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Streitbarer Komponist: Wilfried Krätzschmar bekommt Johann-Walter-Plakette

Streitbarer Komponist: Wilfried Krätzschmar bekommt Johann-Walter-Plakette

Für eine Verabredung muss Wilfried Krätzschmar seinen Terminkalender bemühen. Denn der 68-Jährige ist mit seinen Ehrenämtern und fortgesetztem kompositorischen Schaffen reichlich ausgelastet und macht überhaupt nicht den Eindruck eines Pensionärs.

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Wilfried Krätzschmar.

Quelle: privat

Die Stapel von Papier und Partituren in seinem Arbeitszimmer illustrieren es. Am heutigen Sonnabend hat er mit Gewissheit auch nicht frei. Denn da erhält er gemeinsam mit Albrecht Goetze in der Torgauer Schlosskapelle die Johann-Walter-Plakette des Sächsischen Musikrates. Unter anderem ein Dank des Musikrates an einen seiner Gründerväter, aber auch eine Würdigung der Gesamtpersönlichkeit, wie Geschäftsführer Torsten Tannenberg sagt.

Gesamtpersönlichkeit. Und zwar bei aller Verbindlichkeit seines Auftretens eine eigenwillige, unabhängige und unverwechselbare.

Krätzschmar wohnt nicht dort, wo man als Dresdner Künstler eigentlich wohnen muss, sondern in Lockwitz. Nach wie vor in Verbindung zu seiner Pfarrgemeinde in Nickern, wo er aufwuchs und noch immer den Posaunenchor betreut. Als die Sprache auf Dresdner Schulen und die hermetische Situation der Stadt in der Vergangenheit kommt, behauptet er stolz, nie irgendeinem Klüngel angehört zu haben. So, wie er als Komponist stets seinen persönlichen Stil und damit seine Konstanten über die Moden- und Systemwechsel hinweg gesucht habe.

Dass dabei Charakteristisches entstand, bestätigt Wilfried Krätzschmar bereitwillig, ohne sich in Schubladen gesteckt zu fühlen. Der Musikwissenschaftler Christoph Sramek beispielsweise schreibt von Klangmagie und Klangströmen. "Ja, ich bekenne mich zum Pathos und zur Sinnlichkeit", bekräftigt der Komponist in einer für unsere aseptische Zeit geradezu anachronistischen Weise. Wo dies fehle, drifte Musik leicht ins Dekorative ab. Manche Titel sind da schon Programm wie etwa "Explosionen und Cantus" über seiner zweiten Sinfonie. "Klang und Sinnlichkeit aber schließen Strukturelles nicht aus", fügt Krätzschmar sogleich hinzu. Und so findet sich in seinen Werken ebenso genau Kalkuliertes, finden sich Gerüstkonstruktionen, Zwölftontechnik, der Goldene Schnitt, ein subtiles Spiel mit Zitaten. Bei den Proben für das Auftragswerk "Age" der TU Dresden zu ihrem 175-jährigen Jubiläum 2003 etwa tauchte er mit einem farbigen Ablaufdiagramm auf, das manchen an die Fragmentierungsanzeige einer Festplatte erinnert haben mag.

So ernsthaft, so suchend interessiert Wilfried Krätzschmar einem nach wie vor begegnet, so unverändert blitzt auch gelegentlich der Schalk auf. Zu DDR-Zeiten, diesen "unechten" Verhältnissen, blieb manchmal nur die Flucht in den Sarkasmus. Mit feiner Ironie antwortete er in Folgewerken auf Auseinandersetzungen beispielsweise um seine erste Sinfonie oder das erste Bläserquintett. "cataracta", 1987 uraufgeführt, spielt mit virtuos zelebrierten Abstürzen und fallenden Linien auf die Agonie der DDR an. Ein Reflex, der nicht an konkrete gesellschaftliche Verhältnisse gebunden ist und eher auf anthropologische Konstanten zielt, spannt Krätzschmar selbst den Bogen weiter. Seine "Schlüsseloper" von 2006 hat nicht weniger Biss, spottet über Kunst und Künstlichkeit und den verlorenen Schlüssel zur Macht.

