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Sven Helbig schreibt "Pocket Symphonies" für Orchester und Klavierquartett - Uraufführung im Dresdner Albertinum

Sven Helbig schreibt "Pocket Symphonies" für Orchester und Klavierquartett - Uraufführung im Dresdner Albertinum

Es waren einmal zwei Musiker mit der Idee, ein großes Orchester zu gründen. Der eine heißt Markus Rindt, der andere Sven Helbig, und ihrer beider gemeinsames "Kind" sind die Dresdner Sinfoniker.

In den 90ern begann diese musikalische Erfolgsgeschichte, Dresden war das einen städtischen Förderpreis wert, und die Leser der DNN wählten die Initiatoren und ihr Ensemble unter "Die ersten zehn Dresdner des 21. Jahrhunderts".

Inzwischen sind die Orchestergründer auf getrennten künstlerischen Wegen unterwegs. Während Markus Rindt als nunmehriger Intendant der Dresdner Sinfoniker weltumspannende Projekte kreiert - das jüngste war das die Aufführungsorte in Mexiko und Dresden mit einer aufwändigen Liveschaltung verbindende Konzert zum Ende der Zeit am 21. Dezember 2012 -, hat Sven Helbig u.a. seine kompositorischen Aktivitäten verstärkt und ist dadurch nicht nur in eigener Sache erfolgreich, sondern zudem als begehrter Partner für die verschiedene Projekte. Zu denen, die sich seiner Mitarbeit versichern, gehören zum Beispiel in schöner Regelmäßigkeit Rammstein und die Pet Shop Boys. Letztere bereiten mit Sven Helbig das Theaterprojekt "The Man from the Future" vor, das im Juli dieses Jahres bei den Proms in London Premiere haben wird. Am Stuttgarter Schauspiel steht im März die Uraufführung des Theaterstücks "Angst reist mit" der Autorin Sibylle Berg an, hierfür schreibt Helbig Chorkompositionen, Regie führt im übrigen der aus Stuttgart scheidende, frühere Dresdner Schauspieldirektor Hasko Weber.

Auch Richard Wagner bewegt ihn: Sven Helbig gehört zu dem Team um den Berliner Choreographen Gregor Seyffert und dessen Compagnie, MDR Rundfunkchor und MDR Sinfonieorchester unter Chefdirigent Kristjan Järvi, der finnischen Cello-Rockgruppe Apocalyptica u.a., die zum 200. Geburtstag des Musikgiganten ein "Cross-Genre-Spektakel" in einer Mischung aus Tanz, Artistik, Objekttheater, audiovisuellen Medien und Live-Konzert erarbeiten werden. Die Uraufführung soll am 5. Juli 2013 in der Arena Leipzig stattfinden.

Sven Helbig, der gebürtige Eisenhüttenstädter, ist Schlagzeuger, Komponist, Arrangeur und ausgesprochen kritischer Geist, wenn es um den Kulturbetrieb geht. Ständig zwischen verschiedenen Genres und verschiedenen Kontinenten unterwegs, fühlt Helbig dennoch eine tiefe Verwurzelung in Dresden. Hier, in seiner Wohnung in Johannstadt, hat er in den vergangenen Monaten immer wieder den Ort gefunden, um ganz persönliche Stücke zu komponieren. Pocket Symphonies nennt er sie, was vor allem auf einen formalen Aspekt hinweist: Pocket als handliches Format, im übertragenen Sinn "für die Hosentasche", nicht zu umfangreich und üppig, in einer Konzentration auf eine zeitliche Dauer der Kompositionen von minimal zwei bis maximal fünf Minuten.

