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Stereo Total in der Scheune

Konzert Stereo Total in der Scheune

Stereo Total spielten in der ausverkauften Scheune und lieferten eine professionell gestaltete herrlich unprofessionelle Show ab.

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Professionell unprofessionell: Stereo Total auf der Bühne der Scheune.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Es war einer der lustigsten Momente des Konzerts. Brezel Göring, Gitarrist von Stereo Total springt ins Publikum und lässt sich auf dessen Händen einmal hin und zurück tragen. Derweil tanzen vier junge Frauen ausgelassen auf der Bühne zu ihrem größten Hit. „Wir tanzen im Viereck, wir tanzen konzentriert.“ Alle rasten aus. Nur Françoise Cactus steht nahezu bewegungslos am Mikrofon und wiederholt diese Zeilen zu Musik, die zum größten Teil aus ihrem Computer kommt. „Wir-wir-tanzen-wir-wir-tanzen-im-Viereck-wir-tanzen-konzentriert.“ Dann kommt Brezel zurück auf die Bühne und spielt noch ein paar Runden am Schlagzeug mit. Wir sind mitten im Kindergarten unseres Musikverständnisses. Dort leben Stereo Total schon seit mehr als 20 Jahren.

Eklektisch sei ihre Musik, das steht so bei Wikipedia. Schlimmes Wort, das meint, dass ihnen die Sache mit den Genres nicht so wichtig ist. Und dass sie sich zusammenklauen, was in ihre Lieder passt, und darin ist offensichtlich viel Platz. Cactus kam irgendwann in den 1980ern aus Frankreich, liebt also Chansons wie alle Franzosen, aber auch die Punkmusik. Göring ist professioneller Ost-Berliner, der früher mal Hesse war, und der in einigen der lustigsten Experimentalbands Deutschlands spielte, die in der Elektronik ihre Ausdruckszukunft sahen. Als sich die beiden irgendwann in ihrem Kreuzberger Kiez trafen, 1993, war er Religionswissenschaftler und sie eine Französisch-Lehrerin, er Vegetarier, sie eher nicht, dafür ein paar Jahre älter. Sie wurden ein Paar und machten Musik, die immer noch all das beinhaltet, vor allem eben gelebte Gegensätze.

Heute stehen auf der Bühne ein bald 50-jähriger Schlacks mit Basecap und eine Über-50-jährige Frau mit runden Hüften und einem bunten Schlips um den Hals, den man am Merchandise-Stand gleich aufs T-Shirt drauf gedruckt kaufen kann, als „Shirt cravatte“. Die Menschen, die zum Konzert kommen, sprechen automatisch Deutsch mit französischem Akzent, ein Phänomen, das man schon von früheren Konzerten kennt. Später dann, wenn Songs wie das neue „Zu schön für dich“, „Good night, bad morning“, „Doktor Cactus“ oder das unvermeidbare „Liebe zu dritt“ erklingen, tanzt das Publikum, vor allem die jungen Frauen, zu dieser nun schon 14 Alben andauernden Mischung aus professioneller Stümperei und post-postmoderner Liebesbekundung, die durch viele Stellungen durchmuss, ehe sie richtig sitzt.

Wenn das Live-Erlebnis auch lange nicht mit dem Mythos Stereo Total mithalten kann; es ist schon lustig zu sehen, wie sie da vorn agieren. Wie sie professionell unprofessionell Spaß haben. Wie Cactus die Zeilen „Die Frau in der Musik ist nervig, die Frau in der Musik ist lästig“ noch einmal singen muss, weil sie ihr fiependes Spielzeug nicht hört. „Eine Hure in der Küche, eine Köchin im Bett“ singt sie dann nur noch einmal. Sie liest manchmal vom Textbuch ab, vermutlich weil Wörter wie „Pampelmusenbusen“ oder „Hasennäschen“ halt schwer auszusprechen sind. Im Wort „Pfirsichhaut“ jedenfalls hört man das „h“ immer noch nicht. Ihr französisch klingendes Deutsch hat sich Cactus bewahrt, bestimmt sogar gepflegt. Die beiden versuchen ja auch seit über zwei Jahrzehnten die Sache mit den Instrumenten nicht übermäßig zu professionalisieren. Ist es zu gut abgemischt, spielt er aus Versehen zu gut Gitarre, wird alles wieder etwas heruntergelebt.

Beim neuen Album „Les Hormones“ (2015, Staatsakt) haben sie gleich ganz auf die Computerarbeit verzichtet und es im Keller ihrer Wohnung eingespielt, die immer noch in Kreuzberg steht. Sie am Minimal-Schlagzeug, er an der Gitarre und drum herum die handgesteuerte Elektronik. Understatement sei ja sowieso das, was die Band ausmache. Im Backstage, im Leben, man hört immer nur Sympathiebezeugungen von Menschen, die mit ihnen zu tun haben. Echte Punkrocker seien sie, so umgänglich, so uneitel. Wann genau wurde das eigentlich zum Punkrock-Modus? Cactus kramte jedenfalls am Ende der Show, nachdem sie gerade „Heroes“ von David Bowie mit Hallstimme und größtmöglichem Pathos gesungen hatte, ihre vielen Sachen zusammen und stapfte von der Bühne. Das war wirklich ein toller Moment. Selbst den großen Abgang können sie noch richtig zertrümmern.

Von Juliane Hanka

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