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Stuttgart-Berliner „Herbstsonate“ im Dresdner Schauspielhaus

Desaster zwischen zwei Briefen Stuttgart-Berliner „Herbstsonate“ im Dresdner Schauspielhaus

Kein Schwelgen in Bildern, Farben, Klängen findet statt, es regiert düstere gespenstische Nüchternheit, dekoriert mit uniformer Folklore und provinzieller Bürgerlichkeit. In Jan Bosses Umsetzung von Ingmar Bergmans filmischem Spätwerk „Herbstsonate“ ist das Pfarrhaus ein Irrgarten wirr aufeinander gestellter, eher kärglich eingerichteter Puppenstübchen.

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Zwei der besten deutschen Schauspielerinnen gemeinsam auf der Bühne: Corinna Harfouch und Fritzi Haberland in „Herbstsonate“

Quelle: Bettina Stöß

Dresden. Kein Schwelgen in Bildern, Farben, Klängen findet statt, es regiert düstere gespenstische Nüchternheit, dekoriert mit uniformer Folklore und provinzieller Bürgerlichkeit. In Jan Bosses Umsetzung von Ingmar Bergmans filmischem Spätwerk „Herbstsonate“ ist das Pfarrhaus ein Irrgarten wirr aufeinander gestellter, eher kärglich eingerichteter Puppenstübchen, alle mit dem gleichen ins Flaschengrün spielenden Wellenmuster an den Wänden, verbunden durch Treppen, die eher an ein Gefängnis erinnern – mehr oder weniger selbst gewählt von Eva (Fritzi Haberland), immerhin mit dem Vorteil der fürsorglichen Obhut von Viktor (Andreas Leupold). Dem Status nach Ehemann, real allenfalls Freund, nicht Geliebter, geistert er achtsam durchs Haus und nimmt mehr geduldig als verwundert die Vorgänge zu Protokoll: zwischen zwei Briefen von Eva an ihre Mutter. Eva kämpft und wird weiter kämpfen gegen die Leere in ihrem Leben, entstanden durch den Abriss der Beziehungen zwischen den Generationen, den Verlust von ausfüllender Liebe.

Ein jäher Hoffnungsschimmer: Nach sieben Jahren Funkstille reist sie an, Charlotte, die gefeierte, vielbeschäftigte Konzertpianistin, um sich auf unbestimmte Zeit von Tochter und Schwiegersohn verwöhnen zu lassen, vielleicht auch nur etwas Ruhe und Abstand zu finden nach dem Tod ihres besten Freundes. Corinna Harfouch hat die nötige Grandezza, aber eine völlig andere als weiland Ingrid Bergman, weniger souverän und kalt, dafür tüchtiger, überspannter, heutiger. Ihre innere Distanz ist gering, so dass ihr äußerliches Spiel nur als dürftige Tünche wirkt, wenn sie unverhofft der anderen, der kranken, gestörten Tochter Helena (Natalia Belitski) begegnet. Schon in diesem Moment geraten Eva und Charlotte, statt sich behutsam, achtungsvoll nach Verständnis suchend zu begegnen, in einen Strudel sezierender Gespräche, in denen alles erfahrene und zugefügte Leid aufgerechnet und schließlich jedes aufkommende Fünkchen Liebe erstickt wird. Selbstsüchtig unterdrückt jede Generation die folgende, selbst die scheinbar daran gehinderte Eva verfährt nicht anders mit ihrem im Alter von vier Jahren ertrunkenen Sohn, wenn sie in ihren Tagträumen mit dem leibhaftigen Phantom umgeht.

Frauen, die gebären, ohne dadurch Mutter zu werden, die Kinder nur als Karrierehindernis verstehen, aber in depressiven Phasen mit jähen Anfällen von Schuldgefühl jedes vernünftige Maß an Zuwendung, Aufsicht, Sorge, erzieherischer Bevormundung überschreiten, die noch im Alter ihre haushohe Überlegenheit beweisen wollen, wie dies hier geschieht, wenn Charlotte Evas Interpretation von Chopins Prelude Nr. 2 als zu sentimental verwirft und ihre eigene, von „männlichem“ Kalkül geprägte triumphierend dagegen setzt. Viktor sieht das anders, aber Eva genügt es nicht, sie will alles auf den Punkt bringen, und so verkeilen sich die beiden Frauen geradezu ineinander, treiben sich gegenseitig in Schreikrämpfe, was beim Betrachter freilich eher zu Distanz als zu übertriebener Rührung führen könnte. Länger auszuhalten ist es jedenfalls nicht, und so flieht Charlotte nach der einen durchwachten und durchstrittenen Nacht, allerdings mit einem beträchtlichen Mehr an Selbsterkenntnis im Gepäck. Und Eva schreibt wieder einen Brief...

Bergman hat die äußeren wie inneren Bedingungen, die Vorfälle und Wirrungen geradezu monströs aufgetürmt, mit einem von Freud geprägten, aufs Äußerste zugespitzten Blick auf das Seelische. Als Autor gehört er in ein vergangenes Jahrhundert, aus heutiger Sicht ganz in der Nähe von Strindberg oder Ibsen. Aber die wesentlichen Vorgänge wiederholen sich auch unter veränderten Rahmenbedingungen, im Zeitalter von Tablets und Helikopter-Eltern. Dies sichtbar zu machen, ist das Verdienst der Koproduktion des Schauspiels Stuttgart mit dem Deutschen Theater Berlin. Es zu verstehen, ist das eines einfühlsamen Publikums, wie es nun auch im Dresdner Schauspielhaus ganz ähnlich votierte wie die TheaterGemeinde Berlin, die „Herbstsonate“ zur „Aufführung des Jahres 2014/15“ kürte, so ziemlich im Gegensatz zum Urteil des bürgerlichen Feuilletons, das bereits den Film bzw. das Szenarium als misslungen und unrettbar eingestuft hatte.

Von Tomas Petzold

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