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Steffen Pietsch inszeniert "Sechzehn Verletzte" in Freiberg

Steffen Pietsch inszeniert "Sechzehn Verletzte" in Freiberg

Alles könnte perfekt sein: Mahmoud findet eine Arbeitsstelle in einer Bäckerei, verliebt sich in die hübsche, blonde Verkäuferin, versteht sich nach einer gewissen Weile sogar mit seinem alten, einsamen Chef, einem Juden, der sich nur sonntags ein privates Sch(l)äferstündchen mit Sonja gönnt - und wird glücklicher Vater.

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Nächtliche Verzweiflung aus Liebeskummer: Bäcker Hans (Michael Berger) verliert seine Sonja verbal, Nora (Christina Kraft) ihren Mahmoud ganz und gar.

Quelle: D. Müller

Doch Mahmoud kommt aus dem Gazastreifen, hat einen gesprengten Bus und bald eine Synagoge mit sechzehn Verletzten, zehn Toten (samt sich selbst) auf dem jungverbrannten Kerbholz.

Seit Sonnabend läuft Eliam Kraiems in Amsterdam spielende moderne Religionstragödie namens "Sechzehn Verletzte" auch am Mittelsächsischen Theater in Freiberg - und das oft und auf der großen Bühne. Der geschilderten Geschichte voraus gegangen ist als Prolog ein plötzlicher Einfall: Von zwei Hooligans wird der "Kameltreiber" und Ajax-Fan durchs Schaufenster in die Backstube geworfen, just als im Fernsehen das 1:0 für Leeds gegen Chelsea fällt, was Bäckermeister Hans, eigentlich Milan-Anhänger, gelangweilt guckt. Er verarztet und behält den Jungen da, damit dieser seine Spiel- und Fensterschulden abzahlen kann, mählich entspinnt sich eine Onkel-Neffe-Beziehung, obwohl sich der junge Palästinenser ab und an jähzornig bis hilflos gebärdet, aber sukzessive von der reizenden Aushilfe Nora per purer Liebe auf den normalen abendländischen Weg gebracht wird - bis ihn die Vergangenheit so brachial einholt.

Steffen Pietsch inszeniert das Dilemma wohltuend unaufgeregt und ohne Kulissenwechsel in Tilo Staudtes anheimelnd gemütlicher Backstube. Betulich entwickelt sich Geschichte vor der Pause mit seichten Anklängen von Glück hin zur absehbaren Tragödie unter dem vorwändigen Mantel des unvermeidlichen Kulturenkampfes. Der eskaliert nach der Pause doppelt: zum einen, als der junge Araber in seiner Wut über ständig erlebte Unterdrückung mit "Holocoust" und KZ beschreibt. Denn Hans, Mitte 60, hat seine jüdische Identität einst aus Angst vor der Rückkehr seiner Eltern verleugnet, weiß aber aus eigener Erfahrung, was die Begriffe wirklich bedeuten. Zum anderen, als die Entscheidung zwischen privatem Glück und aktivem Widerstand in Form von Bombenlegen ansteht.

Zwei ganz starke Szenen - die eine neue, kraftvoll-politische Qualität im Hause andeuten - bleiben haften: Der freitägliche Abgesang von Hans an seine bezahlte Sonntagsliebe Sonja - grandios hoffnungslos ausgespielt von den immer wieder neu überzeugenden Publikumslieblingen Conny Grotsch und Michael Berger. Und die entscheidend eskalierende Brüderbegegnung zwischen Andreas Jendrusch als Ashraf und Ekrem Ergün als Mahmoud: Der große Bruder zwingt den jüngeren unter erpresserischem Verweis auf den ganz kleinen (inklusive angedrohter Verpetzung beim Mossad) - zur Untat. Auch Christine Kraft als lebensfrohe, blonde Amsterdamer Fast-Ex-Tänzerin, die letztlich vollkommen unschuldig zur tragischsten Figur gerät, ohne das dies gezeigt wird.

Dass dem Stück in deutscher Übersetzung von Bernd Samland etliche Klischees, einige logische Schwächen und auch ein wenig Unkenntnis palästinensischer Gepflogenheiten innewohnen, ist der Inszenierung nicht anzuhaften. So bleiben die Motive von Mahmouds Werdegang vom Terroristen zum Untergrundgutbürger und zurück unhinterfragt und somit schleierhaft. Auch wird nicht dargelegt, warum der Bruder plötzlich auftaucht und woher er alles über den familiären Umgang der Drei aus Backstube weiß. Dennoch: Inszenierung (plus deren häufige Ansetzung) sind ein mutiges und wichtiges Stück Kulturraumtheater. Für Darsteller wie Schauspielliebhaber dürfte das Gastspiel im Rahmen des 7. Sächsischen Theatertreffens am Freitag in Zittau mit wesentlich größerer Bühne als in Freiberg interessant werden. Elmar Mann

nächste Vorstellungen in Freiberg am 8., 13., 15., 20. & 25. Mai sowie am 11. Mai beim Sächsischen Theatertreffen in Zittau

www.mittelsaechsisches-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.05.2012

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