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Staatsschauspiel Dresden startet mit Gartenfest und „Ralf – Die Abenteuer von 60 Minuten“ in die Saison

Uraufführung von Lisa Danulat Staatsschauspiel Dresden startet mit Gartenfest und „Ralf – Die Abenteuer von 60 Minuten“ in die Saison

Just acht Wochen war Ruh’, nun hat Dresden sein freistaatliches Schauspiel wieder voll in Aktion. Die erste Uraufführung in Regie von Sapir Heller führte im Kleinen Haus in Vergangenheit wie Gegenwart zugleich. Das Stück heißt „Ralf – Die Abenteuer von 60 Minuten“.

Lucie Emons (Lynn), Annedore Bauer (Kate Tanner), Benjamin Pauquet (Ralf), Christian Freund (Willie Tanner), Thomas Schumacher (Brian)
 

Quelle: Krafft Angerer

Dresden.  Just acht Wochen war Ruh’, nun hat Dresden sein freistaatliches Schauspiel wieder voll in Aktion. Die erste Uraufführung in Regie von Sapir Heller (Bühne und Kostüm Ursula Gaisböck) führte im Kleinen Haus in Vergangenheit wie Gegenwart zugleich. Das geschah frei nach dem Motto: Stell’ Dir vor, es gäb’ Außerirdische, die so ticken wie wir und wären plötzlich hier. Als Stück heißt das Gedankenexperiment „Ralf – Die Abenteuer von 60 Minuten“, dauerte deren lange 75 und spielte mit dem Sujet einer bekannten US-amerikanischen Serie vom Planeten Melmac.

Jener heißt heuer und hier Ralf und ist in Form von Benjamin Pauquet echt ausgewachsen und menschlich haarlos. Dafür ist er – so die Abstraktion von Autorin Lisa Danulat – als Flüchtling echt wissbegierig und fleißig. Und da das Ganze im Deutschland Mitte der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts angesiedelt wird, sind die Tanners eine typische vierköpfige Familie mit Eigenheim, wo jeder in seinem dunklen Zimmer hausen kann und die Kinder keinerlei Einrichtung jenseits eines großen Röhrenfernsehers haben. Einziges Problem für die Eltern scheint der regelmäßige Kontakt mit dem Jobcenter behufs Hartz-IV-Bezug zu sein, ansonsten reden sie laut über den fiktiven Vorgarten hinweg oder führen Selbstgespräche zum Zuschauer hin.

Genau hier landet der Fremde im schicken Felddienst-Outfit, mit Turnschuhen, roten Socken sowie Rucksack vorm Bauch plus freiem Oberkörper und kommt der Familie gerade recht gegen ihre quälende Langeweile – als willfähriges Opfer. Vor allem Vater Willie, gespielt von Christian Freund, der (dank vieler unbekannt bleibender Ideen) im Klebezettelzimmer wohnt, hat Freude am Eindringling, spricht dieser doch von Natur aus sehr gut Deutsch und kann sofort für ihn arbeiten, also nächtens ungesehen jobben gehen, was der Neugierige gern tut, weil er so die Welt begreifen kann. Mutter Kate, alias Annedore Bauer, die mit Glatze echt außerirdisch aussieht, pflegt ihre Perücken und ihre Ressentiments gegen das Fremde an sich, das sich nun personalisieren lässt. Ihre Aufgabe besteht ansonsten in Kritik an Mannes Müßiggang. Auch die beiden Kinder tun nichts Gescheites: Lucie Emons darf als Tochter Lynn in steter Schleife mit neuen Liedern und schrägen Klamotten singend das Deutschtum dissen, ihr Bruder Brian, eigentlich 16, bekommt ständig fiktiven männlichen Besuch. Dabei darf Thomas Schumacher seinen Körper in fast purer Schönheit räkeln, auch mal in Alfs Felljacke mit diesem ausgehen und etwas Neues in Sachen Liebe lehren – bevor auch dieser ihn sofort langweilt. So geläutert, will Ralf, vermutlich die Abkürzung für Reality Alien Life Form, der anfangs kein zu Hause mehr zu haben vorgibt, schließlich dann doch dorthin zurück …

Die Namen der Figuren – bis auf Ralf im englischen Original – tauchen dabei nur auf dem Programmzettel und nicht im Stück auf, es gibt auch sonst keinen direkten Bezüge. Das ist nachzuvollziehen, da die Rechtefrage am Original wohl schwierig und Lisa Danulat sowieso keine Hommage an die knuddelige Haustiermixtur im Sinne hat, der vier Jahre eine typisch amerikanische Mittelstandsfamilie beglückt, aber als Serie im Raum Dresden dank Senderreichweite und späteren Wendeproblemen nie die Wirkung entfaltete wie bei der produzierenden Westjugend.

