläne, aber ich würde immer wieder mit ihnen arbeiten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.07.2014

Michael Ernst

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