Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Steffi Deparade-Becker und Jutta Albert stellen in der galerie drei aus

Farbfelder und Formkunst Steffi Deparade-Becker und Jutta Albert stellen in der galerie drei aus

Die dialogische Interaktion der bildnerischen Arbeiten von Steffi Deparade-Becker mit den Porzellanobjekten von Jutta Albert erfüllt die galerie drei gegenwärtig mit einer spannungsvollen Energie, die das Entschwinden und die Erinnerung umfasst.

Steffi Deparade-Becker (l.) und Jutta Albert.

Quelle: galerie drei

Dresden. Empfangen werden die Besucher von einem monumentalen, mehrteiligen Stabobjekt von Jutta Albert mit dem sinnreichen Titel "Mikado", das ein labiles Gleichgewicht imaginiert und zwar den Augenblick, kurz bevor bei diesem Geschicklichkeitsspiel alles in sich zusammenfällt. Man könnte annehmen, es handle sich um einen Bambuswald oder sogar eine Absperrung. Augenscheinlich ist ein ostasiatischer Einfluss, hervorgerufen durch die Ornamentik der schwarz-weißen Segmente.

Die dreidimensionalen, raumgliedernden Lineaturen richten unwillkürlich das Augenmerk auf die Binnenstrukturen der Bilder von Steffi Deparade-Becker, dieser orakelgleichen Innenwelten, die eine Außenwelt imaginieren. Atmosphärisch wirkende Farbschichten scheinen ineinander überzugehen und sich wiederum in Farbschleiern aufzulösen. Als handle es sich um Momentaufnahmen, die sich dem Betrachter entziehen, die sofort wieder ausgewischt sind, eingefroren in einen Zustand unheimlicher Stille, die angereichert ist von innerer Bewegung.

Sicherlich von den Künstlerinnen unbeabsichtigt, ist gerade diese Ausstellung, die so leise daherkommt, als Metapher für den gegenwärtigen Zeitgeist eines bewegungsreichen, nicht fassbaren Wahnsinns zu verstehen. Vertrautes und Imaginäres, Findungen und Erfindungen, Architektur und Landschaft, Atmosphärisches und Abstraktes, eine Kälte und eine Zärtlichkeit sind in den Bildern von Steffi Deparade-Becker miteinander verbunden.

Beide Künstlerinnen sind 1954 geboren. Beide verbindet die Studienzeit an der legendären Hochschule Burg Giebichenstein in Halle Moritzburg, wenn auch in unterschiedlichen Ausbildungsgebieten. Beide sind eng miteinander befreundet und beide stellen auch nicht das erste Mal gemeinsam aus. Steffi Deparade-Becker hat in Dresden Wurzeln geschlagen und Jutta Albert im mecklenburgischen Kronshof. Sie ist seit 1994 engagierte Geschäftsführerin des Kunstvereins Schloss Wiligrad.

Einen besonderen Reiz beziehen die Arbeiten Deparade-Beckers aus der subtilen Verbindung von Malerei und Collage. Wobei die Collage sich oftmals erst nach genauem Hinschauen offenbart und doch eigentlich Anlass für das Bild gewesen ist. Mit einer beachtlichen Konsequenz in der Reduktion auf ein Gerüst an Horizontalen und Vertikalen verarbeitet sie in feinsten malerischen Farbvibrationen ihre Erfahrungen und Erinnerungen, Schicht um Schicht. Man findet auf den Arbeiten nirgends Handlung, sondern eher eine Zuständlichkeit. Strenge horizontale oder vertikale Schichtungen werden rhythmisch durch Farbfelder gegliedert. Assoziationen an Landschaft, an Stadtarchitekturen, an gestaffelte Räume, ohne Zurhandnahme von klassischer Perspektive, sondern nur durch psychologisch wirkende Farbkontraste, drängen sich auf. Eine schwebende Melancholie wird fühlbar in den Schattenrissen von Vergangenem, das unmerklich unter den Farbschichten hervorleuchtet - Collagen aus Illustrierten und Zeitungen. Steffi Deparade-Becker liebt das Geheimnisvolle und die damit verbundene Beunruhigung. Balance und Instabilität, Ruhe und Vibration bedingen einander und sorgen für Irritation. Zu einem melancholischen Grundton von Grau, Graublau, gesellt sich zuweilen ein musikalischer Aspekt, wenn Pink, Ocker oder Hellblau im Schachtelsatz komponiert werden. So entsteht unverhofft ein Klangbild.

Jutta Albert hat sich mit schöpferischer Experimentierfreude und gestalterische Disziplin dem fragilen Werkstoff Porzellan verschrieben, wobei sie traditionelle Grenzen des Gebrauchs lustvoll und mit Perfektion überschreitet und damit immer eine über die ästhetische Formkultur hinausgehende künstlerische Aussagekraft erzielt. Sie konzentriert sich auf die Nichtfarben Schwarz und Weiß, aus denen sie ein ganzes Universum entwirft. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen strenge geometrische Grundformen wie Quader, Würfel, Dreieck, Pyramide, Kegel und Doppelkegel, die auch charakteristisch für konkret-konstruktivistische Kunst sind. Binnenzeichnungen der Oberflächen erzielt sie durch geschnittene und teilweise reliefierte Porzellanintarsien, ergänzt und kombiniert mit grafischen, expressiven Liniengespinsten, feinen Porzellanfäden aus verflüssigter Porzellanmasse, mit der sie zeichnet. Die lebendigen, matten Oberflächen des Bisquitporzellans sind ihr wichtig. Sie nutzt keine Glasuren. Neben den Stabgruppen, zusammengesetzt aus kurzen Röhren, auf Edelstahlstäbe gefädelt, entstehen liegende Kegelobjekte, aus denen Stahldrähte wie Tentakel herausragen. Ein persönliches Erlebnis regte sie an, aus Porzellanmasse fragile Briefkouverts zu formen, Papierrollen, die sie in Boxen archiviert. Man hat die Anmutung eines anderen Materials. Das irritiert und fasziniert zugleich. Jutta Albert bewahrt gleichnishaft die Erinnerung und arbeitet so gegen das Vergessen. Wer bekommt heute noch handgeschrieben Briefe?

bis 10. Oktober, galerie drei, Prießnitzstraße 43, geöffnet Mi-Fr 15-18, Sa 12-14 Uhr Gespräch der Künstlerinnen am Freitag, 19.30 Uhr

von Karin Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr