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Staatsschauspiel Dresden setzt weiter auf Weltläufigkeit

Spielplan 2016/2017 Staatsschauspiel Dresden setzt weiter auf Weltläufigkeit

Große Umbaupause im Sommer, mehrere Ausweichspielstätten, umfangreiches Programm: So liest sich die Saison 2016/2017 fürs Staatsschauspiel Dresden. Nicht weniger als die Frage um die Zukunft Europas und wie sie gestaltet werden kann steht im Mittelpunkt der Spielzeit. 34 Premieren, davon 14 Uraufführungen, sind geplant.

Interimsintendant Jürgen Reitzler und Chefdramaturgin Beate Heine stellten den Spielplan vor.

Quelle: Daniel Koch

Dresden. Frühling soll sein, er fühlt sich aber etwas mager an. Noch nicht ganz da, der Geselle. Der Winter hat, zumindest in den Höhen, kurz und heftig zurückgeschlagen. Zwischenzeit, Übergang. Das Eine im Gehen begriffen, das Andere im Ankommen.

Wilfried Schulz ist längst auf dem Weg, gedanklich, planerisch. Nächste Station Düsseldorf. Dort hat er heftig zu tun, das Schauspielhaus wieder auf die Beine zu bringen. Joachim Klement, der Schulz wiederum am Staatsschauspiel Dresden als Intendant beerbt, hat noch ein Jahr in Braunschweig zu arbeiten, kommt erst 2017. Bis dahin bleibt hier eine Theatersaison, die angemessen zu füllen ist. Bestenfalls Scharnier, schlechtenfalls Stiefkind. Zwischenzeit, Übergang.

Die Zweifel an solchen Noch-nicht-hier-noch-nicht-da-Zeiten will Jürgen Reitzler („das ist meine erste und meine letzte Pressekonferenz“) beiseite wischen. Er ist Interimsintendant und künstlerischer Betriebsdirektor des Staatsschauspiels. Am Mittwoch an seiner Seite: Chefdramaturgin Beate Heine, die zuvor in selber Position am Thalia Theater in Hamburg war. Reitzler und Heine stellten ihn vor, den Dresdner Übergangsspielplan. Der aus vielerlei Gründen reichlich Bewegung in sich trägt.

Zuvorderst die Zahlen: 34 Premieren soll es geben, davon 14 Uraufführungen und zwei Deutsche Erstaufführungen. Und das, obwohl eine lange Umbaupause fürs Schauspielhaus bevorsteht. Zum Vergleich: Schulz’ noch laufende letzte Dresdner Saison umfasst 21 Premieren, davon acht Uraufführungen. Aktuell fällt am 12. Juni im Schauspielhaus der letzte Vorhang dieser Spielzeit, die erste Premiere danach wird am selben Ort erst wieder am 29. Oktober gefeiert, mit Shakespeares „Othello“ in der Regie des Isländers Thorleifur Örn Arnarsson.

Wie wird die Zukunft Europas aussehen? Wie können wir sie gestalten? Diese beiden Fragen werden zentral sein für die Saison 2016/2017, wie Heine sagte. Eine programmatische Stoßrichtung, die das gestern gut sichtbare Motto „Dresden ist auch Europa“ ebenfalls umreißt. Dafür stehen stellvertretend Regisseure wie der Kroate Oliver Frljic („Requiem für Europa“, 4. November, Kleines Haus) oder eine Arbeit wie „Europa“ von Lars von Trier, die ab 6. Oktober im Palais im Großen Garten zur Aufführung kommt.

Damit wäre ein weiterer Teil der Bewegung ausgemacht. Denn der lange Umbau fragt nach anderen Aufführungsorten. Dieser Herausforderung hat sich das Theater gestellt. So kommen zum Palais noch die Schlosskapelle, die Gemäldegalerie Alte Meister, die Frauenkirche und die Trinitatiskirchruine. Besonders die Ruine habe er schon länger als interessant eingestuft, sagte Reitzel. Nun soll es dort, in fast unmittelbarer Nähe zu einem noch im Bau befindlichen Flüchtlingslager, gleich drei Premieren geben: „Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier“ nach Janne Tellers Buch, „Stark wie der Tod“ nach einem Hörspiel des deutsch-iranischen Autors und Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Navid Kermani sowie „Nichts in Sicht“ nach dem Roman von Jens Rehn.

Im Palais im Großen Garten greift das Staatsschauspiel noch andere Bezüge zur Stadt auf. Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ soll dort am 25. August seine Premiere erleben. „Ein Stück, das für Dresden geschrieben worden ist, aber nie hier aufgeführt wurde“, wie Reitzler begründete. Es darf durchaus als ein lange verschollenes Werk gelten, das 1926 geschrieben, aber erst 1969 in Graz uraufgeführt worden war. Dazu kommen Klassiker der Moderne wie Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ (Premiere 3. Dezember) oder Ibsens „Ein Volksfeind“ (April 2017), beide im Schauspielhaus.

Doch auch Dresden und eng mit ihr verknüpfte Literatur findet sich, wenig überraschend, im Spielplan. „89/90“, der oft gelobte, eigenwillige Rückblick auf kippende Zeiten des Dresdner Autors Peter Richter, wird am 27. August im Kleinen Haus uraufgeführt. Wenige Tage vorher, am 21. August, kommt ein anderer Roman ebenfalls erstmals auf eine Bühne. Ilija Trojanows „Der Weltensammler“ wird dann in der Schlosskapelle seine Uraufführung erleben.

Der Spielplan liest sich in toto wie ein Bekenntnis zur Weltläufigkeit. Ob es nun die deutschen Erstaufführungen „Gott wartet an der Haltestelle“ der Israelin Maya Arad und „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch sind oder die Uraufführung der Komödie „Homohalal“ des Syrers Ibrahim Amir (alles im Kleinen Haus) – der Ball wird dort aufgenommen, wo ihn Schulz’ Mannschaft im Weggang zuletzt abgelegt hat.

Außerdem ist eine bestimmte Affinität zu Texten bekannter österreichischer Autoren unübersehbar. Thomas Bernhards „Alte Meister“ werden tatsächlich in der Gemäldegalerie Alte Meister aufgeführt. Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ kommt sogar auf den Theaterplatz, inszeniert von Uli Jäckle, der hier schon durch sein „Wildnis“-Projekt in der Sächsischen Schweiz Aufsehen erregte. „Wir hoffen, es montags spielen zu dürfen“, sagte Reitzler. Die dann entstehende Konfrontation mit den Pegida-Gängern ist bewusst gesuchte Konfrontation im künstlerischen Sinn. Handke selbst habe sich von der Idee „begeistert“ gezeigt. Nicht zu vergessen noch Elfriede Jelineks „Wut“, kürzlich in München uraufgeführt, das als Kooperation mit den Dresdner Musifestspielen am 17. Juni 2017 in der Frauenkirche zu erleben sein soll.

Wolfgang Engel übrigens, der zusammen mit Reitzler das Interim leiten sollte, ist krank, derzeit in der Reha-Klinik. Er wird „nur“ inszenieren, Kleists „Amphitryon“ im Februar 2017. Im Ensemble selbst wird noch einmal durchgeschüttelt, mehr als ein Dutzend Abgänge. Doch nur sieben davon wechseln mit Schulz nach Düsseldorf, darunter Cathleen Baumann, André Kaczmarczyk, Jonas Friedrich Leonhardi und Christian Erdmann.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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