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Streit um angebliche Stasi-Mitarbeit des ehemaligen Dokwochenchefs Fred Gehler

Streit um angebliche Stasi-Mitarbeit des ehemaligen Dokwochenchefs Fred Gehler

Zwei Bände. 500 Seiten. Berichte von IM Walter Januar 1968 bis November 1976 - über ausländische Journalisten und Filmemacher, die zur Dokwoche Leipzig kamen, über ihre politischen Ansichten und privaten Hintergründe, Informationen über Leute, für die sich die Stasi interessierte, und Reisen ins sozialistische Ausland, ideologische Lageeinschätzungen in diesen Ländern.

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Fred Gehler, Filmpublizist, Dokfilmmacher, Direktor der Dokwoche 1994 bis 2004

Dresden/Leipzig . Verfasser laut Stasi: Fred Gehler, angesehener, unabhängig denkender Filmpublizist, Programmmacher im legendären Kino "Casino", Dokfilmmacher, Dokwochen-Chef von 1994 bis 2004.

Von Norbert Wehrstedt

Andreas Kötzing hat die Akten aus dem Stasi-Archiv für eine Dissertation seit 2007 ausgewertet und jetzt darüber in einem Artikel im "Deutschland-Archiv" geschrieben. Titel: "Keine einfachen Wahrheiten". Fred Gehler antwortete in einer Replik darauf: "Meine gelebte Biografie war und ist anders als dieses spekulative Konstrukt mutmaßt." Eine Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit habe es nie gegeben: "Die zitierten Akten sind (so weit sie mir bekannt) entweder fingiert, auch gefälscht (z.B. die angebliche Verpflichtungserklärung) oder aus anderen fragwürdigen "Quellen" zusammengeschustert."

Widersprüche zwischen dem publizistischen Alltag von Fred Gehler und diesen IM-Berichten räumt Andreas Kötzing auch ein. Schließlich gibt es ebenso die Opfer-Akte Fred Gehler, der seit 1966 unter Beobachtung des MfS stand. Er hatte immer wieder gegen die starre Filmpolitik der DDR polemisiert und mehr ästhetische Offenheit in der Ankaufspolitik (also Filme von Bergman bis Bunuel) gefordert - bis ihn im Mai 1965 mit dem "Sonntag"-Artikel "Cui Bono, Fred Gehler?" der ideologische Bannstrahl traf. Von der Journalistik-Fakultät der Uni Leipzig wurde der Assistent Fred Gehler ausgeschlossen. Publizieren durfte er weiter, obwohl er fortan als Formalist galt.

Was eine Verpflichtung Fred Gehlers gerade 1968 merkwürdig macht, sind einige Ereignisse in diesem Jahr, die nur unterschätzen kann, wer die DDR nicht erlebt hat. Im Mai 1968 erschien in der "Filmkritik" Frankfurt/Main seine Rezension zu "Ich war neunzehn" - mit einer rüden Antwort im "Neuen Deutschland". Im Oktober wurde die Zeitschrift "film" verboten, die er mitverantwortete. Im "Sonntag", der kulturpolitischen Wochenzeitschrift, bekam er für fünf Jahre Schreibverbot. Dass er 1967/1968 im Kulturzentrum der CSSR in Berlin als Moderator die Filme des Prager Frühlings gefeiert hatte, wurde als politischer Sündenfall genommen - und von der Dokwoche Leipzig wurde er im November 1968 von Festivaldirektor Wolfgang Harkenthal persönlich verwiesen.

Andreas Kötzing mutmaßt, dass Fred Gehler in seiner persönlichen Existenz durch all diese Vorgänge derart unter Druck geriet, dass er sich zu einer Unterschrift genötigt sah. Was Fred Gehler nicht akzeptiert: "Das war undenkbar. Ich fühlte mich ausgegrenzt, hatte einen Rochus auf so vieles und so viele." Bis 1977, als ihn der "Sonntag" akkreditierte, nahm er an keiner Dokwoche teil: "Nach meinem Rausschmiss mich da wieder einzuschmuggeln, das hätte an meiner Ehre gekratzt." Also hätte er über niemanden berichten können.

Gehler, der die IM Walter-Akte nicht einsehen kann, bekam von Andreas Kötzing einige der Akten-Berichte gezeigt. "Das ist so ein Geschwätz, das würde meine Intelligenz beleidigen", sagt Fred Gehler. Es gebe seitenlange Einschätzungen etwa über den Charakter von Edward Gierek (ehemaliger Partei- und Regierungschef Polens), die seien "völlig absurd".

Auf einer der Seiten des Artikels im "Deutschland-Archiv" sind die Verpflichtungs-Erklärung und die Schweigeverpflichtung abgedruckt. Für Gehler eine Fälschung. Seine Schrift hätte damals schon ganz anders, viel kleiner ausgesehen, außerdem habe er 1968 schon lange überall nur noch als Fred Gehler (nicht als Manfred Gehler) unterschrieben. Kötzing kommentiert die Verpflichtung auch mit einer gewissen Distanz: "Ob die Anwerbung jedoch ausschließlich ,auf der Grundlage der politischen Überzeugung' erfolgte, wie in den Unterlagen vermerkt, muss kritisch hinterfragt werden. In einem internen Bericht des MfS über Gehlers IM-Tätigkeit, der aus dem Jahr 1976 stammt, heißt es beispielsweise, dass bei seiner Anwerbung ,bestimmte Rückversicherungs-tendenzen und persönliche Interessiertheit eine wichtige Rolle' gespielt hätten."

Der Vorgang IM Walter endet im November 1976, als die Stasi feststellte, dass ihr Mann Termine nicht einhielt, Aufträge erst mit großer Verzögerung erledigte, monatelang 1973/1974 den Kontakt sogar ganz abbrach und das MfS mit seinen Informationen nichts anfangen konnte. Für Fred Gehler steckt das alles voller Ungereimtheiten: "Das wäre der Weg eines Phantoms, das am Ende frei kommt." Erst einmal lässt der 75-Jährige jetzt den Vorsitz des Stiftungsrates der Defa ruhen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.07.2012

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