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Stotterer im Geist - der in Dresden geborene Christian Lehnert und sein Essay "Korinthische Brocken"

Stotterer im Geist - der in Dresden geborene Christian Lehnert und sein Essay "Korinthische Brocken"

Der 1969 in Dresden geborene Dichter und evangelische Pfarrer Christian Lehnert meldet sich nach mehreren Gedichtbänden mit einem bemerkenswerten Essay über den Apostel Paulus zu Wort.

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Alle stehen unter dem Blauen Wunder. Aber auch was nicht verboten ist, ist noch lange nicht erlaubt.

2008 hatte Lehnert seine Pfarrstelle in Burkhardswalde-Maxen im Müglitztal aufgegeben, war dann Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Wittenberg. Seit vergangenem Jahr nun ist er Geschäftsführer des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) an der Leipziger Universität.

"Korinthische Brocken" hat er seinen 280 Seiten umfassenden Essay genannt. Ein treffender Titel: Fragmentarisch ist er und gewichtig. Einfach hat es Lehnert sich und uns Lesern nie gemacht. In diesem Text geht es um nicht weniger als die möglichst genaue Beschreibung des kaum noch Sagbaren: Die alles verändernde Begegnung eines Menschen mit Christus, dem menschgewordenen Gott. Saul, wie er ursprünglich hieß, verfolgte als eifriger jüdischer Schriftgelehrter die ersten Christen, für ihn Anhänger einer Irrlehre. Nach einer blitzartig erschütternden Erfahrung vor Damaskus wandelte er sich zum Paulus. Zum Apostel, einem, der aus einer Gottesbegegnung entlassen ist, wie uns der Autor zeigt.

Natürlich hat Lehnerts Hinwendung zu Paulus mit der heutigen Situation zu tun. Auch er erlebt, "wie die christlichen Kirchen schrumpfen und ihre Glaubensaussagen an Plausibilität verlieren, wie ihre Riten ein Gilben erfaßt und ihre Metaphern verhärten". Wie sich zugleich die "großen Erzählungen" von der Säkularisierung verflüchtigen, auch ein Daseinsverständnis ganz ohne Gott brüchig wird.

Ein Zurück, weiß er, gibt es nicht. Es geht nur nach vorn. In eine Offenheit, die ein Dunkel ist, wo man sich nur unsicher, tastend bewegen kann. Sehr sparsam nur, häufig in Klammern gesetzt, finden wir Bemerkungen über die Gegenwart. Lehnert begibt sich lieber an die Ursprünge. Aber nur, um schon dort, am Ausgangspunkt, jene Unsicherheit zu entdecken. In einer Lektüre des 1. Korintherbriefes, die durch ihre geradezu bohrende, feinste Feinheiten des griechischen Urtextes wahrnehmende Genauigkeit besticht.

Auf diese Weise vermittelt er uns - fragend, nie dozierend - die Bedeutung zentraler Begriffe des Christentums. Einer der wichtigsten: das "Wort vom Kreuz". Welch ein Skandal im ursprünglichen Sinn das gewesen sein muss, wird uns hier klar: Der Erlöser, der menschgewordene Gott, der auf die entwürdigendste Weise stirbt. Lehnert verweigert uns den allzu schnellen Trost der Auferstehung, die allzu einfachen theologischen Erklärungen von Opfer und Sühne. Und wagt noch einiges mehr: Ruft an dieser Stelle Bilder auf von verhungernden KZ-Häftlingen. Zeigt uns, wie vor diesem absurden Geschehen logische Erklärung und Sprache versagen müssen. Interpretiert dieses Wort vom Kreuz als "Hilferuf": Was bleibt, ist die Bitte um Sinn, ein "Leerschmerz, ein verzweifelter, bestimmender Durst". Und spricht damit vom Eigentlichen des christlichen Glaubens. Der eben kein eindeutiges, widerspruchsfreies Wissen sein kann.

Nicht zufällig, so begreifen wir bei der Lektüre, war es Paulus, der diese Erfahrung macht und sie uns zu überliefern versucht. Lehnert zeichnet ihn als einen von Unruhe Getriebenen, einen Schwachen, nie Perfekten, vor allem einen stammelnd um die angemessene Sprache Ringenden: "Paulus, der Stotterer im Geist, sucht nach Worten".

Dieser Essay kreist um die Sprache. Und hier nun begegnen sich Dichtkunst, die mit ihren Metaphern ins Ungesagte greift, und christlicher Glaube. Dass Lehnert auf die Gehhilfen theologischer Lehren verzichtet, gehört gleichfalls zum Bemerkenswerten dieses Textes. Er verbindet Bibelexegese statt dessen mit Poesie. Mit Sprachbildern, die bisweilen dunkel anmuten. Fügt wie ein Mosaik biografische Erinnerungen ein. Zeigt sich uns hier als ein einst hundertprozentiger Marxist, der Arzt, NVA-Offizier gar werden wollte - und eines Tages eine christliche Gemeinschaft entdeckte. Aber - aufgemerkt - nicht als einfache neue Antwort auf alle Sinnfragen. Sondern: Gott wird ihm zum "Rätselwort". Plötzlich ist nichts mehr eindeutig wie eine sozialistische Weltanschauung: "Der christliche Glaube war eine Dauerirritation."

Es sind diese verstörend widersprüchlichen Sätze, die einen an diesem Essay bewegen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird skeptisch gegenüber allen Versuchen werden, das Christentum auf griffige, in sich schlüssige Formeln zu bringen. Statt dessen treiben uns Paradoxe um wie dieses: dass die Abwesenheit des menschgewordenen Gottes die Form seiner Anwesenheit ist. Anwesend ist er als Sehnsucht in der Gemeinschaft. Als das, was uns fehlt. Lehnerts ernüchternd-ermutigendes Fazit: "Es gibt keine Gewißheit. Und daß es keine Gewißheit gibt, das ist die christliche Verheißung." Das letzte Wort in diesem Essay hat ein Gedicht. Es spricht von etwas, das fehlt.

Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Suhrkamp. 283 S., 22,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.03.2013

Tomas Gärtner

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