Dennoch sind es Stücke für großes Orchester und Klavierquartett, versehen mit programmatischen Titeln, die Assoziationen wecken (sollen): "Am Abend" eröffnet den Reigen der insgesamt zwölf Kompositionen, sie heißen zum Beispiel auch "A Tear" (eine Träne), "Eisenhüttenstadt", "Frost", "Zorn" oder "Autumn Song" (Herbstlied), ein "Schlaflied" setzt den Schlusspunkt. Die Pocket Symphonies sind gefühlige Stücke und geben etliches preis über den Menschen Sven Helbig. Nicht selten ist ihnen ein elegischer Grundton eigen, und mit fast trotzigem Impetus verteidigt der Komponist, dass sie wie Filmmusik empfunden werden können: "Harmonien und Melodien, die etwas erzählen wollen, werden nur noch im Film verwendet. Auf der Bühne ist das ja verpönt", sagt er. "Doch wohin will man nach Stockhausen mit der sogenannten Neuen Musik noch gehen? Sowie man eine schöne Melodie schreibt, die zudem noch reflektiert, was man als heutiger Künstler empfindet, entsteht die Assoziation zum Film. Viele Komponisten wären total verunsichert, wenn man ihre Musik mit Filmmusik vergleichen würde. Ich finde das hingegen schön, denn diese Stücke sind kleine Spaziergänge durch das Leben."

Zum Beispiel durch Eisenhüttenstadt, wo er mit seiner Familie aufwuchs und wo seine Eltern bis heute leben: "Die Komposition beschreibt den Moment, als ich nach 20 Jahren wieder an die Orte zurückkehrte, wo meine Großeltern ihren Garten hatten oder ich zur Schule gegangen war. All das fand ich in völlig verändertem Zustand. Es fehlten nicht nur die Häuser, sondern die ganze Idee von der Stadt war verschwunden. Meine Großeltern waren mit 38 Jahren nach Eisenhüttenstadt gezogen, weil meine Oma keine Kohlen mehr schleppen wollte und es dort Fernwärme gab. Das war ja eine am Reißbrett entstandene Planstadt ... Als ich dort zur Welt kam, war niemand älter als 40. Es gab keinen einzigen alten Pflasterstein, der an Gestern erinnert hätte. Die Idee der ersten sozialistischen Stadt, die auf den Menschen abgestimmt war, ging nur in eine Richtung: nach vorn. Als in den siebziger Jahren das Geld ausging, verwässerte diese Idee. Jetzt ist nichts mehr davon da. Schlimmer noch, dieses Konstrukt kann nicht charmant altern. Da ist keine angenehme Morbidität, sondern einfach nur Schutt. Wo das Haus meiner Großeltern stand, wächst jetzt Unkraut. Alles ist weg, da bleibt nichts übrig, was man noch pflegen könnte. Deshalb habe ich in das Stück ein Porzellan-Glockenspiel eingebaut, das die Verklärung einer versunkenen Zeit einfängt. Das Stück trägt den Namen ,Eisenhüttenstadt', aber es steht für alles, was nur noch in der Erinnerung lebt."

Der Impuls für die Pocket Symphonies kam laut Helbig von Christian Kellersmann, dem Managing Director von Universal Music Classics & Jazz. Der scheidet zwar zum 1. April aus dem Unternehmen aus, das Projekt mit Helbig aber ist bei der Deutschen Grammophon - dem zur Universal Music Group gehörenden Klassiklabel - in trockenen Tüchern. Der studierte Musikwissenschaftler und passionierte Musiker Kellersmann hatte, wie Sven Helbig sagt, zugängliche zeitgenössische Musik für CD-Veröffentlichungen gesucht. Bei Helbig, der ohnehin den Wunsch hatte, verstärkt Orchestermusik zu schreiben, traf dies auf fruchtbaren Boden. Mittlerweile hat er einen Vertrag mit der DG über drei Alben, das erste erscheint am 22. Februar, musiziert vom MDR Sinfonieorchester unter seinem estnisch-amerikanischen Chefdirigenten Kristjan Järvi und mit dem Fauré Quartett (Dirk Mommertz, Klavier, Erika Geldsetzer, Violine, Sascha Frömbling, Viola, und Konstantin Heidrich, Violoncello).

Begleitend zur CD-Premiere sind drei Live-Aufführungen der Pocket Symphonies angekündigt: Die erste davon findet in Dresden statt: Am 25. Februar wird ins Albertinum eingeladen, dann kommen die Stücke in einem Yellow Lounge Concert zum Klingen.

i25.2.im Albertinum Dresden, Georg-Treu-Platz. Fauré Quartett, MDR Leipzig Radio Symphony, Dirigent: Kristjan Järvi, Einlass: 19.30 Uhr, Beginn: 20.30 Uhr

Aftershow: Das junge Ensemble der Sächsischen Staatsoper Dresden, DJ Studio 17

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.02.2013

Kerstin Leiße

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