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Sprünge in Keller und ins Luftige: Sibylle Lewitscharoff war zu Gast beim Neuen Sächsischen Kunstverein in Dresden

Sprünge in Keller und ins Luftige: Sibylle Lewitscharoff war zu Gast beim Neuen Sächsischen Kunstverein in Dresden

"Stellen Sie sich vor, Sie wachen auf, und ein Löwe liegt auf ihrem Bettvorleger. Ihr Leben wird völlig anders verlaufen." Sibylle Lewitscharoff verblüfft gern mit ungewöhnlichen Gedankenexperimenten.

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Sibylle Lewitscharoff (l.) im Gespräch mit Buchhändlerin Susanne Dagen.

Quelle: Tomas Gärtner

Ihre Leser wissen das. Die Gäste ihrer Lesung beim Neuen Sächsischen Kunstverein erfahren es direkt, im Gespräch. Ja, was täte man, Aug in Aug mit einem Löwen? "Möglicherweise ist er hingeschwindelt." Leidenschaft bringt ihre Sätze in Fahrt, die sie hin und wieder mit einer Prise ebenso liebenswerten wie bissigen Schwäbischs würzt. Auf jeden Fall sollte man das Tier ernst nehmen. Blumenberg, der Philosoph, tut dies in ihrem gleichnamigen Roman. "Der kurvt um das Viech herum und berennt es mit kirchenhistorischem Wissen."

Ein Tier, Heiligen-Begleiter von Alters her, im Arbeitszimmer eines Agnostikers, wo es ihm allmählich zum "Trostgenerator" wird - ein kühner Einfall. "Mit Realismus hat das natürlich nichts zu tun." Womit sie bei einer ihrer Grundauffassungen angelangt wäre. Um die ging es im Gespräch mit Susanne Dagen, der Loschwitzer Buchhändlerin, passend umgeben von den Bildern der Ausstellung "Blaue Strömung. Das Geistige in der Kunst heute" - um Literatur, nicht um Reproduktionsmedizin.

Das Skandalgewitter nach ihrer Dresdner Rede hat sich aufgelöst. Nun kann sie hier wieder über Besonderheiten ihrer Prosa sprechen, ohne dass es ihr aus den Überdruckventilen des Empörungskessels entgegenpfeift. Kann über Kafka und südamerikanische Schriftsteller reden, von denen sie viel gelernt hat. In deren Texten gebe es stets dieses Entschweben in übersinnliche Sphären, Transzendenz, dann aber wieder die Rückkehr in die Realität.

Realismus pur hält Sibylle Lewitscharoff für eine einseitige literarische Festlegung, in der deutschen Literatur verständlicherweise aus der Nachkriegsverpflichtung zur Aufarbeitung entstanden. "Aber man kann das nicht fünfzig Jahre so weiterführen." Ihr liegt an beidem: "Ohne Realismus gibt es kein Gehäuse. Aber die Sprünge hinab in den Keller und hinauf ins Luftige sind das Interessantere an der Literatur." Das, was sich in unseren Köpfen nun einmal abspielt. Als Extrem, faszinierend wie gefährlich, interessiert es sie besonders: "Verrücktheit ist mein Leib- und Magenthema."

In seiner tragischen Konsequenz hat sie es als Elfjährige erfahren, als sich ihr depressiver Vater umbrachte. Eine Tat, die eine Familie in tiefstem Unfrieden zurücklässt. In "Apostoloff" hat sie eine mögliche Reaktion auf den Selbstmord beschrieben. Nicht Verständnis, sondern Wut. "Ein hartes Buch", meint Susanne Dagen. Die Autorin gibt ihr Recht. "Aber irgendwer in der Familie muss der Aufrührer sein."

Was in einem an sich wohlsortierten Kopf vor sich gehen kann, hat sie mit zwölf Jahren erfahren, als sie LSD nahm. Wie das Hirn zum "Brausekopf" wird, man überscharf wahrnimmt, in wilde Bildwelten eintaucht. Lebensgefährlich, ohne Frage, wenn als Fluchtmöglichkeit davor nur noch Selbstmord bleibt. "Aber fürs Schreiben ist es eine Steilvorlage."

Religion ist ihr wichtig geworden, weil sie die in ihrer Kindheit in "herzensguter Form" bei ihrer pietistischen Großmutter kennengelernt hat. Nie gegen andere gewandt, sondern als großzügige Hilfsbereitschaft. Von einer gemütlichen "Soft-Eis-Version" der Religion indes hält sie nichts. Nicht zu leicht solle Erlösung zu haben sein, Furcht und Schrecken müssten mitgedacht werden. Die Idee, dass schwerste Verbrechen bestraft werden, gehöre dazu.

Nach dem philosophisch gewichtigen "Blumenberg" hat sie sich nun mit "Killmousky", einem Krimi, ein etwas leichteres Intermezzo gegönnt. Damit es thematisch nicht übergangslos immer größer wird. Inzwischen nämlich schreibt sie an einem Roman, in dem es um einen Dante-Kongress geht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.11.2014

Tomas Gärtner

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