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Stilmix ohne Biss: Friederike Heller inszenierte die "Dreigroschenoper" im Dresdner Schauspielhaus

Stilmix ohne Biss: Friederike Heller inszenierte die "Dreigroschenoper" im Dresdner Schauspielhaus

Eine Bühne auf der Bühne auf der Bühne, und ganz hinten in diesem Show-Arrangement (Sabine Kohlstedt) sitzt das kleine Orchester (aus in Dresden üblichen Verdächtigen wie Thomas Mahn, Tom Götze, Marc Dennewitz, Sascha Mock).

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Auch ein Paar: Macheath (Christian Friedel, l.) und die Spelunken-Jenny (Sebastian Wendelin).

Quelle: David Baltzer

Auf dem Transparent darüber geschrieben steht "Dreigroschenoper". Das sieht betulich aus, aber das Versprechen für drei Groschen eine OPER statt eines "Stücks mit Musik" hängt die Messlatte einseitig hoch, so dass die Musiker bei aller Solidität schon bei der Ouvertüre mit einen Hauch von Selbstironie zu Werke gehen. Aber das erweist sich als eine Art Virus, der die ganze Inszenierung infiziert. Was tödlich sein kann, denn die Ironie in diesem Stück richtet sich ja eigentlich nach außen, auf die Gesellschaft, in der nicht nur "die da oben" an den Verhältnissen schuld sind.

"Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht, und Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht", so beginnt die wohl berühmteste Moritat aus dem Geniestreich von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Bei Christian Friedel steckt es ziemlich grob im eleganten Spazierstock, dafür sieht man sein schmales Bärtchen kaum und die Narbe am Hals schon gar nicht unter dem werktags wie sonntags schneeweißen Kragen. Wenn Polly Peachum (Sonja Beißwenger) davon singt, wie er sie herumgekriegt hat, ist sie da wohl eher im falschen Film. Sie ist das cleane, wie im Genlabor konstruierte Gegenstück zu einem leichtlebigen Gigolo, macht große Augen unter der bereiften Stirn und weiß dabei ihren Hund zu führen. Immerhin, manchmal wirft ja Friedel so einen Blick, der töten könnte, aber vor allem gibt er den Filou, und dem kann man nur mit Grandezza begegnen. Doch wie er besonders den Charmeur zelebriert, reicht es gerade noch zu ein bisschen Zynismus, aber nicht zu tödlicher Brutalität. Da haben ihn die Weiber aller Couleur eigentlich zu Recht längst in die Tasche gesteckt, wenn endlich der Reitende Bote erscheint und ihn vorm Galgen rettet.

Unterbliebene Einfühlung

Das ist wohl kein Wunder, wenn eine Frau Regie führt, aber Brecht als Erfinder der Verfremdung erfährt durch Friederike Heller in ihrer neuesten Inszenierung am Dresdner Staatsschauspiel gewissermaßen eine doppelte: Das fremd Gewordene erscheint wiederum vertraut, nämlich als banales Unterhaltungsprogramm, in dem die vornehme Operette im Stil der letzten 20er Jahre auf kontrastierende zeitgenössische Darbietungsformen trifft. Versuchungen, denen die Kostümbildnerin Ulrike Gutbrod weidlich, aber nicht unbedingt sinnstiftend nachgegeben hat.

Leider geht in diesem Stilmix die Haftung am Boden und für soziale Realität weitgehend verloren. Wenn es hier völlig gleichgültig erscheint, ob das alles im London Shakespeares, der großen Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts oder der aktuellen Währungskrise stattfindet, dann liegt es nicht an Verallgemeinerung oder Abstraktion, sondern an unterbliebener Einfühlung. Filch (Thomas Braungardt), der bei Platten-Boss Peachum eine Anstellung als Berufsbettler sucht, erscheint in nagelneuen Turnschuhen, faltenlosem Sakko und Schaltüchlein. Er hat womöglich die Paralympics verfolgt, aber keine Vorstellung von dem Milieu, in das er sich begeben soll, und sein Boss (Thomas Eisen), der im leicht schmierigen Frack hektisch und geschäftig wie ein Conférencier seine Firma leitet, hilft ihm und dem Zuschauer auch nicht weiter mit Vorführungen, die etwa so präzise und lustig daherkommen wie Gymnasiastentheater. Zwar redet er später auch mal Tacheles von den wirklichen und falschen Krüppeln, von dem Gestank und den Gesichtsrosen, wie sie einst durch die Gassen an der Themse wimmelten, doch meist werden Fremdheit und Distanz nur überspielt von Klamauk, billigen Gags und oft nur albernen Maskeraden.

