Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
"Ständiger Karneval" - Im Ständehaus erinnert eine Ausstellung an Pöppelmann und den Wiederaufbau seines wichtigsten Werks: des Zwingers

"Ständiger Karneval" - Im Ständehaus erinnert eine Ausstellung an Pöppelmann und den Wiederaufbau seines wichtigsten Werks: des Zwingers

Nach 200 Jahren seiner Existenz zeigte der Zwinger zu Beginn des 20. Jahrhunderts unübersehbare Spuren des Verfalls. Diese wurden - wie im Nymphenbad - teils romantisierend vertuscht.

Ein altes Foto von 1924 von der Westseite zeigt die Kaskade von Schlingpflanzen überwuchert, eine geschlossene Steinbrüstung statt der Balustrade. Und im Hof des Nymphenbads ist kein Wasserbecken, sondern eine Rasenfläche.

Noch gravierender waren die Schäden am Sandstein, die geradezu nach konservatorischen Maßnahmen schrien. Unter Leitung von Hubert Ermisch wurde der Zwinger zwischen 1924 und 1936 in einem bis dahin in diesem Umfang saniert. Es war die vierte Zwingerrestaurierung, mit ihr wird erstmals auch von einer Bauhütte die Rede sein.

Eine Ausstellung im Landesamt für Denkmalpflege (LfD), die anlässlich des 350. Geburtstages von Matthäus Daniel Pöppelmann am 3. Mai 2012 Einblicke in Restaurierung und Wiederaufbau des Zwingers gibt, zeigt Bauaufmaße, Werkzeichnungen und Fotos auch aus dieser Epoche. Ermisch unterzog das Bauwerk einer statisch-konstruktiven Konsolidierung, so wurden die schädlichen Ölfarbenanstriche des 19. Jahrhunderts mit einer eigens dafür entwickelten Paste entfernt. Damals der neueste Stand der Technik, mittlerweile verantwortlich für ein Hauptproblem unserer Tage: die hohe Belastung mit Salzen, die damals beim Absaugen der Ölfarbe eingetragen wurden.

Nymphenfigur hatte ein Vorbild aus Fleisch und Blut

Bis 1936 wurde auch der im Laufe der Zeit stark ausgedünnte Bestand mobiler Skulpturen ergänzt. Dabei nutzte man, so Michael Kirsten, Leiter der Abteilung Gebietsdenkmalpflege im LfD, "die Möglichkeit der Kopie erhaltener Originale, erlaubte sich allerdings auch Ergänzungen im Duktus des Neobarock, der noch heute sehr deutlich den Zeitstil der 20er bzw. 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts reflektiert". In dieser Form bestückte man die nördlichen Nischen im Nymphenbad und die stadtseitige Attika des Glockenspielpavillons. Die Bildhauer studierten dafür am lebenden Modell. Die "Große Nymphenfigur mit überkreuzten Beinen" hatte ein Vorbild aus Fleisch und Blut, das im Evaskostüm den Bildhauern Georg Wrba und Alexander Höfer Modell stand.

Natürlich informiert die Schau über Pöppelmann, der aus Westfalen stammte und 1680 im Alter von 18 Jahren nach Dresden kam und dessen Laufbahn zunächst als unbezahlte Hilfskraft im sächsischen Bauamt begann - und dies über sechs Jahre. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit dem Bau von Bürgerhäusern. Grundsätzlich ist es falsch, das Schaffen Pöppelmanns auf den Zwinger zu reduzieren, aber es ist nun mal sein Hauptwerk - und so umfassend dokumentiert, dass eine Ausstellung locker zu bestücken ist.

Die Schau stellt den Zwinger sowohl im Kontext zeitgenössischer Entwürfe, Stiche und Gemälde als auch im Hinblick auf dessen mehr als 300-jährige Geschichte vor, die nicht spurlos an dem hochkarätigen Zeugnis barocker Festarchitektur vorbeiging. Jede Zeitschicht zeuge, so Kirsten, "von Wert- und Stilvorstellungen der jeweiligen Generation". Der Zwinger hat, was gern vergessen wird, nicht nur Zeiten der Wertschätzung, sondern durchaus auch der Verachtung durchlaufen.

Das Selbstverständnis des Architekten und seiner Zeitgenossen sowie ihr eigener Blick auf die bis 1729 vollendeten Baukörper bezeugen die in der Ausstellung vorgestellten Blätter aus dem Kupferstichwerk, dessen Frontispiz auch für diese Ausstellung wirbt. In 22 Stichen hat Pöppelmann hier sein unstrittiges Hauptwerk publiziert. Die Stiche zeigen neben der bis dahin schon aufgeführten Architektur auch nie verwirklichte Entwürfe für einen viel größer geplanten Gesamtkomplex, der nur im Hinblick auf die Absicht des geplanten, aber nie vollendeten Schlossneubaus verständlich wird. Zwei Erweiterungsvarianten werden im Rahmen der Ausstellung gezeigt. Im Vorwort des Kupferstichwerks wird der Neubau u.a. auch im Hinblick auf seine Erlebnisqualität gepriesen: "Die sämtlichen Gebäude sind durch eine rings herum geführte Galerie miteinander vereiniget, darauf findet man nicht nur die schönsten Spatzier-Gänge, nach der Ordnung gesetzte Linden-Reihen, grüne Wälle, anmuthige Gebüsche, Wasser-Fälle, Spring-Brunnen, Bild-Säulen, Blumen-Töpffe, Graß-Bäncke und dergleichen, sondern es pflegen auch in diesem mitten in der Stadt und ganz nahe am Schloss liegenden Garten, bey angenehmer Jahres-Zeit, biß in den späten Abend die vornehmsten Dames und Cavaliers vom Hofe und viele Einwohner der Stadt spatzieren zu gehen, welche sich an den lustigen Aussichten nach allen vier Himmels-Gegenden, daselbst ergötzen".

