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Stefan Schwarz zündet in der Bibliothek Dresden-Weißig den Witz seiner Kolumnen

Lesung Stefan Schwarz zündet in der Bibliothek Dresden-Weißig den Witz seiner Kolumnen

Zahllos sind die witzig funkelnden Vergleiche, Formulierungen und Sprachspielereien. Sei es die Ehefrau, die ihren Mann anblickt „wie ein verklungenes Bergecho“, sei es die Sportverletzung als die „Königin unter den sozial reputativen Krankheiten“ oder die „altersgerecht verbreiterten Frauenzimmer“. Stefan Schwarz kann zum Schreien böse sein.

Dresden. Auch kleine Stadtteilbibliotheken können expandieren. Die in Weißig hat sich ein benachbartes Büro einverleiben dürfen. Nach dem Umbau hat Leiterin Maike Schwarze jetzt hinreichend Platz für Lesungen, selbst für solche, wo Zuhörer in Scharen anrücken. Mit dem Berliner Autor Stefan Schwarz hat sie das zur Wiedereröffnung getestet. Dessen lustige Romane, mehr noch seine erfrischenden Kolumnen in der legendären Zeitschrift „Das Magazin“ - einer publizistischen Überlebenskünstlerin aus DDR-Zeiten - haben ein beträchtliches Fanpublikum.

In Weißig haben sie deshalb vorsichtshalber mit den Reservierungen bei 60 Schluss gemacht - und dann 90 Stühle aufgestellt. Die waren bis auf ein paar ganz hinten besetzt. Künftig wissen wir also: Gleich welcher Wort-Star dort auftritt, man kommt immer noch rein.

Auffällig war die fünffache zahlenmäßige Überlegenheit der Besucherinnen. Männer erschienen fast ausnahmslos im Schlepptau einer Frau. Die meisten vermutlich zum ersten Mal. An der Art des Lachens war es zu erkennen. Männer: überraschtes Glucksen. Frauen schüttelten sich kennerhaft nickend, Tränen aus den Augenwinkeln wischend.

Man kann ja gar nicht anders bei diesen Texten über die gefährlichen Untiefen des Familienalltags aus männlicher Sicht. In denen gibt es kaum einen Satz, wo man mal zum Luftholen kommt. Fast jeder ist eine Pointe.

Manche möchte man glatt an hellgraue Hauswände sprühen: „Menschen verwandeln sich durch Scheidung in die Menschen, die sie hätten sein müssen, um ihre Ehe zu retten.“ Oder den: „Männer können nur abstellen, während Frauen hinstellen und aufstellen.“ Den einen oder andern hätte man gern dabei, um ihn bei unvermeidlichen Gelegenheiten zur Notwehr einsetzen zu können. Den etwa: „Dies könnten genau die zwei Stunden werden, die mir mal am Ende des Lebens fehlen.“

Zahllos sind die witzig funkelnden Vergleiche, Formulierungen und Sprachspielereien. Sei es die Ehefrau, die ihren Mann anblickt „wie ein verklungenes Bergecho“, sei es die Sportverletzung als die „Königin unter den sozial reputativen Krankheiten“, der auf dem Sofa lungernde „Kronsohn“ oder die „altersgerecht verbreiterten Frauenzimmer“. Stefan Schwarz kann zum Schreien böse sein.

Aber er kann auch Liebeserklärungen an seine mit ihm älter werdende Frau verschenken, die jede zum Dahinschmelzen bringen dürften - die von den Fältchen als kleinen Häkchen an den schönsten Stellen im Gesicht zum Beispiel. Man lese das besser nach in seinem jüngsten Band „Wir sollten uns auch mal scheiden lassen“.

Er kann uns Modewörter neu drapiert servieren, wenn es etwa in einem Wohnzimmer zwischen Herrn und Frau Dinkelkeks heftig „zu gendern“ beginnt. Und er treibt das kultische Gebaren moderner Großstädter sprachlich in den Irrwitz. Wenn er zum Beispiel von der fraueninternen Feier der ersten Regelblutung erzählt und darüber nachsinnt, wie der Eintritt in die Geschlechtsreife adäquat bei Männern zu zelebrieren wäre. Oder wenn er die pure Lebensenergie von Smoothies, also diese von Hochleistungsmixern zu trinkbarer Konsistenz zermatschten Früchte, buchstäblich explodieren lässt. Schwarz-Texte, mindestens einmal monatlich zu sich genommen, wirken garantiert verkrampfungslösend und anhaltender als jedes Antidepressivum.

Stefan Schwarz: Wir sollten uns auch mal scheiden lassen. Seitenstraßen-Verlag. 128 S., 9,90 Euro

Von Tomas Gärtner

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