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Studenten vom Balkan machen sich ihr eigenes Heimat-Bild - Politiker und Professoren sehen das oft mit Argwohn

Studenten vom Balkan machen sich ihr eigenes Heimat-Bild - Politiker und Professoren sehen das oft mit Argwohn

Aida Hadžimusic ist eine Frau, die im klassischen Sinne als schön gelten kann. Die 23-jährige Studentin der Kunstgeschichte aus Sarajevo, der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas, spricht in wohlbedachten Sätzen und fehlerfreiem Deutsch über ihre bosnische Identität.

"Den Osten hat Europa immer als das "Andere" gesehen. Als Bosnierin fühle ich mich diesem "Anderen" zugehörig - gleichzeitig aber auch als europäische Frau. Das ist wohl ein wenig schizophren." Ihre schmalen Hände umfassen ein Buch, einen deutschen Klassiker über einen jungen Mann, der Schauspieler sein wollte und schließlich Arzt wurde. Aufmerksam beobachten ihre dunklen Augen ihr Gegenüber. "Als ich in Berlin studiert habe, hatte ich immer das Bedürfnis, meine Identität auszudrücken. Es hat mich frustriert, wenn Menschen nicht wussten, wo Bosnien liegt."

Bosnien, das ist in den Augen vieler die verfluchte Welt des ewigen Krieges. Der Blutbäder und nationalistischen Exzesse. Vom Attentat von Sarajevo, dem Auslöser des Ersten Weltkrieges 1914 bis zum Massaker von Srebrenica, dem traurigen Höhepunkt des Bosnienkrieges 1995. Die geografische Verortung des Landes scheint dabei zweitrangig. Wenige wollen wirklich selbst dorthin. Ende April entschuldigte sich der serbische Präsident Tomislav Nikolic im bosnischen Fernsehen erstmals für das Massaker in Srebrenica, bei dem serbische Einheiten 1995 etwa 7000 muslimische Männer umgebracht hatten. "Auf Knien" bat er im Namen Serbiens um "Vergebung", für die "Verbrechen, die in Srebrenica begangen wurden".

Etwa zur gleichen Zeit, vom 24. bis zum 27. April, war Aida Hadžimusic zu Gast auf einer Konferenz in Zagreb. Sie hielt einen Vortrag über die mittelalterlichen Grabsteine in ihrer Heimat, die sogenannten stecci, die weltweit einzigartig sind. Eingeladen hatten sie Studenten aus der kroatischen Hauptstadt, die zum zweiten Mal eine internationale Konferenz für Studenten der Kunstgeschichte organisiert hatten. "Besonders in dieser Region ist es wichtig, dass wir miteinander reden", sagt Jelena Behaim, eine der Organisatorinnen aus Zagreb. Einen solchen Satz wünscht man sich von einem der Politiker aus Belgrad, Zagreb oder Sarajevo zu hören - formulieren muss ihn eine Studentin der Kunstgeschichte.

Im November 2010 hatte schon einmal ein serbischer Politiker um Verzeihung gebeten. Nikolics Vorgänger im Amt, Boris Tadic, entschuldigte sich für die Verbrechen serbischer Truppen in der ostkroatischen Stadt Vukovar. Die Stadt war nach drei Monaten Dauerbeschuss am 18. November 1991 in serbische Hände gefallen. Über 200 verwundete Kroaten wurden damals aus dem Krankenhaus der Stadt durch serbische Militärs und irreguläre Truppen auf eine nahe gelegene Schweinefarm verschleppt, tagelang gefoltert und schließlich umgebracht und in einem Massengrab verscharrt.

Kunstgeschichte - das war über ein Jahrhundert lang das Mittel der Wahl in den nationalen Auseinandersetzungen der Balkanstaaten. Burgen, Bilder, religiöse Bauwerke, alles taugte als "Beweis" im nationalen Mythos für die historische Herkunft, die heroische Herrschaft, die größeren zivilisatorischen Verdienste der eigenen Nation und zur Erniedrigung der jeweils benachbarten angeblichen "Barbaren". Heute soll dieselbe Disziplin Versöhnung herbeiführen. Wie soll das gehen?

Es ist eine neue Generation, die sich im April in Zagreb getroffen hat, um über das gemeinsame Kulturerbe zu sprechen, das ihre Eltern sich im letzten Krieg gegenseitig zerbombt und kaputtgeschossen haben. 19 Studenten, die Mehrheit der Teilnehmer, kam aus Belgrad (!), immerhin eine Handvoll aus Bosnien und Herzegowina und einige aus Slowenien. Auch vier deutsche Gäste, Studentinnen vom Institut für Kunstgeschichte in Dresden, kamen in die kroatische Hauptstadt.

"Diesen Dialog hat es immer gegeben", formuliert Ana Bogdanovic, die derzeit an der philosophischen Fakultät in Belgrad promoviert, ebenfalls in makellosem Deutsch. "Bereits in den Jahren zwischen den Weltkriegen, im Königreich Jugoslawien, haben sich Wissenschaftler über Kunst ausgetauscht, die ja eine gemeinsame ist. Immerhin haben nicht wenige Künstler in Zagreb studiert und in Belgrad gelebt oder andersherum."