Pöppelmann bezeichnete den Zwinger als eine "Römische Schauburg". Doch er ist mehr. Hermann Heckmann, Architekt, Maler und Autor zahlreicher Bücher zur Architekturgeschichte, würdigte ihn als "eine einmalige Symbiose von Orangerie und Festplatz, von Skulptur und Architektur, von Illusion und Wirklichkeit. Er barg Orangenbäume und diente zugleich als Kulisse für Hoffeste; er lebt vom Figurenschmuck Permosers und weiterer Bildhauer und beeindruckt zugleich durch seine räumliche Wirkung; er ist Karneval, ständiger Karneval, ist Illusion und Wirklichkeit zugleich".

Weiß übertünchtes Deckengemälde

Dies wurde in besonderem Maße auch in den Festsälen der Pavillons deutlich, unter denen der Marmorsaal und der Festsaal im Mathematisch-Physikalischen Salon herausragten. Eine Gouache von Otto Ewel vermittelt einen Eindruck von der Ausstrahlung, die der Marmorsaal mit seinem durch Heinrich Christoph Fehling bemalten Plafond, dem reichen Kranzgesims, der Marmorverkleidung aller Pilaster, Sockel und Brüstungsfelder besaß.

Ein Schnitt durch beide Pavillons zeigt die nur vom Hof genutzten Säle, unter anderem auch den Festsaal im Mathematisch-Physikalischen Salon, dessen Deckenbild von dem aus Paris berufenen Hofmaler Louis des Silvestre gestaltet wurde. Während Fehling das Motiv des Herkules Saxonikus in den Mittelpunkt seiner Komposition stellte, interpretierte Silvestre die Geschichte des Apuleius' von der Liebe Amors und der Psyche. Keines der Deckenbilder überlebte die Zerstörungen des 13. Februar 1945. Fotos der Vorkriegszeit legen einzig Zeugnis ab von einstiger Pracht und Herrlichkeit. Das Deckengemälde Fehlings war, wie man erfährt, erst 1936 freigelegt worden, nachdem es Ende des 19. Jahrhunderts aus welchen Geschmacksverirrungen heraus auch immer weiß übertüncht worden war.

Nach der Zerstörung mussten Ermisch und viele Mitstreiter noch mal ran, dieses Mal ging es nicht um Sanierung, sondern Rekonstruktion des Zwingers.

Vom Stolz der Retter zeugt eine Urkunde, die am 19. Juli 1947 in der Kuppel des Kronentores hinterlegt wurde. Dort heißt es: "In schweren Nachkriegswirren im Jahre 1947 wurde der erste Turm in der zerstörten Stadt wieder aufgebaut. Trotz schweren Nahrungssorgen und großem Mangel an Baumaterial wurde die Arbeit geleistet. Es arbeiteten an diesem Werk mit allem Fleiß, mit aller Hingabe und mit dem festen Glauben an eine bessere Zukunft..." 1963 war das Werk vollbracht, der Zwinger fertig. Beim Wiederaufbau wurde, wie einer Tafel zu entnehmen ist, die tradierte Bezeichnung Zwingerbauhütte weiterhin genutzt. Nach dem Tod Ermischs wurde 1951 Arthur Frenzel als Zwingerbaumeister berufen, die Gruppe bestand fort, wurde 1968 dann aber in die "Bauabteilung für kulturhistorisches Bauen Dresden" umgewandelt. 1991 erfolgte, wie einer Tafel zur Geschichte der Zwingerbauhütte zu entnehmen ist, die Neubegründung der Zwingerbauhütte als Teil des Staatlichen Hochbauamtes, des heutigen Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement, Niederlassung Dresden I. Christian Ruf

Bis 9. März im Ständehaus, Schlossplatz 1, Mo bis Do 10 bis 18 Uhr, Fr 10 bis 17 Uhr

19.1., 17 Uhr: "Gartenskulpturen des sächsischen Barocks - Mobilität, Ikonographie, Farbfassung und andere Aspekte der denkmalpflegerischen Praxis" lautet der Titel eines Vortrags von Hartmut Ritschel. Er berichtet über deren Bestand, Fragen der Ikonographie, Farbfassungen und den weiteren Umgang im Wandel der Zeit. Zahlreiche Werke haben ihren ursprünglichen Standort verändert oder wurden durch Kopien ersetzt. Heute konzentrieren sich die denkmalpflegerischen Bemühungen auf die Konservierung des überkommenen Bestandes. (Eintritt frei)

15.2., 17 Uhr: Arndt Kiesewetter äußert sich zur Konservierung und farblichen Aufhellung des Figurenschmucks am Dresdner Zwinger

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.01.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr