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Staatliche Kunstsammlungen Dresden sind Teil eines internationalen Restaurierungsprojektes

Staatliche Kunstsammlungen Dresden sind Teil eines internationalen Restaurierungsprojektes

Holz lebt, auch Jahrhunderte nachdem der Baum geschlagen wurde. Es arbeitet, dehnt sich aus oder zieht sich zusammen, reagiert empfindlich auf Klimaschwankungen.

Besitzer alter Möbel wissen dies nur zu gut, wenn dem Erbstück das geheizte Zimmer ohne ausreichend Luftfeuchtigkeit nicht gefallen mag und plötzlich ein Riss im Furnier klafft. Ist das Holz zum Träger eines Gemäldes von der Hand eines großen Meisters geworden, fällt der Riss mitten durch das kostbare Motiv noch ungleich schwerer ins Gewicht. Für Konservatoren und Restauratoren ergeben sich grundsätzliche Fragen der Erhaltung eines solchen Kunstwerkes, der Schadensvermeidung und -beseitigung.

"Bei Schäden am Holzbildträger muss man immer zuerst etwas am Holz tun und erst danach an der Malschicht", erklärt Dr. Uta Neidhardt, Oberkonservatorin an der Gemäldegalerie "Alte Meister" der "Staatlichen Kunstsammlungen Dresden" (SKD). Das Werk kann mechanische Schäden erlitten haben oder gar vom Wurm und anderem Getier befallen sein. Es kann in der Vergangenheit unsachgemäß restauriert, mit den falschen Mitteln behandelt oder falsch montiert und gerahmt worden sein. Mängelursachen gibt es viele. Unpassendes Klima nimmt es besonders übel, wie auch unsachgemäße Stützsysteme auf der Rückseite eines Bildes. Statt zu helfen, können sie mitunter die gefürchtete Verwerfung von einzelnen Brettern oder der ganzen Bildtafel, den "Waschbretteffekt", befördern.

"Wenn man am Holz etwas falsch macht, ist möglicherweise ein jahrhundertealtes Bild futsch", sagt Neidhardt. Also lieber die Hände davon lassen, falls die Spezialkenntnisse fehlen? Gibt es ausreichend Experten für eine so diffizile Angelegenheit? Die Getty-Foundation, Los Angeles, hatte nach einer europaweiten Umfrage unter Fachleuten festgestellt, dass Holzspezialisten mit beinahe chirurgischen Fähigkeiten über langjährige Erfahrung verfügen, in der Regel aber nun kurz vor dem Ruhestand stehen. In vielen Museen werden Holztafeln nur noch selten restauriert. An den SKD geschah dies zuletzt vor rund 25 Jahren. Eine eigene Umfrage der Kunstsammlungen zeigte, dass Restauratoren im deutschen Raum zwar gut ausgebildet sind, aber vor den schwierigen Eingriffen am Holz eher zurückschrecken.

Ein ganzes Jahr Arbeit

Das Wissen um die Holztafelrestaurierung soll keinesfalls verloren gehen, sondern an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. So starteten Getty-Foundation, Getty-Conservation-Institute und J.-Paul-Getty-Museum eine umfangreiche Initiative zur Holztafelkonservierung ("Panel Paintings Initiative"), beginnend mit zwei internationalen Konferenzen. Eingebunden ist auch ein Dresdner Projekt, das gerade seinen Abschluss gefunden hat.

Unter der Projektleitung von Uta Neidhardt veranstalteten die Gemäldegalerie "Alte Meister" und die Restaurierungswerkstatt für Gemälde ein Internationales Expertentreffen zur Holztafelkonservierung. Ein zehntägiges Kursprogramm umfasste eine breite Themenpalette von der Herkunft des einzelnen Baumes - sie ist über die Dendrochronologie (Jahresring-Bestimmung) nachweisbar - bis zu den Verfallsprozessen der Gemälde und ihrer strukturellen Stabilisierung. Die Teilnehmer kamen aus Museen in Deutschland, in Osteuropa, der Schweiz und Österreich, Referenten unter anderem von der Getty-Foundation, aus dem Metropolitan-Museum of Art New York, dem Kunsthistorischen Museum Wien, aus namhaften Museen in Florenz, London oder Kopenhagen. Auch das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen brachte seine Erfahrungen in der Konservierung von Altären ein.

Begonnen hatte das Dresdner Programm - die Getty-Foundation fördert es mit 166000 Euro - schon im Dezember 2012 mit einem praktischen Teil. In der Restaurierungswerkstatt der SKD konnte unter Leitung des Londoner Holzrestaurators Ray Marchant ein Gemälde restauriert werden. "Die Madonna des Basler Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen" ist nun nach fast einem Jahr Arbeit und dank spezieller Maßnahmen gerettet. Das Bild wurde jetzt erstmals präsentiert und soll bald ausgestellt werden. Marchant hatte den Dresdner Fachleuten sowie Hospitanten aus Museen in Erfurt, Altenburg und Prag ein eigens entwickeltes Stütz-system zum Verleimen von Fugen im Holz vermittelt, das auch weiterhin selbstständig angewendet wird.

Internationale Netzwerke geknüpft

Für Aufsehen sorgte auch die technische Untersuchung und Schadens-dokumentation des Genter Altars der Gebrüder van Eyck. Vor zwei Jahren fand zudem in Krakau ein Sommer-Workshop für Restauratoren und Kunsthistoriker statt. Neidhardt nahm daran mit dem SKD-Restaurator Axel Börner teil.

Die Kunstwissenschaftlerin kehrte inspiriert zurück - "ich habe dort un-glaublich viel gelernt" - und entwickelte als Fortsetzung mit einem Kollegen-Team das Dresdner Expertentreffen. Als Oberkonservatorin für niederländische Malerei hat sie speziell mit dem Material Eiche zu tun, das in dieser Region verwendet wurde. Jetzt hat sie auch manches Neue über Holzarten wie Pappel, Weide oder Walnuss, über Holzfällermarken und die Kennzeichen der Tafelmacher erfahren. "Der Nutzen der Kurse ist ein vielfacher", sagt sie - praktisch wie theoretisch. Über die internationalen Netzwerke, die sich gebildet haben, ist es möglich, Fragen zu klären, die sonst jahrelang ungelöst blieben.

Rund 700 Holztafelgemälde haben die SKD in ihrem Bestand. Davon müssten derzeit 20 dringend restauriert bzw. konserviert werden. Der Praxistest reißt also nicht ab. Und bei Problemen gibt es jetzt auch den direkten Draht zu internationalen Koryphäen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.10.2013

Genia Bleier

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