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Städtische Galerie Dresden zeigt Werke von Wilhelm Rudolph

Städtische Galerie Dresden zeigt Werke von Wilhelm Rudolph

Wilhelm Rudolph (1889-1982) ist mittlerweile eine Art "Legende". Sein Werk reifte über einen Zeitraum von etwa 70 Jahren. Vier Systeme - das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazizeit, die DDR - prägten dieses lange Leben, das in der Familie eines Chemnitzer Webstuhlschlossers begann.

Überliefert ist ein eigenwilliger Charakter, der "legendäre" Freund-Feindschaften pflegte und dessen Biografie auch "Irrungen und Wirrungen" kennt: unter anderem eine Kurzmitgliedschaft in der KPD, eine ebensolche in der Nazipartei 1931/32, der ein erneuter Eintritt 1933 folgte, der wiederum 1935 von Parteigremien annulliert wurde. Zu den Nazis gepasst hat er nicht, wie der Verlust seines Lehramtes an der Dresdner Kunstakademie 1939 zeigt. Ein weiteres Mal verlor er es 1949, weil er sein zweites NSDAP-"Abenteuer" verschwiegen hatte. Manches Handeln Rudolphs kann man vielleicht mit dem Streben nach Anerkennung erklären, von der zu DDR-Zeiten unter anderem zwei Nationalpreise und die Karl-Marx-Städter Ehrenbürgerschaft zeugen.

Sein Werk jedenfalls erreichte in vielem eine bewundernswerte Vollendung. Einen besonderen Platz nehmen die Holzschnitte ein, darunter jene, die er dem zerstörten Dresden widmete. Zuvor schon waren etwa 200 Rohrfederzeichnungen entstanden, davon mehr als 50 bis zum 7. Mai 1945. Rudolph, der am 13./14. Februar selbst ausgebombt wurde, nur einige Druckstöcke retten konnte und Gemälde, die er zuvor ausgelagert hatte, vollbrachte damit - auch innerhalb der Dresdner Künstlerschaft, die sich mehr oder weniger mit dieser Zerstörung auseinandersetzte - eine singuläre Leistung. Diese schließt die Folge "Aus" ein, die die "Menschentrümmer" (ein Wort von Rudolph) des Zweiten Weltkrieges festhielt.

Viele Ältere werden sich an das zu DDR-Zeiten erschienene Bändchen erinnern, das dem 1972 vollendeten, 55 Holzschnitte umfassenden Zyklus "Dresden 1945" gewidmet ist - ein Kunstbüchlein für alle, zum kleinsten Preis. Mögen bei seiner Herausgabe an "höherer Stelle" auch ideologische Erwägungen eine Rolle gespielt haben - wer wollte, hatte damit einen der Großen der Kunst des 20. Jahrhunderts im Bücherregal. Diese Werke stehen mit Dix' Schützengraben-Blättern von den Fronten des 1. Weltkrieges und dessen nachfolgendem Zyklus "Der Krieg" auf einer Ebene. Gleichwohl ist verständlich, wenn Rudolph, von dem übrigens kaum künstlerische Umsetzungen seiner Erlebnisse des Ersten Weltkriegs bekannt sind, nicht auf die Trümmerblätter reduziert werden wollte.

Diese Positionierung bestätigt sich in den jüngst eröffneten Dresdner Ausstellungen, die an den diesjährigen 125. Geburtstag des Künstlers (22. Februar) anknüpfen. Die Städtische Galerie zeigt unter dem Motto "Das Phantastischste ist die Wirklichkeit" 28 Gemälde und 89 Holzschnitte. Sie spannen den Bogen vom expressionistisch beeinflussten Frühwerk über die Entwicklung und die Variationen des für Rudolph charakteristischen Realismus bis zu späten Rückblicken auf impressionistische Traditionen. Seit rund 30 Jahren hat Dresden damit wieder eine museale Rudolph-Ausstellung - gemeinsam vorbereitet mit dem Spendhaus Reutlingen.

Die "Fahne hoch gehalten" hat zwischenzeitlich die Mitte der 1990er Jahre aus Ravensburg zugewanderte Galerie Döbele, die 1982 ihre erste Einzelausstellung mit Werken des Künstlers startete. Zuvor hatte es in der BRD bereits Präsentationen in Stuttgart (1965) und Düsseldorf (1975) gegeben (Für letztere hatte sich Rudolphs einstiger Meisterschüler Gotthard Graubner engagiert). Die Schau in der Städtischen Galerie wird nun ebenfalls von Döbele unter dem Motto "Wilhelm Rudolph. Widerspruch und Widerstreit" flankiert. Neben Gemälden, darunter das wunderbare Bild "Großer Garten" (1955), sind eine große Anzahl Holzschnitte sowie - darauf hat die Städtische Galerie bewusst verzichtet - Aquarelle und Zeichnungen zu sehen.

In der Summe entsteht die ansehnliche Würdigung eines Künstlers, der sprichwörtlich bis kurz vor seinem Tod tätig war. So mag man kaum glauben, dass das Gemälde "Till" (1981) ein 92jähriger malte. Man kann das Bild durchaus als ein Vermächtnis ansehen, wurde es doch auf der IX. Kunstausstellung der DDR präsentiert - eröffnet einen Tag nach Rudolphs Tod. Es ist ein Beispiel für die bis ins hohe Alter anhaltende schöpferische Kraft des Künstlers, der ein gefragter Porträtist war - in der DDR auch im öffentlichen Auftrag. Hatte er in den 1930er Jahren - ganz entgegen dem Menschenbild der Nazis - etwa wenig "heldische", aber eindrucksvolle Lumpensammler gemalt, entstanden nach 1945 auch Prominentenporträts, darunter von Martin Andersen Nexö (1952), mit dem der Maler wohl ein besonders gutes Einvernehmen fand. 1966 saß ihm Walter Ulbricht sechs Mal eine Stunde Modell. An seine Grenzen kam der Künstler mit steif bleibenden Kollektivporträts. Als Ganzes "steht" Rudolphs Werk gleichwohl bis heute.

Darin inbegriffen - man kann das alles in der Städtischen Galerie auch dank der vielfältigen Leihgaben bewundern - sind eindrucksvolle expressionistisch geprägte Gemälde und Holzschnitte, die mit ihren engen, den Menschen kaum Platz lassenden Räumen, wohl auch frühe Lebenserfahrungen des Künstlers spiegeln ("Im Eisenbahnabteil IV. Klasse", um 1919), zudem Realistisch-Sachliches wie "Nächtliche Landschaft mit Bagger" (1930). Über lange Zeit war auch die Tierdarstellung - gemalt oder in Holz geschnitten - fester Bestandteil seines Schaffens. Auffällig sind die zahlreichen, eindrucksvollen Bildnisse von Hyänen, wovon ihm ein Exemplar in frühen DDR-Zeiten eine heute kaum nachvollziehbare, von Lea Grundig ausgelöste Debatte um "sozialistisch-realistische Kunst" einbrachte. Ganz berührt dürfte mancher von Bildern wie "Elbe mit Eis" (nach 1945) oder "Weg mit Birken"(um 1950) sein. Solche Sujets finden ihre Parallelen bis in späte, fast impressionistische Holzschnitte vom Tolkewitzer Friedhof sowie lebendige Aquarelle aus dem Großen Garten und aus Großsedlitz.

Wilhelm Rudolph gehört zu den großen Künstlergestalten Dresdens, die auf die eine oder andere Art - an der Hochschule waren seine Klassen die am besten besuchten - Generationen beeinflussten. Der von der Städtischen Galerie herausgegebene Katalog enthält so auch Erinnerungen (Karl-Heinz Adler, Elke Hopfe) sowie Überlegungen zur heutigen Relevanz Rudolphs (Olaf Holzapfel, Frank Lippold). Der Mann mit dem Rucksack, wie man den alten Künstler kannte, ist so in der einen oder anderen Weise gegenwärtig.

Städtische Galerie: bis 11. Januar Di bis Do, Sa/So 10 bis 18 Uhr, Fr bis 19 Uhr, Mo geschlossen Katalog 22 Euro; die Ausstellung wird 2015 in Reutlingen gezeigt. Kunstgespräch: 8. Januar, 16.30 Uhr www.galerie-dresden.de

Ausstellung Galerie Döbele. bis 20. Dezember, Pohlandstraße 19, Mi bis Sa 12 bis 18 Uhr www.galerie-doebele.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.11.2014

Von Lisa Werner-Art

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