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"Supergute Tage" in einer sensiblen Dresdner Bühnenfassung im Kleinen Haus

"Supergute Tage" in einer sensiblen Dresdner Bühnenfassung im Kleinen Haus

In der Hörbuch-Rubrik der Städtischen Bibliotheken ist Mark Haddon mit dem Roman "Supergute Tage" unter der Rubrik Krimi zu finden. Doch das ist dieser englische Bestseller höchstens entlang eines wiederholt aufscheinenden roten Fadens.

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Die Hauptrolle als Autist Christopher ist Jonas Friedrich Leonhardis erste große als Vollmitglied des Dresdner Ensembles. Er meistert sie grandios.

Quelle: David Baltzer

Hund Wellington aus der Nachbarschaft ist nämlich ziemlich viehisch mit einer Forke umgebracht worden. Und der 15-jährige Christopher, um den es im Roman und in der ebenfalls preisgekrönten Bühnenfassung von Simon Stephens eigentlich geht, sucht nach dem Mörder und sucht vor allem nach sich selbst und nach seinem Umgang mit Menschen.

Denn Christopher ist Autist, ein selektiver Hochbegabter, selbstbezogen und dennoch mit ebenso detektivisch-genauer wie poetischer Beobachtungsgabe ausgestattet. Durch seine Art entlarvt er seine Umgebung, die sich zu diesem Sonderling verhalten muss. Der Untertitel "Die sonderbare Welt des Christopher Boone" trifft das Stück besser als "Supergute Tage". Sogar seine Mutter scheitert an der Aufgabe Christopher. So geht es nicht nur um Ort und Bedingungen für die Lebensfähigkeit eines Autisten, sondern auch um Herausforderungen und Zumutbarkeitsgrenzen für die "Normalen", die doch nicht mehr als die Durchschnittlichen sind.

Die mit Ergriffenheit und schließlich mit rhythmischem Klatschen begeistert aufgenommene Inszenierung von Jan Gehler bildete im Kleinen Haus am Sonntag den Abschluss des opulenten Theaterwochenendes zum Hundertsten des Schauspielhauses. Nach Relevanz und Inhaltstiefe darf man eine stete Steigerung über diese drei Abende konstatieren. Von diesem Theaterabend nahm jeder etwas mit, und sei es nur die Selbstanfrage, wie man sich gegenüber einem solchen Jungen verhalten würde. Ob man nicht nur dessen Empfindlichkeiten, sondern auch seinem moralischen Rigorismus gewachsen wäre? Denn Christopher verzeiht seiner Mutter eher ihre Flucht mit dem Liebhaber aus der Nachbarschaft, von der er durch zufällig entdeckte Briefe erfährt, als seinem Vater die Lüge, sie sei in einem Krankenhaus gestorben. Und dieser Vater, den Thomas Eisen in seiner Zerrissenheit nicht ganz ausspielt, hat im Affekt auch noch Hund Wellington getötet!

Die "sonderbare Welt" Christophers, zunächst eine sehr begrenzte Welt, erscheint auf der Bühne des Kleinen Hauses dunkel. Sabrina Rox hat, gewiss auf Christophers mathematisch-geometrische Spezialbegabung anspielend, ein auf den ersten Blick undurchschaubares System von Quadern und Kuben aufgebaut. Hinter ihnen kann man verschwinden und wieder auftauchen, mit Spots lässt sich schnell die Szene in der Szene wechseln, die dunklen Flächen werden eifrig mit Würfelnetzen oder Winkelfunktionen oder Primzahlen bemalt. Vor allem aber geben sie gebrochene Projektionsflächen für geradezu geniale Videos von Sami Bill. Sie illustrieren die Konstrukte in Christophers Kopf, seine Gedankenflüge in die Sternenwelt, bombardieren ihn mit dem niederschmetternden Text der mütterlichen Briefe, die ihn nie erreichten.

Auf diesen Christopher musste man gespannt sein. Und der 1990 in Oschatz geborene Jonas Friedrich Leonhardi traf ihn in seiner ersten großen Rolle als Vollmitglied im Ensemble des Staatsschauspiels auf anrührende und manchmal bestürzend authentische Weise. Ein sehr erwachsenes Kind, hellwach, aber scheu, bedingungslos auf der Suche nach Wahrheit und Vertrauen. Sein wachsendes Selbstvertrauen bis hin zum Wagnis einer Fahrt nach London auf der Suche nach seiner Mutter entspricht dem Entwicklungsroman. Das gelegentliche Zucken, die typische unkontrollierte Mimik und Körpersprache wirkten nicht penetrant. Mit diesem Typ hat man kein Mitleid, mit dem leidet und fiebert und sehnt man.

Die Bühnenfassung gibt ihm Psychiaterin Siobhan anfangs fast wie ein alter ego an die Seite. Ina Piontek trägt wie der eigentliche Ich-Erzähler Passagen seines Tagebuch-Krimis vor, wird ihm aber mehr und mehr zu einer stillen und verständnisvollen Partnerin. Um eine Einstellung zu Christopher ringen Anna-Katharina Muck, Thomas Eisen und Jan Maak in den verschiedensten Rollen aus seiner Umgebung. Maske und Garderobe vollbringen in Rekordzeiten ebenso Erstaunliches wie die Spieler beim Rollenwechsel. Mit Cathleen Baumann als Mutter Judy muss man sich intensiver befassen, so ambivalent erscheint sie als lebenshungriges Weib und liebend-überforderte Mama. Regisseur Jan Gehler gibt schließlich in den Londoner Szenen dem Theater auch, was des Theaters ist. Temporeiches Kollektivspiel in der City, Abklatschen der Szene wie beim Improvisationstheater.

Die Spannung, die sich beim Leser oder Zuschauer aufbaut, wird durch ein Beinahe-Happy-End erlöst. Nachdem sie Christophers Seele mit ihren wechselseitigen Problemen fast zertrampelt haben, kapieren die Akteure, was er an Wärme, aber auch an Aufgaben wirklich braucht. Christopher besteht eine glänzende Matheprüfung und bekommt einen Hund geschenkt.

Dass er alles genau sehe, hatte er zuvor schon behauptet. Nun steigert er dieses Erwachen zu einem "Ich weiß, dass ich alles kann!" Wer wollte sich dem entziehen? Ein berührender Stoff, ein subtiler Appell und eine unaffektierte, genaue Inszenierung. In Christophers Welt kündigen sich "supergute Tage" an, wenn fünf rote Autos einer Reihe vorbeifahren. Fünf Aufführungen dieses Stücks en suite würden diesem Kriterium auch entsprechen.

nächste Aufführungen: 24. & 29.9.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2013

Michael Bartsch

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