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Staatsschauspiel präsentiert zur Adventszeit Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“

Theater Staatsschauspiel präsentiert zur Adventszeit Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“

Das Staatsschauspiel präsentiert zur Adventszeit Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“. Die diesjährige Kinder- und Familieninszenierung des Staatsschauspiels feierte am Mittwochabend Premiere im Schauspielhaus und wurde von Besuchern jeder Altersstufe enthusiastisch gefeiert.

Das Staatsschauspiel präsentiert zur Adventszeit Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“

Quelle: David Baltzer

Dresden. Ein Held in der Obhut herzloser Pflegeeltern, der noch rechtzeitig seine wahre Bestimmung erfährt, bewaffnet mit Tarnumhang und Schwert sowie mit Busenfreund und tierischem Kompagnon an seiner Seite einen Tyrannen bezwingt? Da dürfte sich das Publikum schon in zwei Lager teilen: diejenigen, die bei dieser Beschreibung zuerst an Harry Potter, und diejenigen, die zuerst an seinen geistigen Ahnherren in Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“ denken. Beiden Gruppen sei ein Besuch der diesjährigen Kinder- und Familieninszenierung des Staatsschauspiels ans Herz gelegt, die am Mittwochabend Premiere im Schauspielhaus hatte und von Besuchern jeder Altersstufe enthusiastisch gefeiert wurde.

Es ist eine archaische und häufig wieder aufgelegte Geschichte, die Lindgren ihrem 1954 erschienenen Märchen zugrunde legt. Seine Verfilmung dürften viele in West wie Ost noch in Erinnerung haben, sei es im Gedenken an Christopher Lees diabolischen Ritter Kato oder an den jungen Christian Bale, der später zum erfolgreichsten Kino-Batman werden sollte – noch so ein Patient aus Freuds „Familienroman der Neurotiker“, noch so ein Waisenkind, das sich zu Höherem berufen wähnt. In Lindgrens Werk fällt „Mio, mein Mio“ komfortabel zwischen den entfesselt-anarchischen Optimismus von „Pippi Langstrumpf“ und die leise Trauer der „Brüder Löwenherz“, wo der Eskapismus durchweg gebrochen ist. Auch wenn die Autorin im Kommentar zu ihrem „Mio“ betont, die Erwachsene in ihr mache sich keine Illusionen darüber, dass ihr Held Bosse lediglich in seiner Fantasie ein Königssohn ist, in Wirklichkeit aber ein gescheiterter Außenseiter bleibt – für die Dauer der Reise obsiegt die Perspektive des Kindlichen. Thomas Kitsche spielt den Bosse berührend als großäugiges Sehnsuchtskind, an seiner Seite agieren Valentin Kleinschmidt, Jannik Hinsch und vor allem Christian Clauß (der seinem famosen Truffaldino im „Diener zweier Herren“ eine weitere akrobatische Leistung folgen lässt) als quicklebendige Bande, die sich auf der Insel der grünen Wiesen mit Spiel, Eierkuchen und Flötenmusik die Zeit vertreibt. Wie schon bei Peter Pans verlorenen Jungs gibt es kaum Platz für Mädchen (was im episodischen Reigen an weiblichen Rollen anfällt, meistern Alexandra Sinelnikova und Angela Schlabinger souverän), aber auch das ist ja ein Kommentar zum kindlichen Paradies vor den pubertären Einschlägen.

Natürlich ist das Idyll nicht von Dauer – auch Bosse kann sich dem „Wald der Dunkelheit“ nicht entziehen und muss den Tyrannen bezwingen. Jasper Diedrichsen gibt ihn als Metal-Dämon mit Gene-Simmons-Anklängen und sorgt dafür, dass der Schurke nachwirkt, auch wenn er (genauso wie Christian Mark als König und Schwertschmied) nur Kurzauftritte hinlegt. Matthias Reichwald (der als Ensemblemitglied bereits Schwergewichte wie den Alkoholiker Brick in der „Katze auf dem heißen Blechdach“ oder Shakespeares Shylock bewältigt, aber noch nicht viele Regiearbeiten vorgelegt hat) inszeniert die Abenteuerreise mit beeindruckend sicherer Hand. Die vielleicht nur von Bosse imaginierte Wirklichkeit mag letztlich immer wieder auf ihre Zweidimensionalität und Kulissenschieberei zurückfallen, aber sie ist herrlich multisensorisch gestaltet, lässt sich erhören und erriechen.

Reichwald hat in TOTO und Andreas Barkleit fabelhafte Mitstreiter, die mit ihrer klug ausgetüftelten Bühne bzw. ihren virtuosen Lichteffekten vielerlei Kabinettstücke aus der theatralen Trickkiste aufbieten, ohne den Abend zu bloßer Effekthascherei verkommen zu lassen. Zu dick aufgetragen wird nur an wenigen Stellen: Der Bühnennebel wabert arg suppig, und Michael Kesslers Musik leistet vor allem das Erwartbare: zarte Lautenklänge (dargeboten von Sabine Volkmann-Goldammer) für das Reich der Träume und Ideen, derbere Metal-Riffs für Katos „Ketten aus Hass“. Dagegen überrascht jede Szene aufs Neue mit visueller Originalität und pointierten Regie-Einfällen – dominiert zu Beginn noch der gesprächige Kommentarstil, wie er auch andere Romanadaptionen am Staatsschauspiel (etwa Matthias Hartmanns „Idiot“ nach Dostojewski) auszeichnet, geraten Jung wie Alt bald ins Staunen über Falltüren, Pyrotechnik und Drehbühne, den klugen Einsatz von Höhenunterschieden und Perspektivität, die Minion-artigen tumben „Späher“ in Diensten Katos, die mit einem Lichtkegel witzig umgesetzte Unsichtbarmachung des Helden und die den Pferderitt simulierenden Einrad-Künste der Schauspieler, die sogar „über die Wolken galoppieren“ können.

Ein klug ausgedachter, spannender Theaterblockbuster, ein schöner Stoff zur Weihnachtszeit. Vom Kampf gegen einen Despoten mit steinernem Herzen, der die Freude vertreibt und keine Eindringlinge mag – natürlich nur ein Märchen.

nächste Aufführungen: 26.-28.11., 4.-9.12.

Von Wieland Schwanebeck

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