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Staatskapelle unter Vladimir Jurowski spielt die Uraufführung des "Dresden-Requiems"

Staatskapelle unter Vladimir Jurowski spielt die Uraufführung des "Dresden-Requiems"

Februar in Dresden, das ist nicht nur das Gedenken an 1945, als just zum späten Faschingsdienstag alle Verkleidung von der Narrenkappe bis hin zur "unschuldigen Barockstadt" demaskiert worden ist.

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Vladimir Jurowski am Dirigentenpult der Sächsischen Staatskapelle.

Quelle: Matthias Creutziger

Der 13. Der 13. Februar ist nicht nur Händehalten in Menschenketten, nicht nur juristischer und polizeilicher Staatsschutz für Neonazis. Der 13. Februar ist auch eine besondere Form der Kultur. In aller Regel wird da ein Requiem von Mozart, Verdi oder Brahms aufgeführt; wer es zeitgenössischer und ortsbezogener will, wählt Rudolf Mauersberger "Wie liegt die Stadt so wüst".

In diesem Jahr scheint einiges anders zu sein. Couragierter Ungehorsam stellt sich den Richterentscheiden und Polizeiplänen entgegen und ruft offen zur Blockade der Rechtslasten auf. Auch die beiden größten Orchester der Stadt wagen Ungewohntes: Die Dresdner Philharmonie führt unter ihrem Chefdirigenten Michael Sanderling Dmitri Schostakowitschs 7. Sinfonie auf, die dieser 1941/42 unter dem Eindruck der deutschen Blockade seiner Heimatstadt schrieb ("Leningrader" Sinfonie), die Sächsische Staatskapelle bringt sogar eine Uraufführung ihrer diesjährigen Capell-Compositrice Lera Auerbach heraus.

Die 1973 in Tscheljabinsk geborene und inzwischen seit zwanzig Jahren in New York lebende Komponistin schrieb im Auftrag von Kapelle und Stiftung Frauenkirche ein "Dresden-Requiem" und nannte es im Untertitel "Ode an den Frieden". Der Anspruch dieses immerhin schon dritten Requiems von Auerbach ist damit immens. Neben liturgischen Texten und einem in mehr als zwanzig Sprachen gesungenen "Kyrie" flossen auch ein Gedicht des in Dresden geborenen Autors Christian Lehnert sowie Worte vom New Yorker 11. September 2001 in dieses abendfüllende Werk ein.

Nach Rudolf Mauersbergers Trauermotette "Wie liegt die Stadt so wüst" von 1945 schuf lediglich Kapellmeister Kurt Striegler ein eigenes Requiem im Gedenken an den 13. Februar, das die Staatskapelle 1956 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt hat. Ansonsten erklangen zu diesem Anlass überwiegend "klassische" Totenmessen.

Mit der Uraufführung von Lera Auerbachs "Dresden-Requiem", das unmittelbar nach ihrer Ende vorigen Jahres erfolgreich in Wien uraufgeführten Oper "Gogol" entstand, ist der Dirigent Vladimir Jurowski betraut. Der hat bekanntlich in Dresden studiert und durfte im Februar 1990 seinem Vater Michail Jurowski (damals Ständiger Gastdirigent an der Sächsischen Staatsoper) bei der Einstudierung des Verdi-Requiems hospitieren. "Das war natürlich im Opernhaus", erinnert er sich, "weil die Frauenkirche noch Ruine war. Diesen schockierenden Anblick werde ich nie vergessen."

Der 1972 in Moskau geborene Vladimir Jurowski sei damals zum ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert worden, dass auch die Deutschen unter dem Krieg gelitten hätten, sagt er im DNN-Gespräch. "Das Konzert fand statt, bevor unsere Familie ganz nach Deutschland ging. Bis dahin bin ich natürlich mit einer sehr einseitigen Sicht auf die Dinge aufgewachsen. Vieles ist richtig und nachvollziehbar gewesen, aber eben einseitig. Doch auch Gräueltaten, die russische Soldaten verübt haben, bleiben Gräueltaten. Und so war auch die Zerstörung Dresdens aus strategischer Sicht total sinnlos."

Jurowski betont, für wie wichtig er es hält, diese Gedenkkonzerte auch fortzuführen, nachdem etwa die Frauenkirche in all ihrer Pracht wiedererrichtet worden ist. Und zwar "nicht nur in Erinnerung an die vielen tausend Menschen, die damals in Dresden ums Leben kamen, sondern im Gedenken an alle Opfer von rassistischer und nationalistischer Gewalt". Auch das "Dresden-Requiem" von Lera Auerbach sei in dieser Weite zu verstehen und beziehe sich nicht allein auf Dresdens Geschichte. "Das Werk ist allen Opfern nationalistischer Bewegung in der ganzen Welt gewidmet. Das finde ich ganz wichtig, vor allem in der heutigen Welt."

Dass in diesem Jahr eine Uraufführung der Capell-Compositrice auf dem Programm stehe, sieht Jurowski sehr in seinem Sinne. "Ich setze mich viel und gern für zeitgenössische Musik ein. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, meines Musikverständnisses schlechthin. Wenn Musik sich nicht immer wieder erneuert, dann hat sie keine Gegenwart und erst recht keine Zukunft."

Schon lange, bevor die ersten Noten zum neuen Requiem geschrieben worden sind, hatten sich Auerbach und Jurowski getroffen, um über das Konzept dafür zu reden. "Da ich den akustischen Raum der Frauenkirche mit seiner Problematik gut kenne, konnte ich Hinweise zu den Besetzungsfragen geben, wir verständigten uns aber auch über die Texte." Zum Komponieren hat sich Lera Auerbach dann nach New York zurückgezogen, das Werk zum 13. Februar entstand in der Stadt des 11. September. Die beiden Künstler mit ihren russischen Wurzeln stehen sich in ihrem Musikverständnis offensichtlich recht nah: "Sehr viele ihrer Gedanken", resümiert Vladimir Jurowski, "sagen mir absolut zu, da sind wir auf ähnlicher Wellenlänge. Aber ich finde, jedes Werk ist etwas absolut Individuelles und Unwiederholbares. Von ein und demselben Komponisten kann man sehr Verschiedenes erwarten. So wie von ein und derselben Frau auch sehr unterschiedliche Kinder in die Welt gesetzt werden. Ich warte noch auf das Kind."

"Dresden-Requiem": 11.2., 20 Uhr Frauenkirche (19 Uhr Konzerteinführung in Anwesenheit der Komponistin im Hauptraum der Frauenkirche. Für Konzertbesucher kostenlos)

13. und 14.2., 20 Uhr, Semperoper (14. Februar Live-Übertragung auf MDR Figaro)

Mit: Vladimir Jurowski, Dirigent, Maarten Engeltjes, Countertenor, Mark Stone, Bariton; Saint Thomas Choir of Boys (New York), St. Paul's Cathedral Choir (London), Herren des Sächsischen Staatsopernchors Dresden, Sächsische Staatskapelle

10.2., 16 Uhr, Gespräch mit Lera Auerbach im Foyer der Semperoper, Moderation: Tobias Niederschlag, Kartenpreis: 6,50 Euro

www.staatskapelle-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.02.2012

Michael Ernst

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