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Steve Jobs trifft Gutenberg im Opernhaus Erfurt

Oper Steve Jobs trifft Gutenberg im Opernhaus Erfurt

In seinen Opern stellt Kirchner immer wieder die Frage nach Gefährdungen von Zivilisation durch den Fortschritt. Jetzt wurde in Erfurt die Oper „Gutenberg“ des Komponisten uraufgeführt.

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Siyabulela Ntale (vorn) als Gutenberg und der Opernchor in einer Szene der Oper „Gutenberg“ von Volker David Kirchner.

Quelle: Foto: dpa

Erfurt.. In seinen Opern stellt Kirchner immer wieder die Frage nach Gefährdungen von Zivilisation durch den Fortschritt. Das zieht sich von „Belsazar“ (1986) als Reflex auf den Nato-Doppelbeschluss über die dramatische Ballade „Das kalte Herz“, von „Savonarola“ (2011) bis zum einstündigen „Gutenberg“ in der Oper Erfurt jetzt.

Der Erfinder des Buchdrucks blickt aus der Gebrechlichkeit des Alters auf die Brüche und Blessuren seines Lebens. Das Gespräch mit Steven Jobs in einem postmortalen Epilog zeigt Gutenberg als Kritiker des Durchbruchs in die Galaxis des allverfügbaren Netzes. Jobs contra Gutenberg: Das ist die Frage nach Verpixelung oder Vermessung der Welt im Humboldtschen Bildungsverständnis. Und damit ein dringlicher Erfurter Regionalbezug.

Kirchner setzt das in eine Folge von neun Szenen um einen dramatisch-charismatischen Bariton-Part. Er beginnt mit Gutenbergs Befangenheit in der Pflege durch eine Nonne/Krankenschwester. Weitere Stationen sind sein Schuldbewusstsein vor der Madonna, die Loyalität zur ihn finanziell ausbootenden Stadt Mainz, schillernde Begegnungen mit Randalierern, die Zuspitzungen zwischen den Konfessionen, sein nur sehr beiläufig von der Mitwelt wahrgenommener Tod.

Kirchner verdichtet den Orchestersatz mit starken Streicherkantilenen und glissandierenden Bläsern. Er beherrscht die musikalische Palette und das dramatische Fresko. Das ist stellenweise von epischer Schönheit im Wechsel mit rabiaten Interventionen. Die Partitur hat bis zum Ende einen monumentalen Zug und bietet szenische Entfaltungsmöglichkeiten. Auf schwarzer Spielfläche, mit heutigen Kostümen von Christl Wein und wenigen Zitaten der Vergangenheit. Video und Animation von Torge Möller und Momme Hinrichs (fettFilm) sind im permanenten Wechsel zwischen Jetzt und Renaissance, sind auch unerlässlicher Partner der Regie. Gutenberg wechselt von der Pflegeausrüstung mit der Krankenschwester in der Sekundenschnelle eines Mausklicks zur Renaissance-Virtualität, ist dann historischer Avatar seiner selbst: Panorama, Wissensverfügbarkeit und Geschichte für Nutzer im eigenen Wohnzimmer auf dem Monitor. Diese mediale Aufbereitung rückt existenzielles Leid in Distanz, relativiert fast alles. Kirchners Musik wird in diesem Ambiente zur affektiven Kraftanstrengung. Das Gegeneinander befeuert.

Der südafrikanische Bariton Siyabulela Ntale singt seinen großen Part expressiv, hat Wärme und Charakter. Die Akzentverfärbungen seiner Diktion im finalen Dialog mit Steven Jobs schärfen diese Regeneration des Gewesenen durch Medien, Zeichen, Pixel.

In der Uraufführung zieht Martina Veh „Gutenberg“ mit der Musiktheater-Performance „Digitale Revolution“ in eine Perspektive für die erste Generation nach Steven Jobs, die sie im ersten Teil mit Portionshandreichungen für Bildung im Netz vorbereitet. Es ist erstaunlich, wie Johann Sebastian Bach – hier sind es Ausschnitte aus der Johannes-Passion und der h-moll-Messe – die kollektive Netz-Gesellschaft in eine zyklisch-metaphysische Ebene entführt. Gunnar Geises Elektronik-Klänge gehen bei „Digitale Revolution“ nicht in Konkurrenz dazu, verweisen auf die vom Opernchor sehr robust skandierten Choräle zur kollektiven Selbstauslieferung an WWW und Kommunikationsgeräte (Leitung: Andreas Ketelhut). Da lümmeln – wenn sie keine Arien singen – Katja Bildt und Daniela Gerstenmeyer über Smartphones, eingeschmolzen in ihrer digitalen Welt.

Samuel Bächli animiert mit kompaktem Zugriff das Philharmonische Orchester Erfurt zum grobkörnigen Marsch in die posthistorische Community. Mark Pohl ist im ersten Teil ein smarter Online-Guru mit Entertainer-Tiefgang. Als Steve Jobs zeigt er sich in der finalen Diskussion Gutenbergs Argumenten unzugänglich. „Gutenberg“ zeigt mit diesem Prolog von Martina Veh ebenso wie „Lola rennt“ in Weimar, dass Oper mühelos auf Höhe der Zeit sein kann.

Wieder am 3.4. (15 Uhr), 8.4. (19.30 Uhr), 17.4. (15 Uhr), Karten und Infos: 0361 2233155

Von Roland H. Dippel

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