Diese Generation macht sich fraglos ein eigenes Bild von ihrer Heimat, das in vielen Dingen als das Gegenteil des bisherigen gelten kann. Das sorgt für Ratlosigkeit unter Professoren und Politikern gleichermaßen. Die Initiative ihrer Studenten und Staatsbürger beobachten sie argwöhnisch. "An der Universität in Sarajevo hat mir niemand geglaubt, dass ich ebenfalls eine solche Konferenz organisieren kann", berichtet Aida Hadžimusic. Um ihr Projekt zu finanzieren, ging sie auf Sponsorensuche. In dieser Woche gab es in Sarajevo die erste regionale Konferenz für Studenten der Kunstgeschichte mit Gästen aus Serbien, Kroatien und Slowenien. In Zagreb wiederum, wo die Stadt und die Universität die Initiative der Studenten immerhin in geringem Umfang finanziell unterstützte, nahmen die Teilnehmer der Konferenz enttäuscht zur Kenntnis, dass außer den Moderatoren keiner der Lehrbeauftragten der Universität und kein Offizieller der Stadt die Vorträge besuchte. Ein möglicher Grund: Die Initiative der Studenten stellt die festgefahrenen Denkmuster der Elterngeneration bloß, die zum Großteil noch auf nationalen Gegensätzen beruhen. Es darf bezweifelt werden, dass auf höherer universitärer, wohl auch nicht auf politischer Ebene ein solcher Austausch ohne weiteres zu organisieren gewesen wäre. Hier kündigt sich ein Generationenwechsel an - ein Wechsel, den die Region bitter nötig hat.

Die Entschuldigungen der serbischen Politiker für Verbrechen in den Kriegen, die den Zerfall Jugoslawiens in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begleitet haben, werden von ausländischen Beobachtern als Zeichen der beginnenden Aufarbeitung dieser Verbrechen gewertet. Die Realität jedoch ist eine andere. Kenner der Region sehen darin lediglich politisches Kalkül. Immerhin strebt Serbien die EU-Mitgliedschaft an. Noch 2012 hatte Tomislav Nikolic als Präsidentschaftskandidat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das kroatische Vukovar als "serbische Stadt" bezeichnet, in die "Kroaten nicht zurückzukehren [haben]". Auch die jüngste Entschuldigung Nikolics für die Verbrechen in Srebrenica scheint wohl berechnet. Noch 2007 hatte er als stellvertretender Vorsitzender der "Serbischen Radikalen Partei" die Verantwortlichen für das Massaker in Srebrenica noch in Schutz genommen: "So lange ich lebe, soll mir bloß niemand erzählen, dass Radovan Karadžic und Ratko Mladic Verbrecher sind." [FAZ, 19.5.2012]. Auch die ethnische Säuberung weiter Teile Bosniens von ihren muslimischen Bewohnern bleibt eine wohl unumkehrbare Tatsache. Der politische Dialog zwischen Belgrad, Zagreb und Sarajevo besteht lediglich gezwungenermaßen. Von Aussöhnung, aufrichtiger Anerkenntnis eigener Schuld oder gar deren Aufarbeitung kann bis heute nicht die Rede sein.

Die Organisatoren der Konferenz in Zagreb setzen dagegen auf den offenen Dialog mit ihren Nachbarn. "Ich kann mit der Idee der Nation nichts anfangen", sagt Jelena Behaim. "Was ich bin und wo ich bin, entscheide ich selbst und das kann sich jeden Tag ändern. Deshalb organisieren wir eine internationale Konferenz."

Am 1. Juli wird Kroatien der Europäischen Union beitreten. Sowohl Serbien als auch Bosnien und Herzegowina haben ebenfalls starkes Interesse an einer Mitgliedschaft. Den europäischen Mythos von grenzenlosem Reichtum und unendlicher Freiheit haben zahllose Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien mit geprägt. Insbesondere Deutschland kommt im Europamärchen eine besondere Rolle zu. Der Hundert-Mark-Schein hat symbolische Bedeutung auf dem Balkan. Er findet sich in Witzen ebenso wie in Kunstwerken wieder. In der Generation von Aida Hadžimusic, Jelena Behaim und Ana Bogdanovic ist dieser Mythos nüchterner Betrachtung gewichen. "Im Jahr 2000 wollten alle nach Europa und dort studieren - ich auch. Als ich in Berlin war, hat sich diese Wahrnehmung geändert. Diese Mythen, auch den Mythos Europas, muss man dekonstruieren", sagt Ana Bogdanovic. "Europa ist ein Denkmal. Dabei glaube ich, dass es gar nicht nötig ist, Europäer zu sein, um Selbstbewusstsein zu entwickeln. Es geht vielmehr darum, dass wir das, was wir zum Kollektiv beitragen können, auch wirklich beitragen. Wir müssen aus meiner Sicht unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wiederfinden, die wir verloren haben. Da droht eine große Gefahr. Deswegen sind auch solche Kongresse sehr wichtig."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.05.2013

Tobias Strahl

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