"Auch in unserer Zeit sind die Menschen nicht anders geworden, es gibt keinen Grund, ironische Distanz zurückzunehmen", klingt es fast programmatisch. Ein Dialektiker, geradeaus gefragt? Ja, kommt das Einverständnis ebenso direkt zurück. "In allem Heiteren auch den tiefernsten Untergrund erkennen, in allen Wichtigkeiten zugleich Lächerliches entdecken!" Die Arbeit mit seinen Kompositionsschülern zeige im übrigen Dialektik pur: Es gelte, seine eigene Identität einzubringen und sie im Interesse der Persönlichkeitsentfaltung der Schüler zugleich zurückzunehmen. Das müssen seine Eleven goutiert haben. Bekannte Namen sind darunter wie der gegenwärtige Musikhochschulrektor Ekkehard Klemm, Christian Münch, Benjamin Schweitzer, Thomas Kupsch, Alexander Keuk oder Rainer Promnitz.

Wenn auch die Ehrung mit der Walter-Plakette der gesamten Künstlerpersönlichkeit gelten mag, so ist sie doch stark inspiriert vom kulturpolitischen Engagement Wilfried Krätzschmars. Ein bisschen "hineingerutscht" ist er nach 1990 in verschiedene Ämter und Funktionen. "Ich weiß genau, wo ich gelitten habe", kommentiert er noch einmal das Ancien Regime, "aber ich habe mich eigentlich zurückgehalten". Über das Verhältnis von Autor und Gesellschaft hat er übrigens 2005 in einem Vortrag verallgemeinerbar nachgedacht. Aber nach dem Ende der "Schiefheiten und Zwänge" konnte der Komponist "nicht einfach kneifen", wo sich Herausforderungen auftaten. Inzwischen schon Professor an der Dresdner Musikhochschule, stand er auf einmal an der Spitze des Komponistenverbandes im Bezirk Dresden. 1991 übernahm er zunächst kommissarisch das Rektorenamt an der Hochschule, gründete im gleichen Jahr mit Philharmonie-Chefdirigent Jörg Peter Weigle den Sächsischen Musikrat, "bevor es andere Übriggebliebene taten, die es vielleicht hätten besser nicht tun sollen".

Noch drei Mal wurde er zum Rektor wiedergewählt, ehe er 2003 aus dem Amt schied. Da winkte schon das nächste, nämlich die bis 2007 dauernde Präsidentschaft des Sächsischen Musikrates. Der schickte ihn anschließend in den MDR-Rundfunkrat. In den Aufsichtsrat der GEMA wurde er 1999 gewählt. Und in der Sächsischen Akademie der Künste stieg er erst im Vorjahr zum Vizepräsidenten auf.

Wilfried Krätzschmar steht also mitten im Strom der Zeit und bleibt doch in der ihm eigenen Weise auf Distanz. Ein Dialektiker eben. Mag in der DDR mancher die Förderung der Gegenwartsmusik als die verordnete "neue Musik zur neuen Zeit" angesehen haben - die Kompositionen der Zeitgenossen wurden hier wie auch in der Bundesrepublik damals registriert, ja erwartet und öffentlich debattiert. Sie waren mithin relevant. Hinsichtlich der immer traditioneller orientierten heutigen Konzertspielpläne spricht Krätzschmar deshalb von einem "Betrug am Publikum". Denn nach wie vor entstünde Neues, mangele es nicht am Angebot. Einen ganz kleinen Lehrauftrag hat er noch an der Dresdner Musikhochschule. Eigentlich schade. Denn solche Zeit- und Unzeitgenossen verdienten mehr Gehör. Michael Bartsch

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2012

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