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Subversive Bildsprache: Interview mit dem Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller zur anstehenden Ausstellung von Pieter Bruegel d.Ä. in Chemnitz

Subversive Bildsprache: Interview mit dem Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller zur anstehenden Ausstellung von Pieter Bruegel d.Ä. in Chemnitz

Die Kunstsammlungen Chemnitz präsentieren in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden vom 13. April bis 6. Juli mit 88 Druckgrafiken und der Zeichnung "Die Imker" die fantasievolle, geistreiche und rätselhafte Bilderwelt des bedeutenden flämischen Malers und Zeichners Pieter Bruegel d.

Ä. (1525/30-1569). Das wissenschaftliche Konzept zur Ausstellung erarbeiteten Prof. Dr. Jürgen Müller, TU Dresden, und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Bertram Kaschek. DNN befragten Jürgen Müller zur Ausstellung.

Frage: Die Ausstellung zu Pieter Bruegel dem Älteren in den Kunstsammlungen Chemnitz ist die erste in Sachsen. Wie kam es zu der Bruegel-Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz?

Jürgen Müller: Ich habe Frau Direktorin Mössinger von meinem Forschungsprojekt zur Genremalerei im Rahmen des Dresdner Sonderforschungsbereichs "Transzendenz und Gemeinsinn" erzählt und ihr vorgeschlagen, eine Ausstellung über die Druckgrafik nach Pieter Bruegel dem Älteren zu organisieren. Sie war von Anfang an begeistert.

Sie forschen seit vielen Jahren über Pieter Bruegel und seinen Umkreis. Einige wichtige neue Interpretationen stammen von Ihnen. Welches Bild von Bruegel wird in der Ausstellung entworfen?

Aus heutiger Sicht müssen wir den Künstler als Aufklärer betrachten. Er tritt für Toleranz und Kritik gleichermaßen gegenüber Katholizismus und Protestantismus ein. Zudem rebelliert er gegen überkommene Wissensvorstellungen und entwirft Satiren über die Alchimie oder den Schulunterricht. Schließlich kritisiert er den Aberglauben der Menschen.

Pieter Bruegel gilt als einer der innovativsten Künstler der Frühen Neuzeit. Im Katalog beschreiben Sie ihn als Humanisten, als Mann mit Humor und mutigen Menschen der Frühen Neuzeit. Was ist in künstlerischer Hinsicht in Bezug auf Bruegel neu?

Seine Bilddidaktik. Er verfährt nach dem Prinzip "lachend lernen wir". So können wir über viele Darstellungen lachen und müssen gleichzeitig über den Zustand der Welt traurig sein.

Und in formaler Hinsicht?

Es ist uns gelungen, seine wohl schönste Zeichnung nach Chemnitz zu holen, die so genannten "Imker" aus dem Berliner Kupferstichkabinett. In der Ausstellung kann man seine subtile Zeichentechnik studieren, die eine unglaubliche atmosphärische Dichte erzeugt. Man glaubt, die Blätter der Bäume in der Sonne flirren zu sehen.

Gibt es weitere Besonderheiten?

Seine Erzählweise. Zahlreiche seiner Kompositionen bestehen aus vielen Details, die wir erst nach und nach verstehen. So kann es passieren, dass sich im Laufe der Bildbetrachtung der Sinn des Ganzen verkehrt. Die vermeintlich Guten stellen sich am Ende als böse heraus.

Zur Ausstellung wird ein opulent bebilderter Katalog erscheinen. Was hat sich der Katalog zur Aufgabe gesetzt?

Das Problem der Religionskritik herauszuarbeiten. Wir gehen davon aus, dass Bruegels Frömmigkeitsideal von Erasmus von Rotterdam und Sebastian Franck geprägt ist. Beide Autoren kritisieren eine sinnentleerte religiöse Praxis und fordern ein nach innen gerichtetes mystisches Christentum.

Was ist die Grundlage für eine solche Einschätzung?

Wir haben keine verlässlichen Informationen über die Biografie des Künstlers, also muss man sich den Bildern selbst zuwenden. Freilich haben Kunsthistoriker auch vor uns auf diese Denker hingewiesen, doch ist es uns gelungen, einen roten Faden dieser Religionsproblematik für das Werk herzustellen. Zudem spricht der einzige Humanist, mit dem Bruegel nachweislich Kontakt hatte, in Briefen von seiner großen Verehrung für Sebastian Franck.

