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Spiel mit Rollenklischees: französisches Design von und für Frauen

Spiel mit Rollenklischees: französisches Design von und für Frauen

"Hey girls, do it yourself", meint Edouard Guiounet und liefert zum Heimwerker-Slogan das passende Handwerkszeug in Rosa, vom Hammer über Schraubenzieher, Zange und Schutzbrille bis zu Handschuhen.

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Emilie Voirin, Stuhl "Emmanuelle is shy", 2010, FNAC 2011-562, Centre nationale des arts plastiques, Frankreich. © Emilie Voirin

Guiounet ist ein Mann und entwirft Designobjekte für Frauen - die junge Generation stört das nicht. Für sie ist die alte Feminismus-Debatte längst vorbei. Männer gestalten für Frauen, Frauen für Männer und natürlich Frauen für Frauen. Die Rollenklischees laden zum Spielen ein.

Freilich gibt es unter den Designstudenten mehr Frauen als Männer, aber im Beruf kehrt sich das Verhältnis schnell um. Die großen Designstars sind ohnehin fast ausnahmslos Männer. Grund genug für Marc Monjou und Rodolphe Dogniaux, dem Design von und für Frauen nachzuspüren. Die Kuratoren kommen von der Design- und Kunsthochschule in Saint-Étienne, etwa 50 Kilometer südwestlich von Lyon gelegen. Unter den 44 französischen Kunstakademien rangiert Saint-Étienne gleich hinter Paris an zweiter Stelle.

Monjou und Dogniaux präsentieren jetzt im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main rund 90 Objekte von Studenten und jungen Gestaltern, denn die diesjährigen Kulturtage der Europäischen Zentralbank widmen sich unserem Nachbarn Frankreich. In der Schau dreht sich alles um den häuslichen Bereich, der lange die Domäne der Frau war. Bisher kam ihr nur die passive Rolle als Kundin zu - vom Handmixer bis zum Staubsauger sollte alles schön geformt und gefärbt sein. Doch jetzt gestalten Frauen für ihre Geschlechtsgenossinnen - mit viel Witz und Pfiff.

Da ist gleich eingangs ein weißer Büstenhalter zu sehen, der an einer Seite merklich abgeflacht, aber dafür mit filigraner Spitze versehen ist. Catherine Malhouitre hat diesen BH für Frauen entworfen, die nach einer Krebs-Operation nur noch eine Brust haben - und die auch Mut genug haben, die lädierte Brust zu zeigen! Wenige Schritte weiter eine komplett schwarz eingefärbte Kaufhauspuppe, die vertikal und horizontal mit Maßbändern überzogen ist. Carolina Reis nimmt mit diesen Idealmaßen die verzweifelten Träume von Frauen aufs Korn. "Kanon" heißt dieses erste von insgesamt neun Kapiteln, die nicht immer ganz ernst zu nehmen sind.

Im Zentrum steht das Design für Frauen, vom schwarzen Schutz-BH für Boxerinnen bis zum Silikon-Sexspielzeug. Auf die kleinen körperlichen Unterschiede wird viel angespielt, vom Obst-Kondom für Bananen bis zum Hermaphroditen-Hocker. Allemal witziger ist das Tischfußballspiel, das Chloé Ruchon mit hell- und dunkelblonden Barbie-Puppen ausgestattet hat. Oder Emilie Voirins Rattansessel mit einer Art Haube, so dass die darin sitzende Frau nichts sieht, ihr Gegenüber aber schon mal ihre Figur, aber noch nicht ihr Antlitz sieht - ein moderner Schleier und eine subtile Kritik an der Frau als (Sex-)Objekt.

Marie Pendariès indes spielt mit Traditionen, Träumen und Ritualen einer Hochzeit. Das weiße Porzellan, das früher zur Aussteuer ihrer Großmutter zählte, hat sie durchlöchert und zu Schmuck umfunktioniert, den sie an Armen, Beinen und um den Hals trägt. So kommen alte Familienerbstücke wieder zu neuem Einsatz. Freilich sind das nur Spielereien, die wenig mit dem Alltag zu tun haben. Doch neuerdings gibt es tatsächlich Kristallschreiber, die eigens für zartgliedrige Frauenhände entworfen wurden. Oder der leichte Staubsauger, der wie ein Rasenmäher aussieht, aber lieber für den Teppich benutzt werden sollte. Nicht zu vergessen die Staubsauger aus dem Museum in Saint-Étienne, Klassiker der schlichten Gestaltung.

Auch die männlichen Designer schlagen sich wacker beim Spiel mit den Rollenklischees. Jonathan Tijou etwa hat sich das Damen- und Herren-Symbol an Toiletten-Türen vorgeknöpft. Seine Frau trägt Zöpfe und Rock, aber beides kann man an eingestanzten Löchern abtrennen und hat rasch einen kantigen Mann vor sich. So leicht austauschbar sind die Geschlechter.

Um die jungen französischen Designer muss es einem also nicht bang sein. Sie gehen mit Esprit und Humor ans Werk. Eine rundum gelungene Schau.

Museum für angewandte Kunst, Frankfurt/Main, Schaumainkai 17. Bis 2. Dezember, Di-So 10-17, Mi 10-21 Uhr. Tel. 069/ 21 23 40 37

www.angewandtekunst-frankfurt.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.11.2012

Christian Huther

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