Passend dazu der Schluss: Nun darf das Töchterlein mal mit Alfralf spielen, angesichts der Vorgeschichte freut man sich nun auf überirdischen Sex mit der frühreifen Emanze. Doch sie schauen nur gemeinsam mit dem Publikum in die vier Röhren der Tanner-TV-Zeit und sehen des echten Alfs Erlösung – wobei die weißen Polizisten bei der Verhaftung hier noch nicht auf alles Fremde schießen.

Diese Klammer – die Ausschnitte von Alfs Landung und Ende – funktioniert, eine nachhaltige Botschaft der durchaus von allen intensiv gespielten Episode will sich trotz lebhaften Premierenapplaus nicht einstellen. Noch schlimmer wäre es aber, wenn die beispielhafte Tradition der Dresdner Programmhefte nun abrupt endete, die bei fast allen Uraufführungen den Text und viele gute Fotos enthielten. Stattdessen gab es einen gefalteten Handzettel, bei dem eine Seite als schmuckloses A3-Plakat verschwendet wird, während die andere jenseits der Namen nicht viel Relevantes jenseits der Inspirationserklärung seitens der Autorin verrät.

Startfest im Palais

Garniert wurde das Startwochenende von plötzlich per Stadtfest suggerierter Terrorgefahr, die auch das Schauspiel durch Warnhinweise erfasste: Mehr Zeit bei der Anreise einplanen – was am Sonnabend im Kleinen Haus und erst recht einen Tag zuvor im Großen Garten natürlich völlig obsolet war. Dort fand freitags nach vier das Eröffnungsfest bei herrlichem Wetter statt, weil das Große Haus noch bis Ende Oktober im Umbau ist. So ist hier – neben anderen – das Palais als Interimsspielstätte eingerichtet und erlebt am Donnerstag mit Horváths „Zur schönen Aussicht“ echt spannenden Stoff und mit Susanne Lietzow eine bekannte Regisseurin.

Das Bühnenbild und die Optik des Zuschauerraums gab es bei freiem Eintritt – und erste Ausschnitte, vom neugierigen Publikum ebenso gut angenommen wie Schnäppchenkartenvorkauf für die ersten zweieinhalb Wochen. Höhepunkt die Präsentation von Martin Heckmanns neuem Werk „Mein Herz ist rein“, das am 11. September im Schlosstheater seine Uraufführung erfährt. Wenn Wort- wie Szenenwitz und Tempo des gebotenen Ausschnitts, wo eine Elterngruppe die vermeintlichen Pornovideos ihrer plötzlich ebenso wandernden Kids auswerten, gehalten werden kann, dann dürfte es ein genüsslicher Abend werden – wohl anzusiedeln zwischen „Der Gott des Gemetzels“ und „Frau Müller muss weg“.

Abschließend gab es draußen auf der großen Bühne die erste Folge der Fortsetzung des Wunschkonzertes, das nach Abwanderung von André Kaczmarczyk unter logischer Leitung von Thomas Eisen steht und mit den beiden Dekadance-Gitarristen Marc Dennewitz und Tom Götze in der Begleitband echt stark besetzt ist. Es ging um „Lieder meiner Reise“ wunschgemäß zugeschnitten auf und dargeboten von vier neuen Schauspielern als Battle, wobei die Variante der Sieger einer ganz anderen Interpretation bedarf. Da aber die vom Publikum zurecht abgewählten Interpreten von Rio Reiser (an dessen 20. Todestag!) und Prince noch einmal (und noch schlimmer) ran durften, hatte die gutgemeinte Sache dann doch den Touch der Leichenfledderei, während Paula Skorupa und Sebastian Paas zu Recht gewannen. Die nächste Folge ist am 27. September – dann mit „Lieder meines Rausches“ im Kleinen Haus, wobei Wunschtitel willkommen sind und auch selbst gesungen werden darf.

„Ralf“ im Kleinen Haus 3 am 26. August sowie 1., 9., 10., 15. und 21. September (je 20 Uhr)

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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