In vielen Aufsätzen beziehen Sie sich immer wieder auch auf diesen Sebastian Franck. Wer ist er und was sieht man denn anders, wenn man Franck für Bruegel hinzuzieht?

Zunächst ein katholischer Priester, dann ein lutherischer Prediger, der sich schließlich immer weiter von der Kirche als Institution entfernt hat. Seine Schriften wurden schon Mitte der 1550er Jahre ins Niederländische übersetzt. Luther hat diesen Freigeist gehasst und ihn als "Schwärmer" bezeichnet. Franck betont die Gemeinsamkeiten der Religionen und tritt für Toleranz ein. Wie andere kritische Geister glaubte auch er, dass es eine zweite Reformation geben könnte, die das Schisma überwindet. Übrigens galt Antwerpen, wo Bruegel ja zunächst arbeitete, als Stadt der Häretiker. Die Stadt war offiziell katholisch, zugleich aber auch ein Sammelbecken vieler unterschiedlicher Konfessionen.

War es denn nicht gefährlich, eine solche Position in Bildern zu verbreiten?

Natürlich. Deswegen findet sich bei Bruegel ja auch eine verbergende Bildsprache, vieles ist nur angedeutet und muss vom Betrachter ergänzt werden.

Also Bruegel als Häretiker?

Besser nicht. Häretiker werden ja erst aus Sicht einer Orthodoxie zu solchen. Aus Sicht der katholischen Inquisition war Luther ein Ketzer. So hat er sich selbst aber nicht gesehen. Diese Fremdzuschreibung eines Ketzers hätte wohl kein reformierter Christ jener Zeit für sich gelten lassen

Wie lassen sich heterodoxe Inhalte in Bilder schmuggeln?

Ja, schmuggeln ist ein gutes Wort. Bruegel konstruiert eine subversive Bildsprache. Er verbirgt einen kritischen Inhalt in einem lustigen Thema, das ablenkt, oder er wählt ein vermeintlich "frommes" Bildthema, um es implizit zu kritisieren.

Ist dies für alle Kupferstiche der Fall?

Natürlich nicht, aber z. B. die Tugendserie oder das "Schlaraffenland" enthalten kritische Aussagen.

Der Titel der Ausstellung spricht vom "Theater der Welt". Was ist damit gemeint?

Das Theater als Metapher des menschlichen Daseins hat im 16. Jahrhundert Konjunktur. Erasmus von Rotterdam vergleicht in seinem "Lob der Torheit" das Leben mit einem Theaterspiel, in dem jeder seine Rolle spielt bis der große Regisseur ihn abtreten lässt. Wer eben noch den König im Purpur gegeben hat, kann im nächsten Moment schon als Bettler im Lumpengewand erscheinen. Auch Bruegel hatte ein waches Bewusstsein für die Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz.

Was kann man in der Ausstellung lernen?

Wie mutig dieser Künstler war, wie es ihm gelingt, als Teil einer religiösen Minderheit seine Identität zu bewahren. Aber man wird auch staunen, mit welch grandiosem Erzähler wir es zu tun haben. Seine Kritik religiöser Scheinheiligkeit ist von ausgesuchter Bösartigkeit. Wenn ich es ein wenig pathetisch formulieren darf: den aufrechten Gang!

"Pieter Bruegel d.Ä. und das Theater der Welt", Ausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1. Bis 6. Juli. Eröffnung: Sonnabend, 18.15 Uhr. Öffnungszeiten: Di-So, Feiertag: 11-18 Uhr

In Verbindung zur Ausstellung findet vom 3. bis 5. Juli die internationale Konferenz "Pieter Bruegel the Elder and Religion" in Chemnitz und Dresden statt. Zur Ausstellung erscheint der Katalog "Pieter Bruegel d.Ä. und das Theater der Welt", Deutscher Kunstverlag, Hrsg. von Ingrid Mössinger und Jürgen Müller, 304 Seiten

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.04.2014

Jörg Goedecke

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