Show der schaukelnden Huren

Während sich auf der Bühnen-Staffelung, deren Tiefe dank zarter weißer Vorhänge variiert, ein kruder Mix aus 20er-Jahre Operette und Muppet-Show tummelt, sprayt der vermummte Jens Besser auf säuberlich vorbereiteten Tafeln und am Portal eher simple Kommentare, und am Ende soll sein Künstlerfreund Stefan Schwarzer mit einem gezeichnetem Animationsfilm die Bedeutung des Ganzen doch noch auf die Höhe der Zeit bringen. Beides wirkt weder provokant noch zwingend eingebunden. Ansonsten wird an Menschen gespart, denn die können sich hier auf offener Szene, wenn auch nicht unversehens, von Huren zu Polizisten und dann wieder zu Gangstern verwandeln - als Anleihe vom Kinderfernsehen mit großen Zähnen, aber ohne Biss. Immerhin, die Travestieshow der schaukelnden Huren hat was, vorzugsweise dank Sebastian Wendelin. Christine-Marie Günther ist nicht nur die zickige und scheinbar schwangere Lucie, sondern mimt auch mal ganz witzig die Souffleuse. Antje Trautmann bleibt auf ein bisschen Verruchtheit und Hysterie als Mutter Peachum beschränkt. Benjamin Höppner ist unter anderem ein Sheriff von der grob und einfach gestrickten Sorte, dabei immer noch schlicht zu sympathisch.

Ein bisschen Glamour, ein bisschen Pikanterie, doch das Romantische bleibt auf der Strecke. Abgründe sind auf das Alltäglichste eingeebnet, die Versuchung, an den Kreuzwegen zum Glück die verbotene Richtung zu wählen, überträgt sich nicht. Auch wenn sich die Eigendynamik des Stücks gelegentlich durchzusetzen scheint, zumal kurz vor der Pause, wenn Macheath mit Polly über seine Flucht nachdenkt, ergibt sich so etwas wie Spannung eigentlich nie.

Über Humor lässt sich schlecht diskutieren, aber was viele Premierenbesucher anscheinend ausgesprochen witzig fanden, erschien mir bei aller Liebe nur buchstäblich aufgesetzt und albern, zumal der gewollte Grusel oder Ekel aus der sicheren Distanz, der eben so gar nichts Furchterregendes an sich hat. Aber vielleicht soll sich ja das Publikum darin "erkennen", ein Publikum, das für gewöhnlich dreimal die Woche Krimi schaut und alles Elend dieser Welt snackknabbernd am Bildschirm verfolgt.

Auf die Handlung (Polly heiratet Macheath gegen den Willen der Eltern, er aber lässt das Mausen nicht und wird dafür ans Messer geliefert, da nützen auch beste Beziehungen zum Polizeiboss nix) muss nicht näher eingegangen werden, denn sie wird im Grunde nebensächlich. Nach den sich (infolgedessen) doch beträchtlich dehnenden drei Stunden bleibt logischerweise vor allem die immer wieder hinreißende Musik im Gedächtnis. Auch, wenn sie nicht durchweg so blütenrein herüberkam wie Macheaths Weste, zumal beim Gesang einige Wünsche offen blieben, so boten doch die Songs mit ihrer doch meist gut herausgearbeiteten Substanz deutlich mehr als die Dialoge, in denen die Figuren kaum Profil entwickeln konnten. Eine Prognose, wie sich diese von vielen bejubelte, von wenigen frühzeitig verlassene Aufführung im Theateralltag behaupten wird, wage ich lieber nicht. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: 20. & 28.9., 5. & 15.10., jeweils 19.30 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2012

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