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Sportfotos überschwemmen uns, doch ihre Ästhetik bleibt reizvoll: Dresdens Altana-Galerie zeigt "SportBilder"

Sportfotos überschwemmen uns, doch ihre Ästhetik bleibt reizvoll: Dresdens Altana-Galerie zeigt "SportBilder"

Satt gesehen haben wir uns. Schließlich werden sie jeden Tag aufs Neue durch die virtuelle und die Print-Welt gespült: Sportfotos. Bei Großereignissen von Olympia über Fußball-WM bis hin zur jährlichen Tour de France, im Nachgang der normalerweise mindestens wöchentlichen Bundesliga-Spiele, bei zu Events aufgeplusterten Formel-1-Rennen - die Flut ist nicht nur eine der bewegten Bilder, auch die Fotos rund um diese Termine sind mittlerweile wohl nur noch zu schätzen, dem Zählen entziehen sie sich.

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Richard Peter jun.: "Boxwettkampf. Boxer nach einem Niederschlag" (1950/51). Repro: Deutsche Fotothek

Quelle: Fotothek

Das Publikum ist übersättigt, könnte konstatiert werden. Und ist es doch nicht, denn die (Un-)Menge ergießt sich immer wieder neu und ungebremst. Es muss also eine eigenartige Faszination ausgehen von diesen Sportbildern, vom Sport selbst (der so dargestellt ja meist Leistungssport ist). Wir kommen ergo aus dem Staunen nicht heraus, erneuern es geradezu in schöner Regelmäßigkeit. Diesem Umstand ist wohl auch die Ausstellung "SportBilder - Fotografien der Bewegung" in der Altana-Galerie der TU Dresden geschuldet.

Das Sportfoto ist heutzutage dominanter Bildanker in einem sich selbst immer mehr beschleunigenden Nachrichtenmarkt. Rein technisch gesehen, kann dort fast von Unmittelbarkeit gesprochen werden, weil zwischen dem Moment des Fotografierens und dem des Publizierens via Internet nur Minuten, bei entsprechender Nachrichtenlage gar nur Sekunden liegen können. (Foto-)Technik und ihre Entwicklung sind ebenfalls eine Perspektive, aus der heraus die etwa 120 Bilder umfassende Ausstellung gesehen, gelesen werden kann. Denn was, um ein Beispiel zu nennen, der Fotograf Laci Perenyi mit "Degen Synchron", dem Sportfoto des Jahres 2012, schaffte (das aber nicht in der Schau gezeigt wird), war vor Jahrzehnten noch eine ungeheuer aufwendige Arbeit (was in der Schau gezeigt wird: Wolfgang G. Schröters Strobochromatogramm "Fechten", 1955/85). Ein Streifzug nicht nur durch mehr als 100 Jahre Sportfotografie, was bei der Anzahl der ausgestellten Bilder natürlich nur schlaglichtartig funktioniert, sondern mithin auch durch die Geschichte von Kamera- und Aufnahmetechnik. Womit gleichzeitig ein Begriff umrissen wäre, der das dynamische Element im Sport beschreibt und abbildet zugleich: die Unschärfe. In der zeitgenössischen Kunst mittlerweile ermüdend flächendeckend zum Stilmittel erkoren, steht sie bei der Sportfotografie für etwas Grundsätzliches. Unschärfe dort suggeriert Authentizität, die Garantie, nahe am Geschehen gewesen zu sein, die Teilhabe des Betrachters an einem Moment, den er mit bloßem Auge auf diese Weise wohl nie hätte verfolgen können. Das Sportfoto wird als Ersatz der Originalszene wichtiger als diese Szene selbst. Der Moment ist vergänglich, das Bild ewig. Indem die Dynamik eingefroren wird, bekommt die Bewegung dank Standbild einen Hauch von Unendlichkeit. Paradox.

Das ambitionierte Überstreichen eines Jahrhunderts und die enge Kooperation mit der Deutschen Fotothek, die ja quasi auch am TU-Campus zu Hause ist, führt dann inhaltlich gleichfalls dazu, dass der Sportfotografie der DDR in der Schau einiges an Raum eingeräumt wird, natürlich nicht ohne sportpolitische Hintergründe, wie beispielsweise Klaus Morgensterns Foto zweier boxender Jungen, aufgenommen beim Turn- und Sportfest 1963 in Leipzig. Doch erhalten die Fotos aus DDR-Tagen vordergründig eine ästhetische Zuordnung, weniger eine ideologische, selbst wenn in der zweiten Etage die Fotos der 30er Jahre reibungslos in die der 50er übergehen - und an dieser Stelle dann recht klar die gesellschaftlichen Parallelen von Ästhetik und Inszenierung der Masse hervortreten.

Das Boxen scheint auf die Auswahl der Kuratoren-Trias Jürgen Müller, Felicitas Rhan und Josefine Kroll zufolge insgesamt einen speziellen Reiz ausgeübt zu haben, wie auch entsprechende Fotos von Roger und Renate Rössing oder Richard Peter jun. zweifelsfrei unterstreichen. Besonders Peters Bild eines jungen Boxers, der eben zu Boden ging und von Gegner sowie Ringrichter vergeblich wieder auf die Beine gestellt werden soll, zeigt durch den Hintergrund, in dem ein Schriftzug die III. Weltjugendfestspiele (1951 im damaligen Ost-Berlin) feiert, durchaus ironische Züge, selbst wenn sie der Fotograf auf dieser Ebene möglicherweise gar nicht hat herstellen wollen. Die Turnbilder von Gustav Hildebrand oder Gerhard Weber wiederum bestechen durch Innigkeit, zeigen Trainingsmomente. Und, wenig überraschend, demonstriert auch Christian Borchert seinen feinen Blick, der nicht der übliche eines Sportfotografen ist.

Die Rössings sind ihrerseits Protagonisten der Bewegung. Handball, Hunde- und Autorennen (großartige Mischung) werden abgelichtet. Wunderbar auch Bernd Heydens Foto der letzten Friedensfahrt-Etappe 1966, auf dem der Fahrer scharf (also stillstehend) erscheint, wogegen die Zuschauer trotz ihrer Unbeweglichkeit die Unschärfe übergeholfen bekommen.

Im Eingangsbereich der Ausstellung soll eine Collage aus 26 Fotos von Muhammad Ali, einer der größten Sport-Ikonen überhaupt, das Publikum anziehen. Der erwähnte Reiz des Boxens könnte also auch in dieser Richtung funktionieren. Weiter oben, gegen Ende der Schau, franst das Konzept dagegen etwas aus. Die finalen Fotos zeigen moderne Stadien aus der Vogelperspektive, meist leer wie das Sportforum Leipzig - ein Abschluss, der dem Bewegungsmoment, dem erklärten Zentrum der Ausstellung, recht fremd gegenübersteht. Selbst wenn das Stadion die Massen hält, die ihrerseits wiederum natürlich Synonym für Bewegung sind.

bis 12. Juli, Finissage zur Museums-Sommernacht (dann sollen die gezeigten Fotos auch versteigert werden), Altana-Galerie im Görges-Bau, Helmholtzstr. 9, geöffnet Mo-Fr 10-18 Uhr, kostenfreie Führung heute ab 17 Uhr, Katalog in den Dresdner Buchhandlungen (15 Euro)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.06.2014

Torsten Klaus

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